Weltweite Kredit-Blase: Der größte Bumerang aller Zeiten

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
06.12.2013 02:47
Die ausstehenden Schulden von Unternehmen aus den Schwellenländern haben einen Rekord-Stand erreicht. Die Hoffnung der Zentralbanken, die Inflation in die Schwellenländer zu exportieren, wird zum Bumerang: Wegen der globalen Verflechtungen besteht die akute Gefahr eines System-Crashs.

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die ausstehenden Schulden von Unternehmen aus den Schwellenländern steigen rasant an und erreichen mittlerweile 460 Milliarden US-Dollar. Das ist der höchste Stand seit der asiatischen Finanzkrise 1997/98. Mit der Einführung der Politik des billigen Geldes im Jahr 2008, hat sich das Volumen der Schulden mehr als vervierfacht. Es entspricht inzwischen 10 Prozent der weltweiten Gesamtverschuldung aller Unternehmen.

In einem Bericht der Investment-Firma General Re-New England Asset Management (GR-NEAM) analysiert John Gilbert die Folgen der expansiven Geldpolitik. Er kritisiert darin die amerikanische Zentralbank scharf für ihr Vorgehen und wirft ihr vor, systemische Risiken für das globale Finanzsystem in Kauf zu nehmen. Einige Märkte zeigten bereits Anzeichen einer Blasenbildung, darunter die Aktienmärkte und die Schwellenmärkte.

Am Beispiel des Börsengangs von Twitter könne man die drastische Überbewertung von Aktien erkennen. Das Unternehmen habe noch nie einen Profit erwirtschaftet und wird es in absehbarer Zeit auch nicht tun, so Gilbert. Tatsächlich machte Twitter im ersten Halbjahr 2013 sogar einen Verlust von 69 Millionen US-Dollar, wie Handelszeitung berichtet. Dennoch ist die Aktie am ersten Tag des Börsengangs von 26 auf 45 US-Dollar hochgeschossen und verschaffte dem Unternehmen eine Bewertung von 16 Milliarden US-Dollar (mehr hier).

„Es sollte mittlerweile jedem klar sein, dass solche Großzügigkeit am Aktienmarkt in Washington gemacht wird. Die genaue Adresse ist das Eccles Gebäude auf der Constitution Avenue, der Sitz der Federal Reserve. Als Bürger und U.S. Steuerzahler, denken wir, dass es ein Ausdruck von Dankbarkeit wäre, wenn Twitter etwas Druck von der Fed nimmt und selbst ein paar Staatsanleihen kauft.“, so Gilbert.

GR-NEAM ist eine der führenden europäischen Investment-Firmen. Sie wird ihrerseits kontrolliert durch Berkshire Hathaway, dem amerikanischen Investment-Unternehmen von Warren Buffet. Wenn erfahrene und konservative Firmen wie diese vor den Folgen der Geldpolitik der Fed warnen, hat das durchaus Gewicht in der Finanzwelt.

Die Blase in den Schwellenländern sei sogar noch bedrohlicher, weil sie das Potenzial habe, das ganze Finanzsystem in den Abgrund zu reißen, sagt Gilbert. Durch die Geldschwemme der Fed und auf der Suche nach Rendite, steckten westliche Investoren – allen voran Banken und Hedgefonds – enorme Beträge in die aufstrebenden Märkte. Unternehmer aus den Schwellenländern liehen sich bei diesen Investoren immense Dollar-Beträge, um ihre Firmen auszubauen. Dabei profitierten sie von den Wechselkursen und den historisch niedrigen Zinsen.

Zu Beginn dieses Booms unterstützen die Währungen in Ländern wie Brasilien, Indien, Südafrika und der Türkei diesen Boom auch noch. Doch mittlerweile geraten sie zunehmend unter Druck. Als Fed-Chef Ben Bernanke im Mai andeutete, die Geldpolitik zu ändern, zogen westliche Investoren enorme Beträge aus den Märkten ab. Diese Kapitalflucht führte zum Absturz der türkischen Lira, des brasilianischen Real und der indische Rupie (hier und hier).

Ein prominentes Opfer dieser Entwicklung ist der Brasilianer Eike Batista. Noch vor wenigen Monaten war er mit einem Vermögen von 34,5 Milliarden US-Dollar der siebt reichste Mann der Welt.  In weniger als einem Jahr verlor Batista 99 Prozent seines Vermögens und den Großteil seines Firmen-Imperiums (hier). Viele seiner Firmen waren nie rentabel, sondern lebten nur vom Fremdkapital ausländischer Investoren und dem Versprechen auf zukünftige Profite.

„Wir könnten gerade den Beginn einer Welle von Kredit-Problemen bei Unternehmen aus den Schwellenländern sehen. Wenn man denkt, das betrifft weder die USA noch andere Industrieländer, sollte man sich an den Verlauf der asiatischen Finanzkrise erinnern.“, sagt Gilbert.

Im Sommer 1997 habe Thailand seine Währung abgewertet, was als Auslöser der Krise in den Tigerstaaten gesehen wird. Die geringere asiatische Nachfrage führte zu stark verminderten Öl-Importen. Russland, dessen Exporte zu 80 Prozent aus Öl bestanden, ging im August 1998 in den Staatsbankrott. Die Risikostreuungen verbreitern sich und fünf Wochen später ging Long Term Capital Management insolvent. Die amerikanische Firma hatte sich verspekuliert und wurde vom Bankrott Russlands überrascht.

„Das war ein systemisches Ereignis und es verursachte Störungen in allen Märkten und führte zu einem Absturz des Aktienmarkts. Für all jene, die also glauben, dass sie gegen Verluste durch das Verhalten der Zentralbanker geschützt sind, wäre also eine kleine Geschichtsstunde angebracht.“, so Gilbert.

Die Fed hat die Probleme der eigenen Wirtschaft durch ihre Geldpolitik in die Schwellenländer exportiert (hier). Doch damit sind die Probleme nicht aus der Welt, ganz im Gegenteil. Sie werden dort nur potenziert und am Ende an ihren Ursprung zurückkehren.

„Das ist eine der hauptsächlichen Schattenseiten des Fed-Programms. Sie haben systemische Risiken im Welt-Finanz-System geschaffen, für welche sie nur geringe oder gar keine Verantwortung übernehmen. Denn was außerhalb der USA passiert, ist nicht ihre Angelegenheit. Aber als Hüter der Welt-Reserve-Währung schlägt es auf sie zurück“, sagt Gilbert.

Sollten die Währungen in den Schwellenländern weiter unter Druck geraten, drohen weitreichende Kreditausfälle bei den dort ansässigen Unternehmen. Dies wiederum würde die Gläubiger aus den Industrienationen vor ernsthafte Probleme stellen. Ein solches Ereignis könnte den vielzitierten „margin call“ auslösen und zu Panikverkäufen an den weltweiten Aktienmärkten führen (hier).

Mark Twain wusste schon: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“



DWN
Deutschland
Deutschland Unser Angebot für Sie: DWN testen und alle Artikel frei lesen für nur 1€!

Überzeugen Sie sich und bekommen Sie unbegrenzten Zugriff für nur 1€!

DWN
Politik
Politik Neuer Rettungsplan: EU-Billionen kommen lediglich den Finanzmärkten zugute

Die EU weiß nicht mehr weiter. In Panik wirft sie mit den Milliarden einfach so um sich - die Lobbyisten bringen sich schon in Stellung,...

DWN
Deutschland
Deutschland Neue Regeln, härtere Strafen: Was sich jetzt für Autofahrer ändert

Autofahrer müssen sich seit dem 12. Mai auf strengere Regeln und härtere Strafen einstellen. Es gibt zahlreiche neue Vorschriften.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Altmaier nicht handelt, drohen zahlreiche Insolvenzen beim Mittelstand

Das Wirtschaftsministerium wollte dem Mittelstand mit Corona-Förderungen helfen. Doch das Vorhaben scheiterte bereits in der...

DWN
Politik
Politik Pharma-Industrie behinderte Pandemie-Forschung in der EU

Die Pharmaindustrie hat im Jahr 2017 die Pandemie-Forschung behindert.

DWN
Politik
Politik China und Iran solidarisieren sich mit Demonstranten in den USA

Die Außenministerien Chinas und des Irans solidarisieren sich ganz offen mit den Demonstranten in den USA.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Massenentlassungen drohen: Österreichs Wirtschaft fährt mit voller Wucht gegen die Wand

Die österreichische Wirtschaft befindet sich - nicht nur wegen Corona - in einer schweren Krise.

DWN
Politik
Politik Nuklearmächte China und Indien mobilisieren Truppen im Himalaya

Indien und China mobilisieren Truppen an ihrer gemeinsamen Grenze. Die beiden Nuklearmächte wetteifern seit 1962 um ein umstrittenes...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Historiker: Keine Parallelen zwischen Corona-Krise und Weltwirtschafts-Krise 1929

Der Historiker Jan-Otmar Hesse sagt, dass die aktuelle Corona-Krise in ihren Auswirkungen nicht vergleichbar sei mit der...

DWN
Technologie
Technologie Internet der Dinge: Investitionen explodieren weltweit auf 1,1 Billionen Dollar

Die Investitionen für das Internet der Dinge werden Schätzungen zufolge gigantische Ausmaße erreichen. Deutschland hinkt allerdings...

DWN
Technologie
Technologie Henkel entwickelt Gesundheitspflaster gegen Corona

Henkel hat ein Corona-Gesundheitspflaster entwickelt.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Wertarbeit, deutscher Arbeitsethos: August Thyssen – der „Rockefeller des Ruhrgebiets“

August Thyssen galt als „Rockefeller des Ruhrgebiets”. Keinem Deutschen vor und nach ihm gelang es, unter schwersten Bedingungen ein...

DWN
Politik
Politik DWN EXKLUSIV: Das ist das Waffenarsenal des libyschen Söldner-Generals Haftar

Die DWN listet detailliert auf, welche - teilweise bemerkenswerten - Waffen sich im Inventar der Armee von Chalifa Haftar befinden. Lesen...

DWN
Deutschland
Deutschland Andrea Nahles wird als Behörden-Chefin 180.000 Euro verdienen

Als Präsidentin der Bundesanstalt für Post und Telekommunikation wird die Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles 180.000 Euro pro Jahr verdienen.

DWN
Deutschland
Deutschland VDMA: China bleibt der größte Plagiator beim Maschinenbau

Nach Informationen des Branchenverbandes der Maschinenbauer ist China der weltweit größte Plagiator beim Maschinenbau. Das geht aus...

celtra_fin_Interscroller