Italien betreibt Konkurs-Verschleppung bei Krisen-Banken

Die von der italienischen Regierung bei den Krisenbanken Veneto und Vicenza verfolgte Strategie dürfte dem Bankensystem des Landes auf lange Sicht schaden.

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Der von der Regierung in Rom erlassene Aufschub für die Krisenbank Veneto Banca für am kommenden Mittwoch fällig werdende nachrangige Anleiheschulden bis September kann als verspäteter Auftakt zur überfälligen Abwicklung der Bank gesehen werden. Die Entscheidung vom Freitag betrifft Papiere mit einem Volumen in einem Bilanzwert von insgesamt 86 Millionen Euro.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es selbst im September zu einer Auszahlung kommt, denn es hat sich, nachdem vom im „Atlante“-Fonds versammelten Banken und Versicherungen bereits 2016 1,3 Milliarden Euro in das Eigenkapital der Bank gesteckt worden waren, die wohl komplett verloren sind, bisher für die Bank kein Käufer gefunden, der bereit wäre, die restlichen Risiken zu nehmen und im Gegenzug sämtliche Schulden zu bedienen.

Als Konsequenz ist das wahrscheinlichste Szenario der sogenannte ‚Good Bank‘-Abwicklungsansatz, in dem die Käufer lediglich als gut bewertete Aktive übernehmen und im Gegenzug höherrangige Verbindlichkeiten, wie Einlagen oder besicherte Schulden, zurückzahlen. Dafür stehen z.B. italienische Großbanken wie die Intesa zur Verfügung. Die schlechten Aktiva würden dann zusammen mit Eigenkapital, Nachranganleihen und einem Teil der ungesicherten Senior-Anleihen bzw. Schulden in einer sogenannten ‚Dead bank‘ abgewickelt werden. Vorbilder für diesen Ansatz in den vergangenen Jahren sind die Laiki-Bank auf Zypern oder die Banco Espiritu Santo in Portugal.

Das politische Hauptproblem bei dieser Form der Abwicklung ist, dass das Volumen des Nachrangs allein nicht ausreichen wird, um die schlechten Aktiva zu refinanzieren und deshalb ein Teil der Senior-Anleihen mit Verlusten konfrontiert werden wird. Ähnlich ist die Lage bei der Banca Populare di Vicenza, die 2016 von Atlante 1,6 Milliarden Euro erhielt und ebenfalls keinen Käufer findet.

Der Berliner Kapitalmarktexperte Achim Dübel geht davon aus, dass das Schuldenmoratorium für Veneto Banca halbherzig ist, weil es offenbar Senior-Anleihen und andere Schulden ausschließt. Es kommt zudem viel zu spät, um noch eine halbwegs gerechte Belastung unter den Anleihe-Gläubigern der Bank herzustellen. So verzeichnete die Bank 2015 einen negativen Cash Flow aus Bondemissionstätigkeit von 3,5 Milliarden Euro, der mit über 1 Milliarden Euro von der EZB aufgefangen wurde. Zwischenzeitlich wurden vom Staat garantierte Bonds emittiert, sodass 2016 der Run der Bondgläubiger versiegte. Die garantierten Bonds ersetzten aber nicht-garantierte Bonds. Auch 2017 könnten ohne ein weitergehendes Moratorium weitere Bondgläubiger ausgezahlt werden, wenn die Abwicklungsentscheidung nicht rasch kommt.

Ähnliche Prozesse liefen bei der Banca Populare di Vicenza ab, die 2015 und 2016 rund 2 Milliarden Euro an Bondgläubiger auszahlte. Die prekäre Lage beider Institute war seit 2015 weit diskutiert und nationaler Aufsicht sowie EZB bekannt.

Im Zeitablauf steht so bei fallenden ausstehenden Volumen ein immer größer werdender Teil der unbesicherten und nicht garantierten Senior-Anleihen im Verlustrisiko, sagt Dübel den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. So steigt das Systemrisiko für italienische Banken insgesamt, denn Anleger schauen im Wesentlichen auf das Verlustrisiko und werden hohe Verlustquoten bei beiden Krisenbanken auf andere Emittenten übertragen.

Der Grundfehler sei die faktische Abwicklungsverschleppung durch interessierte Parteien, finanziert einerseits durch die EZB und andererseits durch die faktische Zwangsabgabe bei den italienischen Banken und Versicherungen in Form des Atlante-Fonds. Kurzfristig investierte Investoren nutzten diese Interventionen, um ihre Positionen zu reduzieren.

Insgesamt brauchen Veneto Banca und Banca Popolare di Vicenza rund 6,4 Milliarden Euro frisches Kapital. Gemeinsam haben sie im vergangenen Jahr einen Verlust von 3,4 Milliarden Euro geschrieben und weisen notleidende Kredite im Umfang von 10,2 Milliarden Euro auf. Die operativen Cash Flows beider Krisenbanken bewegen sich 2016 nahe bei Null. Die EU-Kommission möchte weitere Rettungsaktionen von Gläubigern durch den Staat verhindern. Angesichts der offenbaren Insolvenzsituation, so Kapitalmarktexperte Dübel, könne sich Italien auch nicht auf das in der Abwicklungsdirektive vorgesehene Instrument der ‚vorsorglichen‘ staatlichen Rekapitalisierung berufen.

Italien steuert Insidern zufolge auf eine Zerschlagung der angeschlagenen Kreditinstitute zu. Die Investmentbank Rothschild soll Käufer für die gesunden Teile der beiden Krisenbanken finden, wie mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag sagten.

Die italienische Großbank Unicredit hat einen Alleingang bei der Rettung der angeschlagenen Kreditinstitute Popolare di Vicenza und Veneto Banca ausgeschlossen. Die Großbank sei bereit, an einer Branchenlösung teilzunehmen, sagte Verwaltungsratschef Giuseppe Vita am Dienstag am Rande einer Veranstaltung. Den Kauf einer der Krisenbanken schloss er aus.

Italien will mit aller Macht verhindern, dass die neuen europäischen Regeln zur Bankenabwicklung greifen. Denn dann müssten – wie durch den o.a. Good Bank-Ansatz impliziert – auch Inhaber vorrangiger Anleihen und Besitzer großer Sparguthaben bluten. Der neue Plan der Regierung in Rom sieht dagegen de facto die Abwicklung der beiden Krisenbanken mit Hilfe von Staatsgeldern vor, um die Verluste für die privaten Investoren zu begrenzen. Ausfallgefährdete Kredite würden in eine „Bad Bank“ eingebracht, die teilweise mit Steuergeldern finanziert würde. Nur die Inhaber nachrangiger Anleihen und Aktionäre müssten einen Teil der Kosten tragen, sagten zwei Insider.

Die gesünderen Teile könnten von Intesa Sanpaolo übernommen werden. Doch Intesa wolle so wenig wie möglich zahlen, um eine Kapitalerhöhung oder Abstriche bei den Dividendenzahlungen zu vermeiden, sagten Insider. Auch die Iccrea-Gruppe von Genossenschaftsbanken könnte zugreifen, doch sei das unwahrscheinlicher. UniCredit habe einen Kauf ausgeschlossen. Das italienische Finanzministerium, Rothschild und die EU-Kommission lehnten eine Stellungnahme ab.

Die Regierung hofft, eine Lücke in den neuen Regeln zur Bankenabwicklung zu nutzen. Demnach könnten Banken, die nicht als systemrelevant eingestuft werden, im Rahmen eines normalen Insolvenzverfahrens abgewickelt werden. Damit wären die Mitgliedsstaaten und nicht die EU-Behörden für die Abwicklung zuständig.

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