Syrien: Türkei bremst bei Offensive gegen Söldner in Idlib

Lesezeit: 3 min
10.08.2018 00:52
Syrien zieht vor Idlib Truppen zusammen. Doch die Türkei bremst bei einer Offensive gegen den letzten Hort der Söldner.
Syrien: Türkei bremst bei Offensive gegen Söldner in Idlib

Nach der Eroberung der letzten Söldner-Hochburgen im Süden Syriens hat der syrische Präsident Baschar al-Assad angekündigt, als nächstes die Provinz Idlib ins Visier zu nehmen. Die syrische Armee (SAA) hat begonnen, Truppen am Rande der Region zusammenzuziehen, berichtet die AFP. Die Türkei will eine solche Offensive unbedingt verhindern. Assads Verbündeter Russland versichert, eine große Offensive auf die Gebiete der Söldner der Truppe Hayat Tahrir al-Scham (HTS), die die Nachfolgeorganisation der Al-Nusra-Front ist, im Nordwesten komme derzeit nicht in Frage, doch glauben Experten, dass Moskau eine Offensive nicht dauerhaft verhindern wird.

Nach der Einnahme von Homs, Ost-Ghuta und Daraa ist Idlib das letzte große Gebiet unter Kontrolle von Söldnern. Assad hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er das gesamte syrische Territorium wieder in seine Gewalt bringen will. Zwar ist die ländliche Region Idlib an der Grenze zur Türkei von keiner großen wirtschaftlichen Bedeutung, doch verläuft die strategisch und ökonomisch wichtige Autobahn zwischen den Großstädten Damaskus und Aleppo hindurch.

Zwar haben Moskau, Teheran und Ankara Idlib zur Deeskalationszone erklärt und für die Region eine Waffenruhe vereinbart. Doch ob dies Assad abhält, ist zweifelhaft, nachdem er bereits in den anderen Deeskalationszonen Homs, Ost-Ghuta und Daraa die Kontrolle wiedergewonnen hat.

Zusammen mit Russland ist die Türkei für die Überwachung der Waffenruhe in Idlib zuständig und hat daher am Rande von Idlib ein Dutzend Kontrollposten errichtet. Die Türkei hat erheblichen Einfluss auf Söldner-Truppen der Freien Syrischen Armee (FSA), die verfeindet sind mit HTS. Allerdings kontrolliert HTS 60 Prozent der Provinz Idlib und ist militärisch besser ausgestattet als die FSA.

Aus der Türkei kommen in diesem Zusammenhang neue Drohungen mit einer Flüchtlingsbewegung. Nicholas Heras vom Center for a New American Security (CNAS) sagt, die Türkei habe bereits 3,5 Millionen syrischer Flüchtlinge aufgenommen. Hinzu komme, dass sich unter die Flüchtlinge auch Söldner mischen könnten, die dann in die Türkei strömen, um zu einem Sicherheitsproblem zu werden. Die Nachrichtenagentur Anadolu führt aus: “Aus Sicht der Anzahl der Zivilisten, der Söldner und des Terrains ist Idlib weitaus komplizierter. In Idlib befinden sich zwölf Beobachterposten der Türkei, auf die sich Russland, die Türkei und der Iran im Rahmen des Astana-Prozesses geeinigt hatten. Wenn eine Operation ohne die Zustimmung der Türkei durchgeführt werden sollte, würde dies zu Spannungen in den türkisch-russischen Beziehungen führen. Denn dies könnte dazu führen, dass das Personal der türkischen Streitkräfte zwischen die Fronten gerät. Für die Türkei hat Idlib eine wichtige Bedeutung, weil dort 2,5 Millionen Zivilisten leben. Es ist davon auszugehen, dass es in naher Zukunft Konsultationen zwischen Moskau und Ankara geben wird, um die Lage in Idlib zu besprechen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass die Söldner-Truppen in Idlib sich weitgehend feindlich gegenüberstehen und sich gegenseitig bekämpfen. Eine plötzliche Operation der syrischen Armee könnte dazu führen, dass diese Gruppen eine Einheit bilden, was zur Eskalation der Kämpfe führen könnte.”

Der Politikanalyst Nawar Oliver vom Omran Center in Istanbul betont, dass eine Offensive auf Idlib nur mit Zustimmung der drei Garantiemächte Russland, Türkei und Iran vorstellbar sei. Bisher sei aber keine Einigung dazu erzielt worden. Russlands Syrien-Gesandter Alexander Lawrentiew betonte kürzlich bei Gesprächen in Sotschi, dass eine Offensive auf Idlib “derzeit nicht in Frage” komme. Moskau hoffe, dass die Türkei die Söldner in der Provinz unter Kontrolle halten werde.

Russland ist aber daran gelegen, HTS in Idlib zu zerschlagen, in dessen Reihen auch viele Kämpfer aus der Russischen Föderation sind, die ein direktes Sicherheitsrisiko für Moskau darstellen. Auch die USA stufen HTS in Idlib als Gefahr an. Nach Ansicht von Oliver könnte die Türkei daher gezwungen sein, selbst militärisch gegen die HTS-Hardliner vorzugehen, um eine syrisch-russische Offensive zu vermeiden.

Im Syrien-Konflikt hat sich Erdogan in den vergangenen Jahren dem russischen Präsidenten Wladimir Putin angenähert, obwohl Russland die syrische Regierung unterstützt, die wiederum von der Türkei bisher abgelehnt wurde. Elnur Ismayil von der türkischen Denkfabrik BILGESAM sagte Al-Monitor: “Syrien ist die Priorität (für Russland und die Türkei, Anm. d. Red.), aber das ist ein sehr sensibler Boden. Idlib, das zum Pulverfass geworden ist, macht bereitet beiden Seiten Kopfzerbrechen. Idlib ist tatsächlich der Hauptkandidat geworden, um der Ausgangspunkt einer neuen Russland-Türkei-Krise zu werden. Ich glaube, dass Russland in Idlib versuchen wird, die Türkei auf seiner Seite zu behalten, aber den [syrischen Präsidenten Baschar] al-Assad nach vorne zu drängen, um die Region zu kontrollieren. Es wäre naiv zu glauben, dass Russland die Langzeitpräsenz von Dschihadisten in Idlib tolerieren wird. Erinnern Sie sich, in diesem Jahr gab es von Idlib aus mehrere Angriffe gegen russische Stützpunkte - mit Mörserfeuer und UAVs (unbemannte Luftfahrzeuge). Sie können sicher sein, dass Russland nach einer Formel sucht, um Idlib unter die Kontrolle von Damaskus zu bringen.”


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Gewerkschaft fordert nationalen Rettungsplan für die Windkraft-Branche

Angesichts des nahezu stagnierenden Neubaus von Anlagen sowie des massiven Stellenabbaus beim Betreiber Enercon werden Rufe nach einem...

DWN
Technologie
Technologie Das Wohlstandsversprechen des Technologie-Zeitalters hat sich als Farce entpuppt

Zu Beginn des digitalen Zeitalters wurden Chancengleichheit und Wohlstand für alle propagiert. Davon ist heute nichts mehr zu erkennen,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bei Russlands Staatsbahn kriecht die Fracht im Schneckentempo über die Gleise

Die russische Staatsbahn RZD betreibt ein riesiges Netz, das sich über mehrere Zeitzonen erstreckt, und ist mit mehr als 700.000...

DWN
Politik
Politik Türkei: Gründer der White Helmets tot aufgefunden

Der ehemalige britische Offizier und Gründer der Zivilschutzorganisation White Helmets, James Le Mesurier, wurde in Istanbul tot...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Nach Morales-Sturz: Lithium-Projekt mit Deutschland könnte wieder aufgenommen werden

Der gestürzte bolivianische Präsident Evo Morales hatte ein Projekt zur Verarbeitung von Lithium mit einem deutschen Unternehmen...

DWN
Politik
Politik Ungarn treibt strategische Allianz mit Russland und der Türkei voran

Ungarns Präsident Orbán baut die Beziehungen seines Landes zu Russland und zur Türkei deutlich aus. Ungarn hat mittlerweile als einziges...

DWN
Technologie
Technologie Experte: Rabatte auf Neuwagen werden steigen - Interessenten sollten Kauf also aufschieben

Im Oktober waren die Rabatte für Neuwagen rückläufig. Das heißt aber nicht, dass die Rabatte auch in den kommenden Monaten zurückgehen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europaweite Einlagensicherung: Eine totgeglaubte Idee reißt deutsche Sparer aus ihrem Winterschlaf

Seit Jahren geistert das Projekt einer europäischen Einlagensicherung durch die Diskussion. Der hochtrabende Begriff bedeutet, dass alle...

DWN
Finanzen
Finanzen Die Ära des Monetarismus ist vorbei, das Pendel schwingt wieder zur Fiskalpolitik

Die Zentralbanken seien sich inzwischen bewusst, dass sie das Wirtschaftswachstum nicht mehr stimulieren können, schreibt der Ökonom...

DWN
Politik
Politik Stimme aus der Ukraine: Die EU muss ihre Ressourcen mobilisieren und groß aufspielen

Der ukrainische Vizepremier Kuleba ist überzeugt, dass die EU zu einem “liberalen Imperium des Guten” werden kann. Als Kontrahenten...

DWN
Politik
Politik Polnischer Außenminister: Deutsche Investoren ein Grund für Polens gewaltigen Aufschwung

Die polnische Regierung hat in der Vergangenheit die deutschen Investoren nicht immer unterstützt. Beispielsweise liegt ein...

DWN
Finanzen
Finanzen ETFs stocken Goldbestände deutlich auf

Börsengehandelte Fonds haben im dritten Quartal ungewöhnlich viel Gold gekauft.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Goldman Sachs gründet Mittelstands-Einheit für Westeuropa

Goldman Sachs hat ein neues Team gebildet, das Geschäfte mit mittelständischen Unternehmen in Westeuropa an Land ziehen soll. Doch gerade...

DWN
Deutschland
Deutschland Brain-Drain nach Asien: Adidas schließt Prestigeobjekt

Adidas hat überraschend die Schließung der beiden Speedfactories in Ansbach und Atlanta bekanntgegeben.

celtra_fin_Interscroller