Niedrige Zinsen: Anleihen mit extremen Laufzeiten gefragt

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
09.10.2017 00:42
Immer mehr Staaten geben Anleihen mit sehr langen Laufzeiten heraus.
Niedrige Zinsen: Anleihen mit extremen Laufzeiten gefragt

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Auf der verzweifelten Suche nach Rendite packen sich Investoren immer häufiger extrem lang laufende Staatsanleihen in ihre Depots. Selbst mit 100-jährigen Bonds sammelten Österreich und Argentinien kürzlich Milliardengelder ein, berichtet Reuters. Kanada denkt über einen neuen 50-jährigen Schuldschein nach und Experten erwarten, dass auch die USA bald mit einem solchen Wertpapier an den Markt gehen. Für die Länder sind solche Papiere interessant, weil sie sich über einen langen Zeitraum niedrige Zinsen sichern und so vergleichsweise wenig für ihre Schulden bezahlen. Fachleute warnen aber Investoren vor einem unberechenbaren Risiko bei dieser Form der Geldanlage.

„Es ist eine klare Tendenz hin zu ultra-langen Anleihen zu erkennen“, sagt Analyst Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. „Vor der Finanzkrise war das höchste der Gefühle eine 30-jährige Anleihe. Inzwischen finden selbst Länder mit einer höheren Verschuldung Abnehmer für länger laufende Bonds.“ Im Oktober 2016 emittierte Italien eine 50-jährige Anleihe - obwohl die dortigen Banken in einer schweren Krise stecken und das Land so stark verschuldet ist, wie kaum ein anderer Staat in Europa. Argentinien, das schon mehrfach bankrott war, sammelte im Juni 2,8 Milliarden Dollar ein, die erst im Jahr 2117 zurückgezahlt werden müssen. Das Interesse an der Jahrhundert-Anleihe war riesig, das argentinische Finanzministerium hatte Bestellungen von rund zehn Milliarden Dollar.

Auslöser für den Trend sind die extrem niedrigen Leitzinsen. In der Euro-Zone liegen sie auf einem Rekordtief von 0,0 Prozent, in den USA zwischen 1,0 bis 1,25 Prozent. „Die Anleihe-Emittenten wollen sich die derzeit niedrigen Zinsen über einen möglichst langen Zeitraum sichern“, sagt Analyst Dirk Gojny von der National-Bank. So rechnet die österreichische Finanzagentur vor, dass sie der 100-jährige Schuldschein mit rund zwei Prozent Rendite nur ein Drittel von dem kostet, was sie in den vergangenen 40 Jahren im Schnitt für zehnjährige Anleihen an Investoren bezahlen musste. „Für den Steuerzahler ist das toll“, sagt Finanzagentur-Sprecher Christian Schreckeis.

Für viele EU-Länder sind ultra-lange Anleihen mittlerweile zur gängigen Praxis geworden. Neben Italien und Österreich emittierten Belgien, Irland, Spanien und Frankreich Bonds mit Laufzeiten von mehr als 30 Jahren. Die deutsche Finanzagentur, die für das Schuldenmanagement des Bundes verantwortlich ist, will sich dagegen nach eigenen Angaben nicht in diese Richtung vorwagen. Das hat sie auch nicht nötig: Im Laufzeitenbereich bis sieben Jahre gibt es Negativ-Zinsen für Staatsanleihen, das heißt Deutschland verdient beim Schulden machen sogar Geld.

Aus Anlegersicht sind ultra-lang laufende Anleihen vor allem für Lebensversicherer und Pensionsfonds interessant, weil sie ihre langfristigen Zahlungsverpflichtungen gegenüber Kunden abdecken müssen. „Die Firmen müssen auf jeden Basispunkt Rendite schauen, den sie in dem Niedrigzinsumfeld bekommen können“, sagt LBBW-Fachmann Völker. Für eine 50-jährige Anleihe aus Italien bekommen sie derzeit etwa rund 3,5 Prozent, während die zehnjährigen Titel bei 2,2 Prozent rentieren.

Völker warnt davor, dass bei der Suche nach Rendite die Risiken außer Acht gelassen werden. „Bei so langen Laufzeiten lässt sich nicht ohne weiteres überblicken, was alles passieren kann.“ Die Allianz lässt deshalb lieber die Finger von Jahrhundert-Bonds. „Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit eignen sich nicht gut zur Bedeckung unserer Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden. Diese Laufzeiten sind eher spekulativ“, sagt Andreas Gruber, der bei dem Versicherungskonzern für die Anlagestrategie verantwortlich ist.

Ein großes Risiko für Anleger ist, dass die Kurse für die Anleihen fallen, wenn die Notenbanken damit aufhören, in großem Stil solche Papiere am Markt aufzukaufen. Börsianer gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank wegen des Aufschwungs in der Euro-Zone ihre monatlichen Anleihekäufe bald drosselt. Die US-Notenbank Fed hat bereits angekündigt, ihre billionenschweren Wertpapierbestände abzubauen.

Problematisch werde es für Investoren aber nur, wenn sie die Anleihen vor der Endfälligkeit verkaufen müssten, sagt Experte Eugen Keller von der Metzler Bank. Dann könnte es passieren, dass sie weniger für den Bond bekommen als sie ursprünglich bezahlten. Im Fall Argentinien halten Experten in den nächsten 100 Jahren auch eine neue Staatspleite nicht für ausgeschlossen.



DWN
Politik
Politik Völker, hört die Signale: Kamerad Trump

Mr. President war einmal. Jetzt heißt es: Kamerad Trump. Nina L. Chruschtschowa, Politikwissenschaftlerin und Enkelin von Nikita...

DWN
Politik
Politik Teurer „Green Deal“: Tiefe Gräben zwischen Nettozahlern und Kommission um künftige EU-Beiträge

In den Verhandlungen um die künftigen EU-Beiträge sind die Fronten verhärtet. Auf der einen Seite stehen die Nettozahler wie...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank: Immobilienpreise in Deutschland werden hoch bleiben

Der Bundesbank zufolge wird es in naher Zukunft keine Entwarnung in Bezug auf die Immobilienpreise geben. Das Preisniveau werde weiterhin...

DWN
Panorama
Panorama Polizeigewerkschaft: Aggressivität im Straßenverkehr massiv gestiegen

Der Deutschen Polizeigewerkschaft zufolge gibt es einen signifikanten Anstieg beim aggressiven Verhalten im Straßenverkehr. Diese...

DWN
Politik
Politik Erdgas-Streit mit der Türkei: Frankreich entsendet Flugzeugträger nach Zypern

Im Streit zwischen der Türkei einerseits und Zypern und der EU andererseits um Erdgasvorkommen vor der Mittelmeerinsel spitzt sich die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Damit das Corona-Virus nicht nach Deutschland kommt: Sofortige Abschottung gegen China?

Noch sei das Corona-Virus ein begrenztes Problem, schreibt der China-Experte Prof. Dr. Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen. Doch eine...

DWN
Politik
Politik Rentenversicherung schreibt Brandbrief: Einführung der Grundrente ab 2021 ist technisch gar nicht machbar

Die von der Bundesregierung anvisierte Einführung der Grundrente ist aus Sicht der Rentenversicherung technisch überhaupt nicht möglich,...

DWN
Politik
Politik DWN AKTUELL: Russland entsendet militärischen Nachschub nach Syrien

Russland hat mit Flugzeugen des Typs Tu-154M militärischen Nachschub nach Syrien entsandt.

DWN
Panorama
Panorama Skandal in Hannover: Mafia-Boss vom Balkan wird zur Behandlung eingeflogen, jetzt abgeschoben - Polizei-Bewachung verursacht immense Kosten

Ein schwerkriminelles Clanmitglied aus Montenegro wurde in den vergangenen Tagen in Hannover ärztlich behandelt. Die Polizei musste den...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Diamanten-Geschäft bricht weltweit ein

Das weltweite Diamanten-Geschäft befindet sich in einer äußerst schwierigen Phase: So ist der der Umsatz des größten russischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Argentinien stolpert von Bankrott zu Bankrott: Ein Lehrstück für die verheerende Politik des IWF

Die Dauerkrise in Argentinien kann als Paradebeispiel der neoliberalen und oftmals kontraproduktiven Interventionen des Internationalen...

DWN
Politik
Politik Schwere Gefechte in Lugansk: Der Konflikt in der Ostukraine flammt wieder auf

In den vergangenen Tagen ist es im Osten der Ukraine zwischen der ukrainischen Armee und von Russland gesteuerten Truppen erneut zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Wegen Niedrigzinsen der Notenbanken: Investoren flüchten in Anleihen aus Schwellenländern

Internationale Anleger investieren massiv in Unternehmensanleihen aus Schwellenländern. Ausschlaggebend ist die Niedrigzinspolitik der...

DWN
Finanzen
Finanzen Apple war erst der Anfang: In den globalen Lieferketten bricht Chaos aus

Die wegen des Coronavirus veröffentlichte Gewinnwarnung Apples dürfte nur die Spitze des Eisberges sein. In den mit China verbundenen...

celtra_fin_Interscroller