Gejagt: Medien veröffentlichen Wohnhaus und Telefon-Nummer von Weselsky

 

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06.11.2014 00:11
Die Bild-Zeitung fordert die Leser auf, dem Gewerkschaftsführer die Meinung zu „geigen“ und veröffentlicht seine Büro-Telefonnummer. Der Focus bringt ein Foto vom Wohnhaus Weselskys und vom Klingelschild, auf dem steht: „Fam. Weselsky“. Es muss diesen Medien ziemlich schlecht gehen, wenn sie zu solchen Mitteln greifen.
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Bei Sonntagsreden empören sich Politiker und Medien über die Unsitten im Internet. Bundesfinanzminister hat bei einer Veranstaltung gesagt, der Shitstorm sei keine Weiterentwicklung der Demokratie.

Doch tatsächlich schlagen derzeit einige Medien selbst gewaltig über die Stränge. In der Bild-Zeitung bezeichnet Bela Anda den Gewerkschaftsführer Claus Weselsky als „bahnsinning“. Anda war Pressesprecher von Gerhard Schröder, als dieser mit der Hartz IV-Reform die erste große Welle des Lohn-Dumpings in Deutschland angeschoben hat. Rührselig schreibt Anda: „Deutschland braucht eine funktionierende Infrastruktur. Züge, die fahren. Menschen, die sich sehen.“

Deutschland braucht vor allem Medien, die noch die Grenze zwischen Kritik und Hetze erkennen.

Als große Geschichte titelt die Bild, deren Chefredakteur in einer WG im Silicon Valley angeblich gelernt hat, wie das Internet die Medien verändert: „Geigen Sie dem GDL-Chef die Meinung“ - es folgt die Telefonnummer seines Frankfurter Büros. Mit der Wortwahl wird zur Hatz auf Weselsky geblasen: Denn die Bild schreibt nicht, man solle Weselsky die Meinung „sagen“, sondern „geigen“ - eine unverhohlene Aufforderung zum aggressiven Tonfall. Hat eigentlich jemand an die Sekretärinnen gedacht, an die Telefonvermittler, die hinter dieser Nummer sitzen? Sind das keine Menschen, die ein Recht auf Privatsphäre haben?

Was die solcherart informierten Bild-Leser zu sagen haben, kann man auf einer hörenswerten CD der Titanic hören (mit brillanten Antworten von Martin Sonneborn): Die Bild hatte vor Jahren ihre Leser aufgefordert, der Titanic wegen einer Anti-Beckenbauer-Kampagne die Meinung zu geigen. Die Leser machten von der Anregung regen Gebrauch (Ausschnitte hier).

Noch infamer geht der Focus vor, der in der Vergangenheit durch besonders intelligente Schlagzeilen aufgefallen ist wie diese: „Frankreich muss sparen, sonst zündet die Finanz-Atombombe in der Eurozone.“

Im Fall Weselsky haben sich die investigativen Kollegen des Focus aufgemacht, um die Wohnung des Gewerkschaftschefs ausfindig zu machen. Unter dem Titel: „So lebt der GDL-Chef - Weselskys Altbau-Fassade: So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer“ werden Fotos von dem Haus gezeigt, in dem Weselsky angeblich wohnt. Der Sozialneid wird geschürt mit Sätzen wie: „In der Straße haben sich Rechtsanwälte und Psychologen niederlassen - und mittendrin lebt Weselsky in einem schmucken Altbauhaus.“ Dann entblödet sich das Magazin nicht, ein Klingelschild zu zeigen, auf dem steht: „Fam. Weselsky“. Die ausdrückliche Aufforderung, Sturm zu klingeln und dem GdL-Chef die Meinung zu geigen, spart sich das Magazin. Die Botschaft spricht für sich selbst.

Bereits in den vergangenen Wochen war eine regelrechte Jagd gegen Weselsky entbrannt. Sogar die FAZ hatte sich zu Ausfällen hinreißen lassen und, in Anspielung an einschlägige Schlagzeilen gegen Putin getitelt: „Stoppt diesen Mann!“

Die Welt greift zum mittlerweile beliebten Mittel, Beschimpfungen aus den Sozialen Netzwerken aufzugreifen und in ihre Berichterstattung zu integrieren. So wird in einem Artikel heuchlerisch ein Tweet zitiert: „Die Kommentare richten sich immer mehr gegen seine Person und weniger gegen die Institution: ,Man möchte den #GDL-Bonzen teeren, federn und aus dem Land jagen...‘“. Nicht erwähnt wird, dass sich auch das Schwesternblatt Bild munter an der Jagd beteiligt - und zwar ohne den Umweg über Twitter oder Facebook.

So werden Schlagzeilen ihrem ursprünglichen Wortsinn gerecht: Sie verteilen Schläge. Die Schläge, so ist schwer zu hoffen, werden nicht Claus Weselsky treffen - wenngleich nicht auszuschließen ist, dass ein aufgebrachter Leser tatsächlich zulangt. Die Schläge werden langfristig diese Medien treffen, weil jedem Bürger klar ist, dass hier eine Grenze überschritten wurde: Fotos von Privatwohnungen und die Veröffentlichung von Telefonnummern sind nicht Berichterstattung, sondern die Verletzung der Privatsphäre. Kaum ein Medium hat sich Mühe gemacht, über die Ursachen des Konflikts zu berichten, die lange zurückliegen - und eine Grundsatzfrage über die Rolle der Gewerkschaften aufwerfen. Statt dessen werden die Persönlichkeitsrechte eines unbescholtenen Bürgers verletzt.

Dass sich künftig jeder Gewerkschaftsführer gründlich überlegen wird, sich mit seinen natürlichen Gegnern anzulegen, nimmt die Jagdgesellschaft billigend in Kauf. Sie leistet einer Gesellschaft Vorschub, in der Interessen in Hinterzimmern abgeglichen werden. Sie gaukelt einen Zwang zur Harmonie vor, der in der Geschichte noch nie den Schwächsten der Gesellschaft genutzt hat, sondern immer den Eliten. Es ist kein Zufall, dass der Konflikt schon dazu verwendet wird, um das Streikrecht grundsätzlich in Frage zu stellen - frei nach dem Motto: Wie gut, dass es Leiharbeiter gibt, die haben keine Vertretung.

Doch der Focus entlarvt sich selbst, indem er zugibt, dass er Weselsky längst nicht mehr für unbescholten hält. Da liest man: „Claus Weselsky – GDL-Chef und Streik-Führer – muss sich fühlen wir ein vorverurteilter Verdächtiger. Das öffentliche Urteil über ihn ist längst gesprochen. Klar, unmissverständlich und gegen den Angeklagten.“

Diese Ausfälle sind ein alarmierendes Zeichen für den Niedergang der Medien-Branche: Niemand soll sich wundern, dass die Medien in der Bewertung der Bevölkerung ganz weit hinten liegen.

Das liegt nicht an Rechtschreibfehlern oder bissiger, politischer Kritik. Kritik - auch am Verhalten einer Gewerkschaft - ist immer zulässig und kann gar nicht scharf und pointiert genug formuliert werden. Doch die Veröffentlichung von privaten Wohnhäusern oder beruflichen Telefonnummern trägt nichts zur Aufklärung oder Information bei.

Dieselben Medien sind bei Kritik an der Regierung übrigens eher zahm - kein Wunder: Die Zeitungen haben der Regierung das Zugeständnis abgerungen, den Mindestlohn für Zeitungsausträger noch eine Weile hinauszögern zu können - also jenen Schwächsten, die bei Wind und Wetter dafür sorgen, dass die Zeitungen zu den Abonnenten kommen. Die Verlage haben mit Tränen in den Augen beklagt, dass sie durch den Mindestlohn an die Zeitungsausträger an den Rand des Ruins getrieben wurden.

In den Ruin werden die Zeitungen jedoch nicht durch den Mindestlohn für die Zeitungsausträger getrieben, sondern durch den Verlust journalistischer Mindeststandards. Was sich im deutschen Blätterwald und im TV derzeit abspielt, wenn es um die persönliche Diffamierung von Claus Weselsky geht, zeigt: Der Branche muss es wirklich schlecht gehen. Anders sind diese Entgleisungen nicht zu erklären.


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