Goldpreis: Warum die jüngste Erholung noch kein Befreiungsschlag ist
Ist der Ausverkauf in diesem Jahr nur eine heftige Korrektur nach einer außergewöhnlichen Rally oder der Beginn einer längeren Schwächephase? Diese Frage treibt Anleger um, seit der Goldpreis nach seinem Hoch im Januar deutlich unter Druck geraten ist. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Seit dem Januar-Hoch hat Gold ein Viertel seines Wertes verloren. In den ersten zwei Julitagen legte der Goldpreis zwar wieder um fünf Prozent zu. Doch allein in den vergangenen drei Monaten gab das Edelmetall rund 14 Prozent nach. Ende Juni rutschte der Preis unter 4.000 Dollar je Feinunze und beendete damit das schwächste Quartal seit 2013.
Belastet wurde Gold vor allem durch die Erwartung höherer US-Zinsen, einen stärkeren Dollar und die Umschichtung von Kapital in Anlageklassen mit höheren Renditechancen. Besonders gefragt waren Aktien aus den Bereichen künstliche Intelligenz, Halbleiter und andere schnell wachsende Technologiethemen.
Der wichtigste Grund für die Trendwende liegt in der veränderten Erwartung an die Geldpolitik der US-Notenbank. Die Märkte haben sich darauf eingestellt, dass der neue Fed-Chef Kevin Warsh der Bekämpfung der Inflation Vorrang vor schnellen Zinssenkungen gibt. Im Gegenteil: Für dieses Jahr wird inzwischen sogar mit einer Zinserhöhung gerechnet.
Für den Goldpreis ist ein solches Umfeld ungünstig. Gold wirft keine Zinsen ab. Wenn Anleihen höhere Renditen bieten, verliert das Edelmetall im Vergleich an Attraktivität.
Nach zwei Jahren fast ununterbrochener Aufwärtsbewegung hat Gold in diesem Jahr eine scharfe Kehrtwende vollzogen. Anleger begannen, Positionen zu schließen, insbesondere solche, die mit Fremdkapital aufgebaut worden waren. Ein Teil des Geldes floss in Aktien aus Bereichen wie künstliche Intelligenz, Halbleiter und andere wachstumsstarke Technologiewerte.
Das bedeutet nicht, dass die langfristige Attraktivität von Gold verschwunden ist. Kurzfristig ist Gold aber nicht mehr die zentrale Anlagegeschichte der Märkte.
Goldpreis und ETF-Anleger: Schnelle Käufer werden zu schnellen Verkäufern
Der empfindlichste Teil der Goldnachfrage hängt mit ETF zusammen, also börsengehandelten Fonds, die an Gold gekoppelt sind. In der Aufwärtsphase flossen Milliarden Dollar in diese Goldfonds. Im vergangenen Jahr waren es 89 Milliarden Dollar.
Besonders aufschlussreich sind die Daten für das erste Quartal dieses Jahres. Die ersten zwei Monate verliefen noch positiv. Dann folgte im März eine Flucht aus Gold-ETF mit Nettoabflüssen von 12 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist, dass sich gerade zu diesem Zeitpunkt die Krise im Persischen Golf zuspitzte. Damit geriet auch der Mythos vom Gold als sicherem Hafen in geopolitischen Krisen ins Wanken.
Die Dynamik der Geldströme in ETF zeigt, wie stark sich dieses Kapital vom Verhalten der Zentralbanken unterscheidet. Fondsanleger suchen in der Regel Rendite und reagieren schnell auf Zinsen, den Dollar, technische Signale und die Stimmung an den Märkten. Dreht sich die Geschichte, kann Gold sehr schnell zu einer Quelle von Liquidität werden. Das gilt besonders dann, wenn Anleger noch im Gewinn liegen.
In Gold-ETF befindet sich weiterhin viel Gold, das zu höheren Preisen gekauft wurde als den aktuellen. Bei jeder größeren Erholung könnte deshalb neues Angebot von Anlegern auf den Markt kommen, die ohne Verlust aussteigen wollen. Kurzfristig dürfte genau das der wichtigste Bremsfaktor für eine schnelle Erholung des Goldpreises sein.
Auch in China wird der spekulative Handel mit Gold und Silber stärker eingeschränkt. Die größte chinesische Bank ICBC kündigte an, ab dem 24. Juli die Vermittlung von Handelsdienstleistungen für Privatanleger bei Gold- und Silber-Terminkontrakten vollständig einzustellen. Andere große Banken haben die Anforderungen an die Sicherheitsleistungen für solche gehebelten Geschäfte deutlich erhöht. Der Handel wird dadurch für viele Privatanleger unattraktiv. Der Kauf von physischem Gold bleibt dagegen uneingeschränkt möglich.
Während ETF-Anleger verkauften, kauften die Zentralbanken weiter. Im ersten Quartal dieses Jahres erwarben sie zusammen 244 Tonnen Gold. Das war mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und lag über dem Fünfjahresdurchschnitt.
Der Grund ist einfach: Zentralbanken kaufen Gold nicht für kurzfristige Handelsgewinne. Sie kaufen es zur Verwaltung ihrer Währungsreserven. Immer mehr Staaten wollen ihre Abhängigkeit vom Dollar und von US-Staatsanleihen reduzieren.
Dieser Trend hat sich nach 2022 verstärkt, als der Westen einen großen Teil der russischen Devisenreserven einfror. Für viele Zentralbanken war das ein Warnsignal. Währungsreserven in ausländischer Währung können auch ein politisches Risiko sein. Bei Gold stellt sich diese Frage nicht in gleicher Weise.
Zu den größten Käufern zählt China. In Europa gehört Polen seit einigen Jahren zu den auffälligsten Käufern.
Goldpreis-Prognose: Zwischen neuer Rally und weiterem Rückgang
Die Prognosen der Analysten für das Jahresende gehen deutlich auseinander. Einige Experten haben ihre Erwartungen nach dem Ausverkauf gesenkt. Sie warnen, dass der Goldpreis weiter fallen kann, wenn die Zinsen weiter steigen und Anleihen dadurch noch höhere Renditen bieten.
Andere Analysten bleiben optimistischer. Sie setzen auf anhaltende Käufe der Zentralbanken, auf die Diversifizierung der Reserven weg vom Dollar, auf die hohe globale Verschuldung und auf geopolitische Risiken.
Die Spanne der Prognosen ist groß. Die Mehrheit der Analysten erwartet, dass sich der Goldpreis wieder in Richtung 4.300 bis 4.600 Dollar je Feinunze bewegt.
Weniger optimistisch ist das britische Analysehaus Capital Economics. Dort geht man davon aus, dass Gold sein lokales Tief noch nicht erreicht hat. In der zentralen Prognose erwarten die Analysten, dass Gold in den kommenden 18 Monaten weiter an Wert verliert. Spekulatives Kapital dürfte Gewinne mitnehmen und dadurch zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugen.
Capital Economics begründet diese Einschätzung auch mit Vorsicht gegenüber der weiteren Entwicklung der Aktienmärkte. Für das kommende Jahr erwartet das Analysehaus größere Kursrückgänge an den Börsen. In einem solchen Umfeld könnte sich der Verkaufsdruck auch auf Goldanlagen ausweiten. Den Goldpreis sehen die Analysten zum Jahresende bei 3.500 Dollar je Feinunze. Im kommenden Jahr erwarten sie einen weiteren Rückgang in Richtung 3.250 Dollar.
Damit würde Gold einem ähnlichen Zyklus folgen wie nach der Finanzkrise von 2008. Damals stieg der Preis bis 2011 um rund 130 Prozent. Anschließend verlor das Edelmetall bis 2014 mehr als 40 Prozent seines Wertes.
Für deutsche Anleger ist der Goldpreis besonders relevant, weil Gold häufig als Absicherung gegen Währungsrisiken, Inflation und geopolitische Unsicherheit betrachtet wird. Entscheidend ist für Anleger hierzulande vor allem die allgemeine Frage, ob Gold im Portfolio weiterhin als Stabilitätsanker dient oder ob steigende Zinsen und starke Aktienmärkte vorerst gegen neue Engagements sprechen.
