Finanzen

Crash-Beschleuniger: Öl-Staaten steigen aus Aktien und Anleihen aus

Lesezeit: 2 min
23.02.2016 01:01
Der Preisverfall bei Erdöl zieht immer weitere Kreise. Im laufenden Jahr werden die Staatsfonds wichtiger Ölländer wahrscheinlich in weit größerem Stil Aktien und Anleihen verkaufen müssen, als bisher angenommen. Die Folgen für das Finanzsystem sind unabsehbar.
Crash-Beschleuniger: Öl-Staaten steigen aus Aktien und Anleihen aus

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Staatsfonds wichtiger Erdöl-Länder werden sich 2016 wohl in weit größerem Umfang von den Aktien- und Kapitalmärkten zurückziehen, als bislang angenommen. Wie das Sovereign Wealth Fund Institute (SWFI) in einer Analyse schreibt, werden Staatsfonds 2016 Aktien im Wert von rund 400 Milliarden Dollar verkaufen, um an dringend benötigte liquide Mittel zu kommen. Bereits 2015 hatten die Fonds nach Angaben des SWFI Aktien in der Größenordnung von rund 213 Milliarden Dollar abgestoßen.

Das Gesamtvolumen der von den größten Fonds gehaltenen Aktien wird aus Sicht des SWFI 2016 auf rund 2,6 Billionen Dollar absacken. Ende 2015 hatte es noch etwa 3 Billionen Dollar betragen. Auch die getätigten Direktinvestitionen dieser Fonds fielen von rund 123 Milliarden Dollar im Jahr 2014 auf den Stand von rund 114 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Die Rohstoffländer benötigen zusätzliche Liquidität, um die durch den Ölpreisverfall in Schieflage geratenen Staatshaushalte zu stabilisieren.

Die Prognose des SWFI basiert darauf, dass die Ölpreise in diesem Jahr zwischen 30 und 40 Dollar pro Barrel (159 Liter) liegen werden. Erst kürzlich wies die Zentralbank Abu Dhabis aber darauf hin, dass die Notierungen im laufenden Jahr durchaus bis etwa 20 Dollar pro Barrel nach unten ausschlagen könnten. „Zumindest für die kommenden Jahre scheinen solide Fundamentaldaten dafür zu sprechen, dass sich die Preise wahrscheinlich in einer Handelsspanne zwischen 25 und 45 Dollar bewegen werden“, heißt es in einer Analyse.

Die Einschätzung des SWFI fällt pessimistischer aus als eine Prognose der Großbank JPMorgan zum gleichen Thema. Diese hatte im vergangenen Monat geschätzt, dass „die Verkäufe von Anleihen durch Öl produzierende Länder von 45 Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf 110 Milliarden Dollar im Jahr 2016 und die Verkäufe öffentlicher Aktien von 10 Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf 75 Milliarden Dollar in diesem Jahr ansteigen werden.“

Die tiefen Ölpreise sorgen nun dafür, dass viele Staatsfonds wieder die ihnen ursprünglich zugedachte Funktion erfüllen: „Die Tage, an denen Schubkarren voller Petrodollars in gigantische Lagertanks gekippt wurden, scheinen gezählt zu sein. Vermögensfonds müssen sich jetzt um die Staatsfinanzen ihrer Länder kümmern, da viele von ihnen ohnehin als Stabilisierungsfonds, Pensionsfonds oder Mischformen davon gegründet wurden“, heißt es im SWFI-Bericht.

Staatsfonds aus Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Russland lösen einen Teil ihrer Investitionen bereits auf. Auch der Fonds Saudi-Arabiens verkauft Anteile – allein im ersten Halbjahr 2015 soll die saudische Zentralbank SAMA Positionen im Gesamtwert zwischen 50 und 70 Milliarden Dollar aufgelöst haben. Auch Norwegen, das mit rund 780 Milliarden Dollar wahrscheinlich über den weltweit größten Vermögensfonds verfügt, wird im laufenden Jahr zum ersten Mal Gelder aus dem Fonds abziehen.

Unklar ist, welche Auswirkungen der Rückzug wichtiger Fonds auf die betroffenen Vermögensklassen und die Finanzmärkte insgesamt haben wird. Er findet immerhin zu einer Zeit statt, in der sich die globale Konjunktur merklich abkühlt, zahlreiche verschiedene Risiken bestehen, hohe Volatilität an den Aktienmärkten herrscht und sich der expansive Kurs der Zentralbanken als weitgehend wirkungslos herausstellt.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Ratgeber
Ratgeber Bestens geplant: Einkommensvorsorge für Beamte

Die neue Allianz Einkommensvorsorge schützt Beamte und alle, die es werden wollen, vor den finanziellen Risiken einer Berufs- oder...

DWN
Deutschland
Deutschland Gründungsmitglieder der Grünen waren Mitglieder der NSDAP

Der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge muss das Weltbild der Grünen nicht zwangsläufig mit links-alternativen Einstellungen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Unterschätzter Rohstoff: Der globale Kampf ums deutsche Holz

Die globale Nachfrage nach dem Baustoff Holz heizt in Deutschland den Export an. Droht ein Ausverkauf des Waldes?

DWN
Politik
Politik USA genehmigen Pfizer-BioNTech-Vakzin für Kinder ab 12 Jahren

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat den von Pfizer und BioNTech entwickelten Impfstoff für 12- bis 15-jährige Kinder genehmigt. Bislang...

DWN
Finanzen
Finanzen Alzheimer: So bewahren Sie Freiheit, Finanzen und Lebensqualität trotz Diagnose

Betroffene und Angehörige reagieren zuerst geschockt auf die Diagnose von Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen. Doch gerade in diesen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Verband: CO2-Sondersteuer vertreibt Ernährungsindustrie aus Deutschland

Aufgrund unausgereifter Regelungen rund um die neue Sondersteuer auf das Naturgas CO2 droht die Abwanderung von Teilen der...

DWN
Politik
Politik Der „Great Reset“ ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Realität

Der „Great Reset“ wird in der Öffentlichkeit als Verschwörungstheorie abgetan. Doch das stimmt nicht. Es handelt sich dabei um eine...

DWN
Politik
Politik Paul-Ehrlich-Institut: Fast 50.000 aus Deutschland gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen stehen im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen

Das Paul-Ehrlich-Institut führt in einem Sicherheitsbericht aus, dass vom 27.12.2020 bis zum 30.04.2021 „über 49.961 aus Deutschland...

DWN
Finanzen
Finanzen Dow Jones steigt auf Rekordhoch, Rohstoffwerte gefragt

Der Dow-Jones-Index erreicht ein neues Allzeithoch, getrieben vor allem durch die Aktien von Bergbau-, Energie- und Stahl-Unternehmen.