Mitarbeiter protestieren: Google auf dem Weg zum Militär-Konzern

Über 3.000 Google-Mitarbeiter haben gegen die Beteiligung ihres Arbeitgebers am Drohnenkrieg protestiert.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
Eine Militär-Drohne der USA des Typs MQ-1 Predator. (Foto: dpa)

Eine US-Drohne des Typs MQ-1 Predator. (Foto: dpa)

In einem Brief an den Google-CEO Sundar Pichai haben über 3000 Google-Mitarbeiter dagegen protestiert, dass ihr Arbeitgeber das Pentagon bei seinem Drohnenkrieg gegen den IS unterstützt. Das berichtet die New York Times. Die teilweise hochrangigen Google-Angestellten schreiben, dass Google „keine Geschäfte mit dem Krieg“ betreiben dürfe und die Zusammenarbeit mit dem Pentagon „der Marke Google irreparablen Schaden“ zufügen werde. Unter Berufung auf das bei Gründung des Unternehmens ausgegebene und noch heute gültige Firmen-Motto „Sei nicht böse“ appellieren sie ans Top-Management, das Projekt Maven auf der Stelle zu beenden, weil es in völligem Gegensatz zu den Grundwerten des Unternehmens stände. Am Ende des Briefes erheben die Mitarbeiter die Forderung, Google müsse sich unumstößlich dazu bekennen, niemals Kriegstechnologie zu entwickeln.

„Maven“ ist ein im April 2017 vom Pentagon gestartetes Projekt. Sein Ziel ist es, ziviler Spitzentechnologie zu nutzen, um die Schlagkraft des amerikanischen Militärs zu erhöhen. Im Zuge von „Maven“ lieferte Google letztes Jahr intelligente Software, die das Pentagon dazu nutzt, von Drohnen gesammelte Informationen auszuwerten. Mit Hilfe dieser Informationen werden beispielsweise Ziele von Bombardements bestimmt. Die Zusammenarbeit – die aus Verschleierungsgründen über einen technischen Personaldienstleister abgewickelt wurde – erwies sich als außerordentlich fruchtbar. Nach einer Analyse der Washingtoner Denkfabrik Center for a New American Security war das Projekt ein „unglaublicher Erfolg, der vorausahnen lässt, welche enormen Möglichkeiten die Zukunft bereithält“.

Eine Google-Sprecherin sagte, Google habe dem US-Verteidigungsministerium Schnittstellen zur Anwendungsprogrammierung (APIs) geliefert. Diese würden jedoch ausschließlich für „nicht-offensive“ Zwecke genutzt. Dass die Nutzung von künstlicher Intelligenz durch das Militär Bedenken hervorrufe, sei selbstverständlich. Deshalb werde das Thema auch Google-intern aktiv diskutiert. Google werde in Bezug auf die Entwicklung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz „geeignete Richtlinien erlassen und Vorkehrungen treffen“.

Ob Google bereits vor „Maven“ mit dem Pentagon kooperierte, ist nicht bekannt. Ulrike Esther Franke von der Londoner Denkfabrik European Council on Foreign Relations sagt, dass es keinerlei Hinweise darauf gebe. Die Wissenschaftlerin verweist darauf, dass Google in der Vergangenheit traditionell „anti-militärisch“ eingestellt gewesen sei. Tatsache ist, dass das Unternehmen mehrmals die Möglichkeit gehabt hätte, mit dem US-Militär zusammenarbeiten, dies jedoch nicht tat. So kündigte Google nach dem Kauf des Satelliten-Betreibers Skybox dessen Verträge mit dem Verteidigungsministerium. Und nach dem Kauf der Robotik-Firma Shaft beendete Google deren Teilnahme an einer Ausschreibung des Pentagons, obwohl Shaft gute Chancen gehabt hätte, den Auftrag zu erhalten.

Allerdings hat es in den letzten Jahren eine spürbare Annäherung zwischen Google und dem Pentagon gegeben. Die beiden Verteidigungsminister Ashton Carter (Obama-Kabinett) und James Mattis (Trump-Regierung) haben sich mehrmals mit Google-Managern in der Google-Zentrale in Mountain View, Kalifornien, getroffen. Carters erster Besuch in Mountain View im Frühjahr 2016 war die erste offizielle Reise eines US-Verteidigungsministers ins Silicon Valley seit 20 Jahren. Carter sagte mehrmals, das US-Militär müsse mehr Geld in Wissenschaft und Technologie investieren, um den diesbezüglichen Vorsprung der Vereinigten Staaten gegenüber Russland und China aufrechtzuerhalten. Im August 2017 diskutierten Mattis und Google-Vertreter, wie das Pentagon Künstliche Intelligenz, Cloud Computing und Cyber-Sicherheit am besten für seine Zwecke nutzen könne. Eric Schmidt, der zunächst jahrelang CEO bei Google war und anschließend bis Januar dieses Jahres als CEO bei Googles Mutterunternehmen Alphabet fungierte, ist Vorsitzender des Defensive Innovation Board (Verteidigungs-Innovations-Beirat). Google-Manager Milo Medin ist Mitglied des Beirats. Die 2016 vom Pentagon gegründete Organisation hat die Aufgabe, das Verteidigungsministerium in Sachen technische Innovationen zu beraten und die Innovationskraft von Silicon Valley auf die Streitkräfte zu übertragen.

Ulrike Esther Franke glaubt, dass Google – wie auch andere Technologie-Firmen –  in Zukunft verstärkt mit dem Pentagon zusammenarbeiten wird. Proteste seitens seiner Belegschaft könnte das Unternehmen mit Ausgründungen umgehen. Franke erwartet den Beginn einer neuen Ära. Seit dem Sputnik-Schock im Jahr 1957 sei das Militär wichtigster Innovationstreiber bei technischen Neuerungen gewesen. Beispiele dafür seien das GPS und das Internet, die jeweils aus Forschungsprojekten des Pentagons hervorgegangen seien. Seit einigen Jahren gingen die Innovationen jedoch nicht mehr vom Militär, sondern vom Silicon Valley aus. Die großen Technologie-Unternehmen könnten höhere Gehälter zahlen und daher bessere Mitarbeiter rekrutieren, darüber hinaus stünde ihnen mehr Geld für Forschungszwecke zur Verfügung. 2017 investierte das Pentagon 7,4 Milliarden Dollar in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, während das Forschungs- und Entwicklungsbudget von Alphabet 13,9 Milliarden Dollar betrug. Außerdem verfügen Google und seine Mitbewerber über eine viel größere Menge an Datenmaterial als das Pentagon, das als Behörde zudem strengeren rechtlichen Beschränkungen beim Sammeln von Daten unterliegt.

Franke glaubt, dass Googles Kooperation mit dem Militär das Potential hat, die moderne Kriegsführung grundlegend zu verändern. Ein Projekt wie „Maven“ werde zwar alleine keinen Krieg entscheiden, es werde aber eine graduelle Entwicklung hin zu automatisierten und autonomen Waffensystemen einleiten: „Die amerikanischen Kriege der Zukunft werden automatisierte Kriege sein.“

Das Pentagon hat eine Zusammenarbeit mit Google gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten weder bestätigt noch dementiert. Sprecherin Audricia Harris sagte: „Das US-Verteidigungsministerium bestätigt, dass Project Maven mehrere Verträge und Unterverträge mit vielen führenden Technologieanbietern umfasst, wobei alle Verträge und Unterverträge mit geltenden Regeln und Richtlinien im Einklang stehen. Unter diesen Technologieanbietern sind viele führende Technologie- und Artificial-Intelligence-Unternehmen mit spezifischen Kenntnissen in künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und algorithmischer Technologie. Der Hauptvertragsnehmer für Project Maven ist ECS Federal (der besagte technische Personaldienstleister, Anm. d. Red.). Ähnlich wie bei anderen Programmen des Pentagons werden bei Project Maven keine Angaben zu den Einzelheiten der Vertragsdetails, einschließlich der Namen und Identitäten von Sub-Auftragnehmern, gemacht.“

Google wollte sich – trotz mehrmaliger Anfragen – gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten zur Sache nicht äußern.

***

Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung. Bitte unterstützen Sie die Unabhängigkeit der DWN mit einem Abonnement:

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, werden Sie von uns benachrichtigt und können dann das Abo auswählen, dass am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier.