Politik

Ein Lied als Warnung: „Großen Schrittes kam der Krieg mit aller Macht“

Lesezeit: 1 min
05.10.2014 23:48
Konstantin Wecker hat das Gedicht „Der Krieg“ von Georg Heym weitergedichtet. Wecker ruft zum Widerstand auf, damit es nicht eines Tages heißt: „Und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.“

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Der Krieg

Georg Heym/Konstantin Wecker

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,

Aufgestanden unten aus Gewölben tief.

In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,

Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,

Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,

Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.

Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an

Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.

Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,

Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall

Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.

Über Toren, wo die Wächter liegen quer,

Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein

Einen roten Hund1 mit wilder Mäuler Schrein.

Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,

Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit

Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,

Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,

Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,

Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.

Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht

In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,

In des toten Dunkels kalten Wüstenein,

Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,

Pech und Feuer träufet unten auf Gomorr

Hundert Jahre ist der große Text nun alt,

eine Ode gegen Kriege und Gewalt.

Doch er konnte uns wohl nicht erreichen,

wenn man sieht wie sich die Bilder gleichen.

Gibt es einen, der im Kriege nicht verlor?

Und nun sind der Kriege mehr, als je zuvor.

So viel Städte sind zerstört im gelben Rauch,

warfen lautlos sich in tiefen Abgrunds Bauch.

Und schon wieder hört man herrisch Krieger schrein,

aus den Dunkelheiten droht ihr Widerschein.

Wieder wälzt sich die Vernunft dumpf in Gewalt,

abgestorben die Vernunft. Das Herz ist kalt.

Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,

von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Bleiche Kinder flehn uns händeringend an:

Macht ein Ende mit dem Irrsinn irgendwann.

Irgendwann? Nein jetzt! Wir müssen sehn

wie wir den Gewalten widerstehn,

denn sonst heißt es wieder eines Tages dann:

Seht euch diese dumpfen Bürger an-

großen Schrittes kam der Krieg mit aller Macht

und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.


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