Tod eines Bankers: Die Witwe auf der Suche nach der Wahrheit

Ein Banker der Skandalbank Monte dei Paschi di Siena stürzt auf rätselhafte Weise aus dem Fenster. Die offizielle Erklärung: Selbstmord. Doch die Witwe glaubt diese Version nicht.

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Seit Jahren gerät die italienische Bank Monte dei Paschi di Siena immer wieder in die Schlagzeilen, sie musste mehrfach mit Steuergeldern gerettet werden. Eine Reihe fragwürdiger Entscheidungen, teilweise mit dem Placet Mario Draghis, haben in den vergangenen Jahren die Bank schwer belastet.

Am 6. März 2013 stürzte dann der Kommunikationschef der Bank, David Rossi, aus dem Fenster seines Büros und verstarb Minuten später auf dem Straßenpflaster. Offiziell heißt es, er habe Selbstmord begangen – doch viele bezweifeln das. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sprachen mit der Ehefrau des Verstorbenen, Antonella Tognazzi.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie haben Sie vom Tod Ihres Mannes am 6. März 2013 erfahren?

Antonella Tognazzi: Ich hatte ihn gegen 19 Uhr auf seinem Handy angerufen, um zu erfahren, wann er nach Hause kommen würde. Er sagte mir, in etwa einer halben Stunde. Als er dann gegen 20 Uhr immer noch nicht zu Hause war, versuchte ich mehrfach, ihn zu erreichen. Ohne Erfolg. Ich rief also seinen Freund und Bürochef Giancarlo Filippone an. Der war nicht mehr im Büro, hatte David dort aber zuletzt gesehen und wollte ihn dort nun suchen. Auch meine Tochter Carolina machte sich auf den Weg. Irgendwann rief ich dann noch einmal Giancarlo an und er sagte mir dann, was geschehen war.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Auch mehr als vier Jahre sind die Umstände des Todes Ihres Mannes ist noch immer unklar. Warum?

Antonella Tognazzi: Es gab nie die Absicht, die Wahrheit tatsächlich ans Licht zu fördern. Die Staatsanwaltschaft in Siena hat die Aufklärung des Falles auf unerklärliche Weise behindert und es ist offensichtlich, dass hier in der Stadt Angst herrscht, sich dem Thema zu stellen. Aus welchen Gründen das so ist, weiß ich nicht. Aber noch heute will man keine Antworten geben und das lässt nichts Gutes vermuten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie haben die offizielle Version, Ihr Mann habe Selbstmord begangen, nie geglaubt. Die Staatsanwaltschaft hingegen hat sich früh darauf festgelegt. Warum?

Antonella Tognazzi: Von Anfang an hat die Staatsanwaltschaft versucht, mich von der Selbstmordhypothese zu überzeugen. Die Angelegenheit auf diese Weise so schnell zum Abschluss zu bringen, muss für sie die beste Lösung gewesen sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie verlief denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Staatsanwaltschaft?

Antonella Tognazzi: Eine Zusammenarbeit gab es praktisch nicht. Ich habe ihnen immer wieder angeboten, alle meine Erkenntnisse mit ihnen zu teilen, alles, was dazu hätte beitragen können, der Wahrheit näher zu kommen, doch damit stieß ich auf eine Wand aus Gummi.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie versucht, selbst mehr herauszufinden?

Antonella Tognazzi: Als man mir die Computer und Telefone von David ausgehändigt hatte, haben sich mein Anwalt Luca Goracci – ein guter Freund von David – der Ingenieur Luca Scarselli und meine Schwägerin Chiara Benedetti, die Ingenieurinformatikerin ist, daran gemacht, das Ereignis zu rekonstruieren. Sie haben nicht nur die Apparate durchgecheckt, sondern auch Flugbahnen berechnet, Zeitabläufe verglichen und anderes. Am Ende stand die Erkenntnis, dass David ermordet worden sein muss. Wir haben weitere Techniker und Experten herangezogen, in dem Bestreben, unsere Erkenntnisse weiter zu vertiefen, und sie alle haben uns in unserer Meinung bestärkt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Glauben Sie, dass sein Tod in Zusammenhang mit einem Geheimnis steht, das keinesfalls gelüftet werden soll?

Antonella Tognazzi: Ganz eindeutig: Ja.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer könnte dahinter stecken?

Antonella Tognazzi: Bei dem Versuch, die Fakten zu rekonstruieren, haben wir uns das natürlich auch gefragt. Aber, offen gestanden, kann ich auch heute nicht sagen, warum David aus dem Weg geräumt worden ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Hatten Sie das Gefühl, dass sich Ihr Mann vor seinem Tod in Gefahr befand?

Antonella Tognazzi: Er stand in den letzten Tag vor seinem Tod stark unter Stress. Es war gerade der Skandal um die Bank Antonveneta aufgeflogen und die Monte dei Paschi befand sich in Schwierigkeiten. Es gab drei Durchsuchungen, eine auch in unserer Wohnung, und er spürte, dass die Staatsanwaltschaft ihm eine – nicht gerechtfertigte – Beachtung schenkte. Er verstand nicht, was sie von ihm wollte und er befürchtete, in eine Situation hineingezogen zu werden, die ihn gar nicht betraf, weder, was seine Arbeit anbelangte, noch ihn persönlich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Hat sich Siena seit dem 6. März 2013 verändert?

Antonella Tognazzi: Allerdings, und zwar nicht zum Besseren. Aber abgesehen davon: Was mich am meisten getroffen hat ist, dass es von Seiten der Bürgerschaft keinerlei Reaktion und auch keine Stellungnahme gegeben hat.