Politik

Papst Franziskus: Armenier Opfer des „ersten Völkermords im 20. Jahrhundert“

Lesezeit: 1 min
12.04.2015 16:16
Papst Franziskus hat die Vertreibung der Armenier als Völkermord bezeichnet. Er stellte das Verbrechen damit in eine Reihe mit den Taten der Nationalsozialisten und des Stalinismus. Die Türkei hat aus Protest gegen die Aussagen ihren Botschafter im Vatikan ins Außenministerium einbestellt.
Papst Franziskus: Armenier Opfer des „ersten Völkermords im 20. Jahrhundert“

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Papst Franziskus hat den Tod von möglicherweise bis zu 1,5 Millionen Armeniern vor 100 Jahren als «ersten Völkermord im 20. Jahrhundert» bezeichnet. «Unsere Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt», sagte der Pontifex am Sonntag bei einer Sondermesse für armenische Katholiken in der Basilika des Petersdomes.

«Die ‎erste, die allgemein als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts» angesehen wird, hat euer armenisches Volk getroffen – die erste christliche Nation –, zusammen mit den ‎katholischen und orthodoxen Syrern, den Assyrern, den Chaldäern und den Griechen.» ‎Die beiden anderen Völkermorde des 20. Jahrhunderts seien schließlich «von Nationalsozialismus und Stalinismus» begangen worden.

Auch der armenische Patriarch Karekin II. war bei den Feierlichkeiten in Rom anwesend. «Der armenische Genozid ist eine unvergessliche und unbestreitbare Tatsache, die tief in den Annalen der modernen Geschichte und im Bewusstsein des armenischen Volkes verwurzelt ist», sagte das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche. «Deswegen ist jeder Versuch, sie aus der Geschichte oder unserer Erinnerung zu löschen, zum Scheitern verurteilt.»

Millionen Armenier wurden während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich vertrieben, viele von ihnen wurden ermordet. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/1916 zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Imperiums lehnt es ab, von Genozid zu sprechen. Als Reaktion auf die Äußerungen des Papstes hat die Türkei am Sonntag den Vatikan-Botschafter ins Außenministerium einbestellt. Dies meldete die regierungsnahe Nachrichtenagentur Anadolu.

Der Vatikan sprach nicht das erste Mal von «Völkermord»: Wie bereits bei einem Treffen mit armenischen Geistlichen 2013 zitierte Franziskus auch bei der Gedenkmesse am Sonntag die Worte aus einer im Jahr 2000 verfassten Erklärung seines Vorgängers Johannes Paul II. und des armenischen Patriarchen Karekin II.

Das türkische Außenministerium hatte Franzikus' Worte bereits 2013 scharf kritisiert und als «inakzeptabel» bezeichnet. Zudem warnte es den Vatikan damals davor, «Schritte vorzunehmen, die irreparable Konsequenzen für unsere Beziehungen haben könnten.» Vom Pontifikat werde erwartet, zum Weltfrieden beizutragen, statt Feindseligkeiten über historische Ereignisse zu schüren, hieß es damals weiter. Franziskus betete während der Sondermesse für eine Versöhnung zwischen den Völkern Armeniens und der Türkei.

Während der Gedenkmesse, an der auch der armenische Präsident Sersch Sargsjan teilnahm, erhob der Papst den armenischen Heiligen Gregor von Narek zum Kirchenlehrer. Mit diesem Ehrentitel seien bislang nur 36 Heilige gewürdigt worden, darunter der italienische Theologe Thomas von Aquin. Der mittelalterliche Mönch Gregor von Narek gilt als Armeniens größter Poet und Mystiker. Sein Kloster soll während der Angriffe auf die Armenier zerstört worden sein.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Der weltweite Einfluss von Bill Gates auf die Medien  

Microsoft-Gründer Bill Gates war während der Pandemie in vielen Medien präsent. Weniger bekannt sind seine zahlreichen Spenden an...

DWN
Finanzen
Finanzen Abkopplung vom Dollar: Indischer Großkonzern kauft russische Kohle mit chinesischem Yuan

Die Instrumentalisierung des Dollars zu geopolitischen Zwecken führt verstärkt zu Gegenmaßnahmen.

DWN
Finanzen
Finanzen Starker Rubel: Russland zieht Kauf von Devisen befreundeter Länder in Betracht

Weil der Rubel immer teurer wird, setzt Russland auf Fremdwährungen. Die Moskauer Börse hat in dieser Woche den Handel bereits...

DWN
Finanzen
Finanzen Kommt eine neue Weltordnung – und wie können Anleger reagieren?

Mit China und Russland bildet sich ein neuer Gegenpol zu den USA. Anleger können sich gegen die geopolitischen Risiken nicht bloß durch...

DWN
Politik
Politik Russische Diamanten sollen sanktioniert werden

Die westliche Sanktionsliste gegen Russland wird offenbar um ein weiteres Asset erweitert. Bisher treffen Verbote des Diamantenhandels nur...

DWN
Deutschland
Deutschland Streik in NRW: Kräfte-verschleißender Machtkampf an den Uni-Kliniken

In NRW spitzt sich ein seit Wochen andauernder, harter Kampf zwischen Arbeitgeber und Krankenhauspersonal zu. Seit Wochen herrscht in allen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Rezession voraus: Geschäftsklima trübt sich europaweit ein

Unternehmen und Bürger rechnen zunehmend mit Gegenwind und wollen Investitionen verschieben.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lidl rüstet sich gegen Cyber-Attacken

Die Schwarz-Gruppe will sich künftig besser gegen Angriffe von außen schützen.