Fukushima: Japan sendet Hilfe-Ruf an die Welt-Gemeinschaft

 

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06.10.2013 20:39
Der japanische Premier Shinzo Abe hat am Sonntag die Weltgemeinschaft um Hilfe bei der Reaktor-Katastrophe von Fukushima gebeten. Die Betreiber-Firma Tepco kann die Ruine nicht mehr aus eigenen Kräften sichern. Experten sprechen von „systemischen Problemen“. Offenbar hat der jüngste Besuch in Fukushima den japanischen Premier aufgeschreckt: In wenigen Monaten müssen die beschädigten Brenn-Elemente entfernt werden. Gelingt das nicht, kann die Lage außer Kontrolle geraten.
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In Japan steigt die Nervosität der Regierung über die Lage in Fukushima.

Zweieinhalb Jahre nach dem GAU ist kein Problem gelöst.

Im Gegenteil: Täglich kommen neue Meldungen, die Anlass zur Sorge geben.

Der japanische Premier Shinzo Abe hat bei einer Konferenz von Wissenschaftlern in Kyoto um internationale Hilfe bei der Abwendung einer Katastrophe im zerstörten Atomkraftwerk von Fukushima gebeten. Abe sagte: „Wir sind sehr offen, das umfassendste Wissen vom Ausland in Anspruch zu nehmen, um das Problem in den Griff zu bekommen.“ Abe sagte zu den Wissenschaftlern aus den Bereichen Umwelt und Energie: „Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise.“

Damit hat Abe erstmals eingeräumt, dass seine bisherige Strategie gescheitert ist: Japan hat bisher behauptet, die Lage in Fukushima im Griff zu haben. Es bestünden keine Gefahren für die Gesundheit. Die Olympischen Spiele in Tokyo könnten ohne jede Bedenken durchgeführt werden.

Abe damals:

„Es gab einige Besorgnis über das Austreten von kontaminiertem Wasser in Fukushima, aber die Regierung wird eine führende Rolle dabei spielen, eine vollständige Lösung für dieses Problem zu finden. Ich erkläre, dass wir mit fester Entschlossenheit unser Möglichstes tun, dass es im Jahr 2020, also in sieben Jahren, absolut kein Problem geben wird.“

Der dramatische Appell Abes kommt nach einem erneuten Zwischenfall am Freitag, wo wiederum ein Leck in einem Behälter mit radioaktiv verstrahlter Flüssigkeit entdeckt worden war. Abe hatte Fukushima am 27. September zuletzt besucht. Er sagte zu den Technikern von Tepco, dass die Zukunft Japans in ihren Händen liege - eine doch ziemlich massive Ansage für einen Fall, der bisher als durchaus beherrschbar dargestellt wurde. Abe hatte auch einen jener Behälter besichtigt, an dem zu einem früheren Zeitpunkt ein Leck aufgetreten war. Offenbar hat der Premier nun den Eindruck gewonnen, dass die Betreiber-Firma Tepco nicht in der Lage ist, die zerstörte Anlage so zu sichern, dass eine weitere Katastrophe verhindert werden kann.

Der Nuklear-Ingenieur Arnie Gundersen kritisiert in einem Interview, dass Tepco mit der Behebung der Schäden beauftragt ist. Gundersen: „Tepco ist eine Betreiber-Firma. Sie können Kernkraftwerke betreiben, aber sie haben keine Ingenieure, die ein solches Problem lösen können. Abe hat der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit gesagt.“

Auch in Japan wird die Kritik an Tepco immer lauter. Der Ingenieur Tetsuro Tsutsui sagte der Associated Press, dass die bisherigen Maßnahmen völlig unzulänglich seien: Es sei „undenkbar“, die Behälter mit den Brennstäben anzufüllen. Das hatte Tepco bisher als die wichtigste Maßnahme angegeben. Doch ohne ein neues Fundament sei dies völlig wirkungslos. Tsutsui: „Ich muss sagen, das sind keine Unfälle, die da passieren. Es muss ein systemisches Problem geben, wie die die Dinge in Angriff nehmen.“

Auch die japanische Atom-Behörde ist entsetzt. Ein Wissenschaftler aus der Behörde sagte: „Den Tepco-Leute scheint das Grundwissen über Radioaktivität zu fehlen. Sie müssen sich Hilfe aus dem Ausland holen.“

Einer der Gründe, warum Fukushima auf eine Katastrophe zusteuert, ist der enorme finanzielle Aufwand, der nötig ist, um den Reaktor zu sichern und abzuschotten. Gundersen sagt, Tepco habe überhaupt kein Budget, um die Sicherung durchzuführen: „Premier Abe verschweigt seinem Volk, was es kosten würde, um Fukushima zu sanieren: 500 Milliarden Dollar kostet das, und Japan hat das Geld nicht, genauso wenig wie Tepco.“ (siehe Video am Ende des Artikels)

Das Problem der 1.300 zum Teil beschädigten Brenn-Elemente könnte sich zu einem globalen Fiasko auswachsen. Eine Explosion, die jene der Atombombe von Hiroshima in den Schatten stellen würde, könnte die Folge sein, wenn bei der Operation auch nur der kleinste Fehler passiert (mehr hier). Tepco will die Brenn-Elemente in den kommenden zwei Monaten aus den Behälter heben, um sie andernorts zu sichern. Das fordern auch Wissenschaftler vom deutschen Öko-Institut (hier).

Doch das Problem: Dies ist eine höchst komplexe Operation. Sie muss mit Computern gesteuert werden, um zu verhindern, dass die Brennstäbe einander berühren. Tepco verfügt über keine derartigen Computer und will die Aktion per Hand durchführen.

Es ist unfassbar, wie dilettantisch die Betreiber und die Regierung angesichts der Dimension der Katastrophe mit der Lage in Fukushima umgehen. Ein Regierungs-Sprecher sagte, dass die Maßnahmen zum Stopfen der Lecks zwar unzureichend seien, bescheinigte Tepco aber, dass die Firma diesmal den Fehler früher als beim letzten Mal gefunden habe.

Allerdings ist auch die japanische Regierung zunehmend unsicher, ob Tepco wirklich das Problem Fukushima lösen kann. Daher wird, wie die Japan Times berichtet, derzeit überlegt, Tepco aufzuspalten: In einem Bailout soll derjenige Teil, der sich mit der Beseitigung der Schäden beschäftigt, vom japanischen Steuerzahler übernommen werden.

Fazit: Die Aufsichtsbehörde bescheinigt den Rettern, dass ihnen die Grundkenntnisse über Radioaktivität fehlen.

Die Uhr tickt.

Seit zwei Jahren sollen ausgerechnet die Verursacher der Katastrophe das Problem lösen. Sie sind dafür technisch nicht ansatzweise ausgestattet.

Das Geld fehlt.

Das Schlimmste, was Tepco passieren kann, ist, dass die Firma von der Last der Krisenabwehr befreit wird - und der japanische Steuerzahler nicht nur die Folgen, sondern auch die Kosten für die Katastrophe tragen muss.

Die japanische Regierung hat kürzlich Experten aus Frankreich, Großbritannien und Russland konsultiert, um Tepco bei den Rettungs-Maßnahmen zu beraten.

Doch die internationale Atom-Wirtschaft hat wenig Interesse, zu sehr in die Vorgänge von Fukushima involviert zu werden. Die Ärztin und Buchautorin Helen Caldicott sagte in einem Interview, dass die Firmen, die selbst Atomkraftwerke betreiben, verhindern wollen, dass das volle Ausmaß eines Unglücks in einem AKW bekannt wird, weil dies eine massive Bedrohung für die eigene Industrie darstellen würde.

Japans Premier Abe äußerte sich am Sonntag nicht spezifisch über die akute Lage in Fukushima. Seine Regierung war kritisiert worden, weil sie sich bisher gegen jede Hilfe von Experten aus dem Ausland gewehrt hatte. So war die Ausschreibung zu Lösungs-Vorschlägen, wie man mit den verseuchten Wassermassen umgehen könnte, zunächst nur in japanischer Sprache veröffentlicht worden.

Erst nach Protesten gab es eine englische Version.

Sie kommt spät.

Hoffentlich nicht zu spät.


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