Gemischtes

Privatsphäre auf dem Prüfstand: Viele Autobauer noch nicht bereit für datengesteuerte Welt

Lesezeit: 2 min
09.05.2016 11:16
Im komplexen Umfeld vernetzter Fahrzeuge ist der aktuelle Datenschutzansatz der Hersteller unzureichend. Um Kundendaten zu schützen, müssen Autobauer eine ganzheitliche Strategie entwickeln und diese in ihre Unternehmensprozesse und -kultur integrieren. Nur so können sie das Vertrauen der Kunden bewahren.
Privatsphäre auf dem Prüfstand: Viele Autobauer noch nicht bereit für datengesteuerte Welt

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Eine aktuelle Studie des BearingPoint Institute hat relevante Aspekte zum Datenschutz im Zeitalter der vernetzten Autos untersucht. Die Ergebnisse zeigen auf, dass viele kritische Punkte noch ungelöst sind.

Vernetzte Autos erzeugen eine hohe Anzahl an Daten. Wenn ein Fahrzeug mit Fußgängern, mit der umliegenden Infrastruktur und mit anderen Autos kommuniziert, können die komplexen Zusammenhänge und die übertragenen Daten schnell unübersichtlich werden. Zusätzlich zur technischen Gestaltung und Entwicklung solcher Dienste sind die rechtlichen Auswirkungen nicht zu unterschätzen.

Dass das keine Zukunftsmusik ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2015: Ein europäischer Automobilclub entdeckte, dass über das Diagnosesystem (OBD-System) eines Fahrzeugtyps große Datenmengen wie Fahrziele oder Telefonkontakte erfasst wurden, ohne vorher die Zustimmung der Fahrer einzuholen. Automobilhersteller müssen in solchen Fällen die Verantwortung für Haftung und Reputationsverlust tragen. Eine Auseinandersetzung im Hinblick auf rechtliche Konsequenzen und Datenschutzaspekte ist unabdingbar. Dabei ist die schnelle Entwicklung eines ganzheitlichen Privatsphäre-Konzeptes entscheidend.

Auch Hacker haben bereits demonstriert, welche Sicherheitsrisiken die zunehmende Vernetzung von Autos bringt. Sie haben einen Jeep bei voller Fahrt via Internet unter ihre Kontrolle brachten. Die Hacker haben für das Technologie-Magazin Wired den gesamten Test gefilmt, bei dem das Fahrzeug am Ende in einem Graben landete.

Bei einem ähnlichen gezielten Versuch, Sicherheitslücken aufzudecken, konnten Hacker bei BMW per Handy die Tür öffnen. Dennoch sind die Autobauer überzeugt, die Vernetzung bringe langfristig mehr Sicherheit in den Straßenverkehr.

„Vor dem Hintergrund, dass sich die Vernetzung von Autos in Richtung 5G-Konnektivität bewegt, haben Autohersteller nun die Möglichkeit riesige Datenvolumen zu senden und zu empfangen, und zwar rund um die Uhr“, sagt Matthias Loebich, globaler Leiter Automotive bei BearingPoint. „Der korrekte Umgang mit diesen Datenmengen und besonders die Berücksichtigung der Sorgen der Verbraucher in Bezug auf Verwendungszweck, Speicherung und Weiterverwertung stellen die eigentlichen Herausforderungen für Automobilhersteller dar.“

Höchste Priorität habe daher eine Strategie, in der die Privatsphäre ganzheitlich und transparent berücksichtigt werde, so Loebich. Dies sei kein leichter Prozess. Ein wichtiger Erfolgsfaktor sei die Zusammenarbeit von Fahrzeugherstellern, Regulierungsbehörden sowie den Kunden selbst. Auf Unternehmensseite spielten die Unterstützung der Geschäftsführung und die fortlaufende Investition in Personal und Weiterbildung eine entscheidende Rolle.

Im Rahmen der Studie konnten fünf zentrale Handlungsempfehlungen für Automobilhersteller identifiziert werden, die im Bereich des Datenschutzes relevant sind:

1. Schutz der Privatsphäre als Kernkomponente der Unternehmensvision und -kultur etablieren. Die Unterstützung der Geschäftsführung sowie die Ernennung eines speziellen Datenschutzbeauftragten sind hierbei wichtige Pfeiler.

2. Prinzipien von Privacy by Design (PbD) in den Konstruktionsprozess integrieren. Privacy by Design folgt der Idee, dass die Privatsphäre nicht am Ende, sondern über den gesamten Konstruktionsprozess hinweg berücksichtigt wird. Klar definierte Kommunikationskanäle, die Informationen über die aktuellen Regularien an alle beteiligten Parteien liefern, sind Grundvoraussetzung für die Umsetzung.

3. Rechtlichen Ansatz überdenken. Die Rechtsabteilungen der Automobilhersteller müssen zu Fürsprechern für den Privatsphäre-Schutz ihrer Kunden werden, was zu drastischen Veränderung in der Unternehmenskultur und dem Leistungsumfang führt.

4. Änderungen der Datenschutzregelungen im Auge behalten. Datenschutzvorschriften befinden sich im ständigen Wandel. Zudem hat praktisch jedes Land eigene, länderspezifische Datenschutzrichtlinien.

5. Schutz der Privatsphäre als verbindliches Versprechen der Marke etablieren. Verständliche und transparente Datenschutzbestimmungen und Richtlinien müssen als Orientierung der Verbraucher dienen.

Die Gesamtstudie des BearingPoint Institute ist unter inst.be/008VCD zum Download verfügbar.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Schmelzhütten in Europa müssen Produktion einstellen

Am Dienstag hat schon eine holländische Zinkhütte wegen hoher Energiekosten die Einstellung der Produktion angekündigt. Nun trifft es...

DWN
Finanzen
Finanzen Zinn: Das oft übersehene Technologiemetall

Zinn wird im Rohstoffsektor gerne übersehen, dabei trägt es sein etwas angestaubtes Image vollkommen zu Unrecht.

DWN
Politik
Politik Washington Post: Der Weg zum Krieg

Die US-amerikanische Tageszeitung zeichnet über eine Reihe von Interviews mit Behördenvertretern aus den USA, der Ukraine sowie der EU...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschlands Gas-Vorräte reichen weniger als drei Monate

Selbst wenn es Deutschland gelingen sollte, seine Reserven vollständig zu füllen, reicht das Gas nicht einmal drei Monate, falls Russland...

DWN
Finanzen
Finanzen Lebensmittel auf Kredit: Supermarkt-Kette zielt auf ärmere Kunden

Die britische Supermarktkette Iceland Foods bietet ihren Kunden Kredite für den Kauf von Lebensmitteln an. Das Programm richtet sich an...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Ärgernis für deutschen Handel: Anhaltende Schiffs-Staus in der Nordsee

Staus großer Containerschiffe dürften die deutschen Nordseehäfen noch länger in Atem halten. Die volle Auswirkung wird erst im zweiten...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Inflation in Großbritannien steigt über 10 Prozent

Die bereits hohe Inflation in Großbritannien hat sich weiter beschleunigt. Im Juli lagen die Verbraucherpreise um 10,1 Prozent höher als...

DWN
Finanzen
Finanzen Vorbereitung auf Super-Crash: Star-Investor stößt alle Aktien ab - bis auf eine

Der bekannte Investor Michael Burry warnt seit Monaten vor einem verheerenden Börsencrash und stößt fast seinen gesamten Aktienbestand...