Deutsche Wirtschaft meldet Anstieg der Exporte

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 4 min
14.11.2017 11:28
Die deutschen Unternehmen konnten ihre Produktion im dritten Quartal deutlich steigern. Mittelfristig erkennen Beobachter jedoch große Probleme.
Deutsche Wirtschaft meldet Anstieg der Exporte

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

+++Werbung+++

Steigende Exporte haben der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal zu einem überraschend kräftigen Wachstum verholfen. Zusammen mit höheren Investitionen ließen sie das Bruttoinlandsprodukt von Juli bis September um 0,8 Prozent steigen, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten erwartet, dass die Wirtschaft wie schon im zweiten Quartal um 0,6 Prozent wächst. Im ersten Vierteljahr hatte es sogar zu 0,9 Prozent gereicht.

„Die guten Nachrichten aus Deutschland reißen nicht ab“, sagte Ökonomin Ulrike Kastens von der Privatbank Sal. Oppenheim. Deutschland bleibt damit eine Wachstumslokomotive der Euro-Zone, deren Wirtschaft im zurückliegenden Vierteljahr um 0,6 Prozent anzog.

Impulse für Europas größte Volkswirtschaft kamen in den Sommermonaten aus dem Ausland. „Die Exporte legten im dritten Quartal stärker zu als die Importe“, betonte das Statistikamt. Grund ist die verbesserte Weltkonjunktur und der Aufschwung in der Euro-Zone. Im Vertrauen auf anhaltend gute Geschäfte investierten die Unternehmen mehr, vor allem in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge. Dagegen lagen die staatlichen und privaten Konsumausgaben „in etwa auf dem Niveau des Vorquartals“, so die Statistiker. Weitere Details wollen sie am 23. November nennen.

„Die deutsche Volkswirtschaft befindet sich im Höhenflug“, sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. „Zu verdanken ist das der für deutsche Verhältnisse atemberauend stabilen Binnennachfrage und dem Anziehen der Weltkonjunktur nach den Dellen der europäischen Schuldenkrise und der Schwellenländerkrise.“ Die meisten Experten erwarten eine Fortsetzung des Booms. „Aufgrund günstiger Rahmenbedingungen wird das hohe Wachstumstempo vorerst anhalten“, sagte der Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, Alexander Krüger. Dazu zählen niedrige Zinsen und auch die geringe Inflation, die die Kaufkraft der Verbraucher erhöht. Im Oktober sank die Teuerungsrate in Deutschland auf 1,6 Prozent, nachdem sie in den beiden Vormonaten noch bei 1,8 Prozent lag. Sie verharrt damit unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent.

Im Vergleich zum dritten Quartal 2016 wuchs die deutsche Wirtschaft um 2,3 Prozent. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erwartet für 2017 insgesamt ein Plus von 2,0 Prozent. Es wäre das achte Jahr in Folge mit einem Zuwachs. Für 2018 werden sogar 2,2 Prozent vorausgesagt.

Zu bedenken ist, dass die gute konjunkturelle Lage in erster Linie durch die nach wie vor expansive Geldpolitik der EZB und einer weiter steigenden Schuldenaufnahme von Unternehmen und Bürgern zu verdanken ist. Langfristig ergeben sich Risiken.

Der momentane Höhenflug darf nach Ansicht von Beobachtern jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die mittelfristigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft negativ sind. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet damit, dass Deutschland durch hausgemachte Probleme vom Weg des Aufschwungs abkommen kann. „Wir haben eine gewisse Selbstzufriedenheit. Unter der glänzenden Oberfläche aber sieht es schon nicht mehr ganz so gut aus.“ In der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Standorte der Welt rutschte Deutschland in den vergangenen drei Jahren vom sechsten auf den 13. Platz ab, wie aus einer Studie der Schweizer Business School IMD hervorgeht. Bei Investitionen in die für die Digitalisierung wichtige Telekommunikation wird sogar ein Platz unter den ersten 50 verfehlt. Arbeit verteuert sich zudem stärker als in der Europäischen Union: 2016 zogen die Arbeitskosten hierzulande um 2,5 Prozent an, in der EU um 1,9 Prozent. „Es gibt eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen, die irgendwann zum Tragen kommen werden“, so Krämer.

Das schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) genauso ein: „Aus Sicht der Unternehmen verliert Deutschland als Wirtschaftsstandort an Wettbewerbsfähigkeit – etwa mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur, die Unternehmensbesteuerung und das Fachkräfteangebot“, klagt Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Die gesamte Steuerlast für Firmen ist von 44 Prozent der Gewinne auf 49 Prozent gestiegen, heißt es in einer Commerzbank-Studie. „Damit liegt Deutschland erheblich über dem EU-Durchschnitt von 40 Prozent.“

Der Sachverständigenrat sieht auch Risiken durch die Europäische Zentralbank. „Infolge der Niedrigzinspolitik sind die Risiken im Finanzsystem weiter angestiegen“, warnt das Expertengremium in seinem Jahresgutachten für die Bundesregierung. „Einerseits besteht die Gefahr überhöhter Vermögenspreise, vor allem im Bereich der Wohnimmobilien und Anleihen. Andererseits haben sich die Zinsänderungsrisiken bei Banken deutlich erhöht, da die Banken Kredite mit längeren Zinsbindungsfristen vergeben und sich gleichzeitig kurzfristiger refinanzieren.“ Im Fall rasch steigender Zinsen fürchten die Wirtschaftsweisen mit Verwerfungen im Finanzsystem. Wie stark dies deutsche Wirtschaft treffen kann, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt, die zur stärksten Rezession der Nachkriegszeit führte.

Holger Schmieding sieht vor allem externe Gefahren. „Unser Aufschwung wird dereinst wohl durch einen Schock von außen, beispielsweise einer US-Rezession 2020 oder 2021, beendet – und nicht als Folge von einer überhitzten Konjunktur daheim“, sagt der Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Dort dauert der Aufschwung noch länger als hierzulande. „In den USA ist das Risiko deshalb wesentlich größer als bei uns, dass es zu Übertreibungen bei Krediten, Investitionen, im Wohnungsbau oder bei Immobilienpreisen kommt, die in einer Rezession danach bereinigt werden müssten“, erklärt Schmieding. Damit einhergehen könnte ein starker Inflationsdruck, „den die Zentralbank beantworten müsste, indem sie die Konjunktur abwürgt“ – etwa durch deutlich höhere Zinsen.

Auch Andreas Rees geht davon aus, dass am ehesten die Vereinigten Staaten der deutschen Konjunktur gefährlich werden könnten. „In den USA könnten Steuersenkungen den Aufschwung im kommenden Jahr neue Impulse verleihen, aber danach könnte er nachlassen“, sagt der Deutschland-Chefvolkswirt der Großbank UniCredit. „Schließlich stecken die USA im drittlängsten Aufschwung der vergangenen 100 Jahre.“ Geht er zu Ende, könnte auch die Weltwirtschaft langsamer wachsen. Und Deutschland ist als Export-Europameister auf einen florierenden Welthandel angewiesen – besonders mit ihrem wichtigsten Kunden USA. Und trotz des Aufstiegs von China sind die Vereinigten Staaten noch immer der Taktgeber für die Weltwirtschaft: Läuft es in der größten Volkswirtschaft schlecht, spüren das auch andere Länder.

„Hinzu kommt der für 2019 geplante EU-Austritt der Briten“, ergänzt Rees. „Hier kann es zu Unsicherheiten kommen“. Großbritannien ist ebenfalls ein ganz wichtiger Absatzmarkt für die deutschen Exporteure – nach den USA und Frankreich der drittgrößte mit einem Volumen von zuletzt 86 Milliarden Euro im Jahr. „Großbritannien wächst schon jetzt nicht mehr so stark und wird von der Euro-Zone abgehängt.“ Einigen sich die Briten nicht auf einen geordneten EU-Abschied, drohen Handelshemmnisse, Dämpfer für die Exporte und stockende Investitionen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Weltbank-Ökonom warnt: Neue Schuldenwelle wächst sich zum wirtschaftlichen Tsunami aus

Weltweit steigen die Schulden rapide an. Dies könnten eine wirtschaftliche "Tsunamiwelle" auslösen, warnt der Ökonom Kaushik Basu.

DWN
Finanzen
Finanzen Coronavirus: Der „Schwarze Schwan“ für Deutschlands Industrie ist gelandet

Das Coronavirus wird die deutsche Industrie schwer treffen. Der „Schwarze Schwan“ landet ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die...

DWN
Deutschland
Deutschland Bundesamt arbeitet an Notfall-Kochbuch für lange Stromausfälle und Wassermangel

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt derzeit ein Kochbuch mit Rezepten, welche ohne Strom und...

DWN
Finanzen
Finanzen Schwerer BIP-Einbruch: Die Wirtschaftsmacht Japan schlittert in die Rezession

Die Wirtschaftsleistung Japans ist Ende 2019 stark eingebrochen, eine Rezession scheint unausweichlich zu sein. Der Abschwung im Land der...

DWN
Technologie
Technologie Deutschlands gefährliche Wette auf den Beginn eines goldenen Elektro-Zeitalters

Deutschlands Automobilkonzerne entlassen zehntausende Mitarbeiter, um Milliarden in den Aufbau ihrer Elektrosparten zu stecken. Die Wette...

DWN
Politik
Politik Wendepunkt in Syrien: Kurden-Miliz YPG schließt sich erstmals Assad an

Erstmals im Syrien-Konflikt haben sich offenbar Verbände der Kurden-Miliz YPG der syrischen Armee angeschlossen, um eine gemeinsame...

DWN
Finanzen
Finanzen Großbank HSBC streicht zehntausende Arbeitsplätze

Die Großbank HSBC streicht zehntausende Arbeitsplätze. Es dürfte sich um Vorbereitungen für einen bevorstehenden Abschwung handeln.

DWN
Finanzen
Finanzen Dubai: Der glitzernde Schuldenturm im Wüstensand beginnt zu wanken

Ohne die Intervention des Schwesteremirats Abu Dhabi wäre Dubai schon 2008 bankrott gewesen. Noch täuscht die glitzernde Skyline über...

DWN
Deutschland
Deutschland Scholz, Warburg und „Cum Ex“: Hamburger SPD gerät vor Wahlen unter starken Druck

Nach Bekanntwerden eines Treffens zwischen Olaf Scholz und dem Chef der in der „Cum Ex“-Affäre verdächtigten Warburg Bank gerät die...

DWN
Panorama
Panorama Eine fast ausgestorbene Schweine-Rasse feiert ihr Comeback in Europa

Das Mangalica-Schwein hat zurückgefunden nach Europa. Es geht genetisch zurück auf eine Rasse aus dem Römischen Reich. Einem ungarischen...

DWN
Politik
Politik Syrien-Konflikt: Türkische Delegation reist nach Moskau, Trump telefoniert mit Erdogan

Eine türkische Delegation aus Nachrichtendienst-Mitarbeitern und Militärs wird am Montag nach Moskau fliegen, um Gespräche über die...

DWN
Politik
Politik US-Pharmakonzerne entwickeln Impfstoff gegen das Corona-Virus

Diverse US-Unternehmen arbeiten an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Corona-Virus. Sie hatten bereits während der Ebola-Krise...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Preise zu hoch: Russischer Automarkt bricht ein

Die Automobilpreise in Russland steigen massiv – der Automarkt droht einzubrechen.

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Unternehmen fallen technologisch immer weiter zurück: Militärisches Forschungszentrum soll Abhilfe schaffen

Im Software-Bereich ist Deutschland international in keiner Weise konkurrenzfähig, und auch bei der Künstlichen Intelligenz und der...

celtra_fin_Interscroller