Unternehmensporträt

Handwerkskunst aus Deutschland: Pariser Luxus-Modehäuser vertrauen auf die Stickerei Müller

Die Stickerei Müller aus Franken fertigt für große Modehäuser wie Balenciaga und Yves Saint Laurent. Auf schwierige Jahre nach der Wiedervereinigung und Abwanderung der Produktion in Billiglohnländer folgte der Siegeszug durch die Haute Couture. Das Erfolgsgeheimnis: Die Stickerei findet immer eine Lösung – und sei es mit Hilfe einer Hundebürste.
05.12.2025 16:45
Lesezeit: 4 min

Robe Carla: Wie ein Couture-Kleid aus Paris eine fränkische Stickerei-Manufaktur weltberühmt machte“

Der Arbeitstitel lautete schlicht „Robe Carla“. Carla Bruni, damals Model und später Ehefrau des französischen Präsidenten, präsentierte das bodenlange, eng anliegende Kleid aus fließendem Viskose-Crêpe erstmals auf dem Laufsteg der Pariser Haute Couture-Show für die Herbst-/Winterkollektion 1995/96. Der minimalistische Entwurf des Modeschöpfers John Galliano bestach durch aufwändige Stickereien: Ein organisches Muster aus floralen Motiven, verziert mit Pailletten und Garn. Sämtliche Nähte waren in den Stickereien versteckt – eine handwerkliche Meisterleistung.

„Robe Carla“ war das Kleid, das der Stickerei Müller aus Diespeck in Mittelfranken die Tür zu den großen Modehäusern von Paris und Mailand geöffnet hat. Seitdem vertrauen Balenciaga, Givenchy, Yves Saint Laurent, Schiaparelli und viele andere Modefirmen auf Handwerkskunst made in Germany. „Im Laufe der Jahre haben wir uns in der Modewelt einen guten Ruf erarbeitet, so dass die meisten Kunden eher auf uns zukommen als andersrum“, sagt Geschäftsführer Stefan Glaß. Er weiß um die Bedeutung persönlicher Kontakte und reist regelmäßig mit einem Koffer voller Muster nach Paris. Ganz selbstverständlich wechselt der gelernte Bankkaufmann vom Deutschen ins Französische. „Viele schätzen unsere Fähigkeiten, die Bandbreite unserer Möglichkeiten, unseren Arbeitsstil und unsere Zuverlässigkeit“, so Stefan Glaß.

Vertrauen in die eigene statt in künstliche Intelligenz

Er führt die Stickerei in vierter Generation. Dionys Müller gründete die Konfektionsfirma für Kittelschürzen im Jahr 1903 in Klingenthal, der späteren DDR. 1953 versandte Nachfolger Adolf Müller zwölf Maschinen zu seinem Sohn nach Nürnberg, angeblich zur Revision. Tatsächlich waren die Maschinen das Startkapital für den Aufbau einer Stickerei im Westen. Müller flüchtete wenig später aus der DDR und legte den Grundstein für den heutigen Betrieb in Diespeck. Es folgten bewegte Jahre: Der Aufstieg zur größten Stickerei Deutschlands mit 700 Mitarbeitern, Firmengründungen und Joint Ventures in Tschechien und Polen. 1996 war ein Schicksalsjahr für das Unternehmen: Die Wiedervereinigung hatte die Kundenstruktur verändert. Betriebe wurden insolvent oder gaben ihre Produktion auf. Und durch die Globalisierung verlagerten sich die Herstellungsprozesse in Billiglohnländer. Viele Stickerei-Mitarbeiter verloren ihren Job.

Der mehr zufällige als geplante Einstieg in die Haute Couture brachte das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs. Heute vereint die Stickerei Automatisierung und Handarbeit unter einem Dach, kombiniert alte Sticktechnik mit modernster CAD-Technologie, besticht durch Einfallsreichtum und unkonventionelle Ideen. Neben klassischen handgeführten Stickmaschinen kommen mehrköpfige Stickautomaten zum Einsatz, außerdem Maschinen für Ösen, Bügelpressen, Spaltmaschinen, Cutter und ein hochmodernen Laser. Statt auf künstliche Intelligenz setzt Stefan Glaß lieber auf die eigene: „Wir tüfteln, probieren und kombinieren ständig, so dass unsere ‚Erfindungeneher die KI inspirieren können, als dass wir aus ihr schöpfen.“

Eine Hundebürste rettet den Mantel von Kim Kardashian

Der Betrieb arbeitet vorwiegend auf Kundenanfrage, entwickelt aber auch eigene Kollektionsmuster. „Unser Spektrum ist sehr breit und reicht vom kleinen, klassischen gestickten Patch als Handtaschenanhänger bis hin zu einem Haute-Couture Kleid, das aus Tausenden kleinen Metallhäkchen auf hauchzartem Stoff besteht“, so Stefan Glaß. Für die Modenschau eines bekannten französischen Modelabels hat die Stickerei hunderte Blüten gehäkelt, für ein anderes Label Lederapplikationen gelasert und auf Luxushandtaschen mit Stickerei kombiniert. „Ein Kunde brachte es auf den Punkt: ,Wenn wir nicht mehr weiter wissen, packen wir es in eine Schachtel und schicken es zur Stickerei Müller – die finden schon eine Lösung’.“ Für das Modehaus Balenciaga entwickelten Stefan Glaß und sein Team eine Methode, das gestickte Leoparden-Muster eines Mantels für Kim Kardashian wie ein Fell aussehen zu lassen: Mit einer herkömmlichen Hundebürste raute er die Fäden der Stickerei auf – fertig war der Fell-Look.

Vor den großen Modeschauen im Frühjahr und Herbst herrscht Hochbetrieb in Diespeck. In der 3800 Einwohner großen Gemeinde arbeiten 60 Angestellte, weitere 25 in Polen und Tschechien. „Ein Sticker sollte handwerkliches Geschick und Erfahrung im Umgang mit Stoffen mitbringen“, so der Geschäftsführer. Ein Puncher wiederum, also ein Stickerei-Programmierer, benötige technisches Verständnis sowie Affinität zum Arbeiten am PC und räumliches Vorstellungsvermögen. Für die aufwendigen Haute Couture-Handarbeiten braucht es außerdem bis zu zehn Jahre Erfahrung an den handgeführten Stickerei-Maschinen.

„Der Sinn einer Stickerei ist es, dass sie sich dem Kleidungsstück unterordnet“

„Die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern und Nachwuchs ist herausfordernd“, sagt Stefan Glaß. Es fehle vor allem am Angebot für traditionelle Ausbildungsberufe. Der Unternehmer setzt deshalb nicht mehr nur auf Bewerber mit einer klassischen Ausbildung, sondern auch auf Quereinsteiger. „Oft bringen unsere Mitarbeiter das Verständnis aus ihrem Hobby mit“, so Glaß.

Neben der Haute Couture hat sich das Unternehmen einen Namen für edle Heimtextilien gemacht. Die Stickerei kooperiert mit Holland & Sherry, einem Hersteller für luxuriöse Stoffe und Textilien aus Schottland. Die Arbeiten der Stickerei Müller finden sich auf einem Vorhang des Theaters im chinesischen Wuhan genauso wie auf Kostümen in der Metropolitan Opera in New York. „Der Sinn einer Stickerei ist, dass sie sich dem Kleidungsstück unterordnet“, erklärt Stefan Glaß. „Das heißt, sie soll das Kleidungsstück aufwerten, dabei aber dezent im Hintergrund bleiben. Ein Satz, der auch auf die Stickerei Müller selbst zutrifft.

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Cristina Prinz

                                                                    ***

Cristina Prinz ist freiberufliche Journalistin und Geschäftsführerin einer Agentur für Corporate Publishing. Sie schreibt Unternehmerportraits für die DWN. 

 

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