Analyst: Türkei droht Crash in der Schulden-Krise

Nach Angaben eines Top-Analysten soll die nächste weltweite Schulden-Krise die Türkei besonders schwer treffen. Es drohe ein totaler wirtschaftlicher Kollaps.

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Die in Dollar denominierte Auslandsverschuldung in Kombination mit einen Anstieg des US-Leitzinses könnte die Türkei im Verlauf der nächsten globalen Schuldenkrise besonders hart treffen, führt James Rickards in einer Analyse des The Daily Reckoning aus. Das Risiko einer großen Schuldenkrise, die in der Türkei beginnt, werde durch den Aufstieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als autokratischer starker Mann in Form des Argentiniers Juan Perón und anderer populistischer Nationalisten, die starke Volkswirtschaften ruiniert haben, noch verschärft.

Die Türkei schuldet ausländischen Gläubigern 450 Milliarden Dollar, von denen 276 Milliarden Dollar in in Dollar und Euro denominiert sind. Der türkische Entwicklungsminister Lütfi Elvan sagte der Zeitung Milliyet, dass der türkische Privatsektor zu 36 Prozent in ausländischen Währungen verschuldet sei. „Der Anteil der Firmen, die keine ausländischen Währungskredite aufweisen, liegt bei 64 Prozent“, so Elvan. Der Rest im Volumen von 174 Milliarden Dollar wird in Türkischer Lira gehalten. Beide Arten von Schulden sind problematisch. Die Lira-Schulden sind in den vergangenen fünf Jahren drastisch angewachsen, das die Lira-Zinsen von sechs auf zwölf Prozent angestiegen sind.

Die Lira hat seit 2013 zum Dollar von 1,75 auf 3,89 abgewertet, was den Betrag an Lira, den lokale Unternehmen zur Rückzahlung ihrer Auslandsschulden benötigen, erhöht. Hinzu kommt, dass die Zinssätze in den USA und in Euro steigen, was auch die Bedienung der Auslandsschulden erschwert. Der Wertverfall der türkischen Lira wirkt sich auch negativ auf die Energiewirtschaft der Türkei aus. Er führt zwangsläufig zu einer Verteuerung der Energie-Importe. Denn Öl und Erdgas werden in US-Dollar gehandelt. Die höheren Kosten für Importe werden auf die Verbraucher abgewälzt. Das wirkt sich auch negativ auf das ohnehin hohe Handelsbilanzdefizit des Landes aus. Die Abhängigkeit der Türkei von Energie-Importen ist ausschlaggebend für das aktuelle Handelsbilanzdefizit, so der türkischsprachige Dienst von Bloomberg.

Der US-Ökonom Srinivas Thiruvadanthai vom Jerome Levy Forecasting Center in New York sagt im Interview mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, dass eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank dem Dollar einen weiteren Auftrieb verschaffen und in der Türkei, aber auch in Kolumbien, Südafrika, Brasilien, Indien oder Russland, eine Wirtschaftskrise auslösen könnte, da die betroffenen Länder dann nicht nur mit einer Erhöhung ihrer privaten und öffentlichen Dollar-denominierten Schulden, rechnen müssen, sondern auch mit drastischen Kapitalabflüssen.

Die Devisenreserven der Türkei sind derzeit ausreichend, da die Auslandsschulden zu etwa 100 Prozent abgedeckt sind, meint Rickards. Das Problem sei nicht eine unmittelbare Schuldenkrise, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass ausländische Kredite nicht mehr gewährt oder Reserven schnell abfließen könnten, was zu einem Wendepunkt und einem schnellen Vertrauensverlust führen würde. Ein Risiko für türkischen Firmen stellen die Konsortialkredite dar. Konsortialkredite werden von mehreren Banken gemeinsam gewährt. Nach Angaben von Bloomberg Intelligence haben türkische Firmen seit dem Jahr 2010 Konsortialkredite in Höhe von umgerechnet 83 Milliarden Dollar aufgenommen. 64 Prozent dieser Kredite sind Dollar-Kredite. Allerdings halten sich mittlerweile internationale Banken mit der Vergabe von Konsortialkrediten an türkische Firmen zurück, so Bloomberg. Der Finanz-Analyst Yalman Onaran sagte Voice of America (VoA): „US-amerikanische Investoren haben kein großes Interesse an der Türkei. Die Investitionen kommen hauptsächlich aus Europa. Wenn die Banken Konsortialkredite aufnehmen, dann stammen diese Kredite meistens von europäischen Banken.“

Es gibt zahlreiche wirtschaftliche und geopolitische Auslöser für einen solchen Vertrauensverlust. Der Hauptkatalysator ist eine starke Verschlechterung der Beziehungen der Türkei zum Westen. Das Center for American Progress veröffentlichte am 11. Februar 2018 eine Umfrage, wonach nur 83 Prozent der befragten Türken ein positives Bild über die USA haben. Nur 21 Prozent der Türken sollen ein positives Bild über Europa haben. 28 Prozent der Türken haben ein positives Bild über Russland, was der höchste Wert in dieser Kategorie ist.

Einer der Auslöser für das Misstrauen gegenüber dem “Westen” ist die herrschende Meinung in der Türkei, wonach die USA und der “Westen” den Putsch vom 15. Juli 2016 gegen die türkische Regierung mitorganisiert hätten. Dieser Verdacht wird durch die Tatsache verstärkt, dass die USA sich weigern, Erdoğans politischen Feind Fethullah Gülen, der in den USA lebt, auszuliefern.

Ein Gericht in den USA hatte zuvor einen Prozess gegen einen türkisch-iranischen Goldhändler namens Reza Zarrab geführt, der in die Umgehung der Iran-Sanktionen verstoßen haben soll. Er soll dabei Schmiergelder an türkische Regierungsmitglieder gezahlt haben. Das Gericht machte jedoch aus dem Angeklagten einen Zeugen gegen die Erdoğan-Regierung. Die USA werfen der Türkei vor, dass sie sowohl Russland als auch dem Iran dabei geholfen habe, US-Sanktionen zu umgehen. Falls die Türkei mit dem Deal zum Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 fortfahren sollte, werden die USA Sanktionen gegen die Türkei einführen.

Ein wird Streitpunkt zwischen den USA und der Türkei betrifft die Rolle der Kurden in Syrien. Aus der Sicht der Türkei sind die Kurden eine separatistische Bewegung, die die territoriale Integrität der Türkei bedroht. Nationalistische Kurden drängen auf ein unabhängiges Kurdistan, das Teile der heutigen Türkei, Syrien, Irak und Iran umfassen würde.

Aus Sicht der USA sind die Kurden eine mächtige Streitmacht, die entscheidend zur Dezimierung des IS beigetragen hat und eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung von Anti-Assad-Söldnern spielt, die sich der Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad widersetzen. Die Kurden-Milizen in Syrien sind Feinde der Türkei und Freunde der USA.

Eine weitere Konfrontation zwischen den USA und der Türkei zeichnet sich über den Status von Katar ab. Saudi-Arabien hat Katar wegen seiner angeblichen Unterstützung für “Terroristen und islamische Fundamentalisten” wirtschaftlich isoliert und physisch blockiert. Die USA haben versucht, diesen Konflikt zu mildern, unterstützen aber insgesamt die saudische Position, obwohl nachgewiesen ist, dass Saudi-Arabien die entscheidende Rolle bei der Finanzierung des internationalen Terrorismus und Salafismus spielt.

Die Türkei ist Katar mit finanzieller Unterstützung und militärischer Präsenz zu Hilfe gekommen. Das türkische Militär verfügt über einen Stützpunkt in Katar. Ein Krieg zwischen Saudi-Arabien und Katar wäre auch ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Türkei.

Die türkisch-amerikanischen Beziehungen sind wahrscheinlich auf dem niedrigsten Stand seit der Auflösung des Osmanischen Reiches im Jahre 1922. Diese Verschlechterung der Beziehungen hat wichtige wirtschaftliche Auswirkungen. Wenn die Türkei in eine finanzielle Notlage gerät, was für die nahe Zukunft mehr als nur wahrscheinlich ist, ist der IWF der übliche Ort, um Finanzhilfen zu beantragen. Die USA und ihre westlichen Verbündeten, insbesondere Deutschland, verfügen jedoch über ein Vetorecht bei IWF-Rettungsaktionen.

Der wichtigste Trend ist die zunehmende Isolation der Türkei vom Westen, während gleichzeitig die Auslands-Schuldenlast der Türkei außer Kontrolle gerät.

Die oben erwähnten geopolitischen Probleme, die Syrien, Katar, die Kurden, Russland und den Iran betreffen, könnten zu einem scharfen Bruch der Beziehungen zwischen den USA und der Türkei und zum Austritt der Türkei aus der NATO führen.

Der türkische Präsident Erdoğan ist willensstark, aber auch trotzig und stur gegenüber dem, was er als Verletzung der Souveränität der Türkei durch die USA und Europa ansieht.

Anstatt im Falle einer Notlage mit dem IWF zu verhandeln, könnte Erdoğan Kapitalkontrollen verhängen, was praktisch zu einem Zahlungsausfall bei allen Auslandsschulden führen und alle Aktienanlagen blockieren würde, die nicht in Dollar ausbezahlt werden könnten. Die türkischen Aktien- und Anleihemärkte würden bestenfalls einbrechen oder gar nicht mehr funktionieren.

Die aktuelle Lage in der Türkei ist vergleichbar mit der Situation in Thailand im Jahr 1997 mit Russland im Jahr 1998, in der beide Länder ihre Kapitalkonten schlossen, nachdem sie Milliarden von Dollar für ausländische Kredite und Investitionen angezogen hatten. Die Zahlungsunfähigkeit in Thailand und Russland führten zu einer der akutesten und gefährlichsten Liquiditäts-Krisen der Weltgeschichte.

Allein die Existenz dieser geopolitischen Verwerfungen und potenzieller finanzieller Ausfälle reicht aus, um neue Investitions- und Kredit-Verschiebungen so zu verlangsamen, dass eine Kreditkrise in der Türkei noch wahrscheinlicher wird.