Politik

Frankreich: Islamisten stellen sich, doch die Polizei-Station ist unbesetzt

Lesezeit: 2 min
28.09.2014 23:05
Als sich drei französische Dschihadisten selbst anzeigen wollten, mussten sie 20 Minuten vor einer Polizeistation warten. Zuvor hatte die Polizei auf dem falschen Flughafen auf die Männer gewartet. Premier Valls räumt die Panne ein.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Drei islamistische Kämpfer aus Frankreich konnten am Flughafen Marseille ungehindert einreisen, nachdem die Türkei sie ausgewiesen und in ein Flugzeug gesetzt hatte. Als sie sich später selbst anzeigen wollten, mussten sie 20 Minuten vor einer Polizeistation warten.

„Es war ein großes Versagen“, zitiert die Financial Times den französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Die drei Verdächtigen hätten eigentlich bei der Passkontrolle auffallen müssen. Doch das Computersystem funktionierte offenbar nicht. Die drei konnten ungehindert einreisen. „Wir waren ziemlich überrascht“, sagte einer von ihnen in einem Radiointerview.

Die französischen Behörden wussten, dass die Türkei die drei Terrorverdächtigen in ein Flugzeug gesetzt hatten. Doch sie warteten nicht am Flughafen Marseille, sondern am Flughafen Orly außerhalb von Paris. Ursprünglich sollten die Islamisten tatsächlich nach Paris geschickt werden, aber der Pilot des Paris-Flugs weigerte sich, die drei an Bord seines Flugzeugs zu lassen.

Nachdem die drei Dschihadisten überraschend nach Frankreich einreisen konnten, klingelten sie bei ihrer lokalen Polizeistation in Südfrankreich, um sich selbst anzuzeigen. Doch weil gerade kein Polizist anwesend war, wurden sie gebeten, draußen zu warten. Erst nach 20 Minuten erschien ein Polizeiwagen, um sie abzuholen.

Nach Aussagen ihrer Anwälte sind die drei nicht radikalisiert. Vielmehr hätten sie sich entschieden, nach Frankreich zurückzukehren. Aufgrund ihrer Erlebnisse in Syrien hätten sie ihre Illusionen über den Dschihad verloren.

Die drei Franzosen waren keine unabhängigen Einzelkämpfer. Sie sind den Behörden bekannt. Unter ihnen waren der Schwager und ein Bekannter von Mohammed Merah, einem selbsternannten Dschihadisten, der 2012 in einer Reihe von Schießereien in der Umgebung von Toulouse sieben Menschen getötet hat, darunter mehrere jüdische Schulkinder.

„Es lief nicht, wie es hätte sein sollen“, sagte Premier Manuel Valls dem französischen Parlament am Mittwoch. Für den rechten Front National ist der Vorfall ein Skandal. Er sieht sich darin bestätigt, dass die Behörden nicht hart genug gegen mögliche Terroristen in der muslimischen Gemeinde Frankreich vorgehen.

Wie andere Staaten Europas auch ist Frankreich sehr besorgt wegen der möglichen Folgen aus den Konflikten in Syrien und dem Irak. Premier Valls sagte den Abgeordneten, dass fast 1.000 französische Staatsbürger in Dschihad-Gruppierungen aktiv sind. „Vor zwei Jahren gab es nur 30, und zu Jahresbeginn waren es nur halb so viele wie jetzt.“

Laut Valls haben 580 französische Dschihadisten in Syrien oder dem Irak gekämpft, 36 seien getötet worden, und 189 seien nach Frankreich zurückgekehrt. Seit Jahresbeginn hätten die Behörden 114 Dschihadisten festgenommen und 53 säßen wegen terroristischer Aktivitäten in Haft.

Premier Manuel Valls warnte das französische Parlament vor der Gefahr, die von französischen Dschihadisten ausgeht, die in Syrien und dem Irak Seite an Seite mit islamistischen Kräften gekämpft haben. Niemals zuvor sei Frankreich mit einer größeren Terrorgefahr konfrontiert gewesen, so Valls.

Nach der Enthauptung einer französischen Geisel in Algerien durch radikale Muslime hat die Regierung in Paris verstärkte Anti-Terror-Maßnahmen angekündigt. Diese würden an öffentlichen Orten und im Verkehr verhängt, teilte das Büro von Präsident Francois Hollande am Donnerstag nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts mit. Zudem stellte Hollande jedem Staat Hilfe in Aussicht, der im Kampf gegen den Terrorismus darum bitte. Auch werde Frankreich in Syrien die Oppositionsgruppen stärker fördern, die gegen radikale Islamisten-Gruppen kämpften. Hollande hatte am Mittwoch die Enthauptung des verschleppten Touristen bestätigt. Frankreich ist zudem an den Luftangriffen auf Stellungen des Islamischen Staates (IS) im Irak beteiligt.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Erstmals im Öffentlich-Rechtlichen: „Russen und Amerikaner sind die Profiteure der Sanktionen, die uns am härtesten treffen“

Ein Kommentar im Deutschlandfunk erinnert daran, wer die größten menschlichen und wirtschaftlichen Opfer im Stellvertreterkrieg zwischen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Verbrenner-Verbot? Heftiger Streit in der Regierung kurz vor entscheidender Abstimmung

Über das von der EU-Kommission geforderte Aus für Verbrennungsmotoren wird in der Regierung kurz vor der entscheidenden Abstimmung heftig...

DWN
Politik
Politik Neuer Kalter Krieg: USA und Russland rüsten ihre Verbündeten weiter auf

Im großen Stellvertreterkrieg mitten in Europa werden die Einsätze weiter munter erhöht.

DWN
Finanzen
Finanzen Kommt eine neue Weltordnung – und wie können Anleger reagieren?

Mit China und Russland bildet sich ein neuer Gegenpol zu den USA. Anleger können sich gegen die geopolitischen Risiken nicht bloß durch...

DWN
Politik
Politik NATO stockt schnelle Eingreiftruppe massiv auf

Die Nato will durch ein neues strategisches Konzept ihre Flexibilität erhöhen.

DWN
Deutschland
Deutschland Milliarden-Defizit: Zusatzbeiträge für Krankenkassen werden spürbar steigen

Im System der gesetzlichen Krankenkassen klafft ein riesiges Finanzierungsloch. Gesundheitsminister Lauterbach versucht dieses zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Ungarn überrascht mit stärkster Zinserhöhung seit der Finanzkrise

Die ungarische Zentralbank stemmt sich mit drastischen Leitzinserhöhungen gegen die ausufernde Inflation.

DWN
Deutschland
Deutschland Die Hochpreisinsel Deutschland: extrem energieanfällig

Eine Studie zeigt, dass die Energieprobleme Deutschlands, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erheblich einschränkt.