„Im Zeitalter der Technologie sind die Mitarbeiter entscheidend“

Der österreichischen voestalpine ist es gelungen, von einem staatlichen Stahlkonzern am Rande der Pleite zu einem modernen Technologie-Konzern zu werden.

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Das neue High-Tech-Drahtwalzwerk produziert künftig jährlich 550.000 Tonnen Walzdraht für Anwendungen in der Automobil-, Energie-, Bau- und Maschinenbauindustrie. (Foto: voestalpine AG/voestalpine.com)

Das neue High-Tech-Drahtwalzwerk produziert künftig jährlich 550.000 Tonnen Walzdraht für Anwendungen in der Automobil-, Energie-, Bau- und Maschinenbauindustrie. (Foto: voestalpine AG/voestalpine.com)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie würden Sie aus der Vogelperspektive die Transformation der voestalpine beschreiben?

Dr. Wolfgang Eder: Das Unternehmen entwickelte sich von einem von politischen Interessen geprägten Staatskonzern, der Mitte der 1980er Jahre pleite war und mit seiner Breite von geschäftlichen Aktivitäten eher einem Gemischtwarenladen glich, zu einem international operierenden Technologiekonzern mit einer klaren strategischen Fokussierung auf anspruchsvolle, innovative Produkte aus dem Industriegüterbereich, einer starken Bilanz und hohen Profitabilität.

Ein Kernwert oder eine Grundtugend, wenn Sie so wollen, war und ist das ständige Bestreben des Unternehmens und seiner Mitarbeiter, sich technologisch schneller als die Konkurrenten weiterzuentwickeln.

Die voestalpine ist heute ein völlig privatisierter, zu 100 Prozent börsennotierter Konzern, an dem die Mitarbeiter über eine Stiftung mit rund 14 Prozent beteiligt sind. Sie sind damit einer unserer Ankeraktionäre, die dem Konzern Stabilität in der Eigentümerstruktur verschaffen. Gleichzeitig fördert diese Beteiligung Identifikation und unternehmerisches Denken als zentrale Elemente für eine Fortsetzung des erfolgreichen Weges.

Wer Entwicklungen und Zusammenhänge versteht, strategische Zielsetzungen nachvollziehen kann und dann auch noch den Erfolg sieht, ist motivierter, macht sich keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz und liefert Topqualität ab. Und genau darum geht es. Technologisch führend und innovativ zu sein, reicht dabei übrigens nicht. Sie müssen auch eine beständig hohe Qualität bei all ihren Produkten schaffen. Erst dann sieht sie der Kunde nicht bloß als jederzeit austauschbaren Lieferanten, sondern als Partner.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Nach schwierigen Jahren nach der Finanzkrise ist das Unternehmen wieder sehr erfolgreich. Was haben Sie gemacht?

Dr. Wolfgang Eder: Wir haben in für uns langfristig aussichtsreichen Märkten wie Nordamerika oder China forciert investiert und technologische Durchbrüche wie etwa die direkte Warmumformung im Bereich höchstfester und ultra-leichter Automobilkomponenten geschafft, generell noch konsequenter als vorher auf High-Tech gesetzt und uns aus Commodities und Massenmärkten völlig zurückgezogen, Gewicht und Sicherheit spielen übrigens gerade beim heute zentralen Trendthema E-Mobilität eine entscheidende Rolle.

Darüber hinaus treiben wir die Digitalisierung im Konzern massiv voran und optimieren so zusätzlich Qualität und Produktivität. Das alles hat dazu geführt, dass unsere Produkte heute mehr denn je zuvor in den anspruchsvollsten Industriebereichen eingesetzt werden und nicht so einfach austauschbar sind. Nehmen Sie zum Beispiel hochsicherheitsrelevante Teile im Flugzeugbau wie Triebwerkskomponenten und Triebwerksaufhängung oder das Fahrwerk. Auch in der Bahninfrastruktur geht es um Benchmarkpositionen, zum Beispiel den globalen Lead bei Hochgeschwindigkeitsstrecken, so kommt etwa die komplette Bahninfrastruktur inklusive Sensorik für den neuen Gotthard-Basistunnel von uns. Führende Produkt-, vor allem jedoch Systemkompetenz bedeutet Absicherung der Marktposition, aber auch Gewinnmargen, welche uns die Innovationen und Investitionen von morgen ermöglichen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wo sehen Sie das Unternehmen global mittelfristig?

Dr. Wolfgang Eder: In den vergangenen sechs Jahren haben wir in den USA rund 1,4 Milliarden US-Dollar investiert. Die wesentlichen Projekte sind nun abgeschlossen, was uns insofern in der aktuellen Situation hilft, als wir dadurch mit rund zwei Dritteln unseres US-Umsatzes von etwa 1,3 Milliarden US-Dollar als lokaler Produzent keinen Handelsbeschränkungen unterliegen. Weitere Pläne in den USA treiben wir aber gerade nicht voran, bis wir wissen, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln. Die Absichtserklärung zwischen den USA und der EU, den Handelsstreit beizulegen und die bereits umgesetzten Strafzölle nochmals zu prüfen, begrüßen wir. Es ist aber sicher noch zu früh für eine Entwarnung.

Dr. Wolfgang Eder. (Foto: voestalpine AG/voestalpine.com)

Dr. Wolfgang Eder. (Foto: voestalpine AG/voestalpine.com)

Im Fokus unserer Internationalisierungsstrategie steht neben dem NAFTA-Raum seit Jahren auch Asien, insbesondere China. Wir erzielen dort in Hochtechnologie-Segmenten mit knapp 3.000 Mitarbeitern rund 600 Millionen Euro Umsatz pro Jahr und wollen ihn mittelfristig auf etwa eine Milliarde steigern. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir in den vergangenen zehn Jahren auch intensiv in die Errichtung bzw. Erweiterung von Standorten in China investiert. Ein klarer Fokus liegt auch hier einmal mehr auf eigenen Werken für die Produktion von Automobilkomponenten.

China hat darüber hinaus aber auch moderne Bahnstrecken, zu denen wir in sehr erheblichem Umfang Hochgeschwindigkeitstechnologie beisteuern. Auch bei Werkzeugstählen und Komponenten für die Öl- und Gasgewinnung stellt das Land einen langfristigen Zukunftsmarkt dar. Insgesamt sollte die forcierte Internationalisierung, bei der auch Brasilien künftig wieder eine stärkere Rolle als in den letzten Jahren spielen wird, schon in naher Zukunft dazu führen, dass der außereuropäische Umsatz des Konzerns von aktuell rund 34 Prozent auf etwa 40 Prozent steigt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie haben sich für Düsseldorf als Forschungszentrum für die 3D-Technologie entschieden – warum? Welche Rolle spielt Deutschland bei Ihrer Strategie?

Dr. Wolfgang Eder: Deutschland ist nach wie vor unser mit Abstand wichtigster Markt. Wir setzen hier an mehr als 50 Standorten mit gut 8.000 Mitarbeitern über 3 Milliarden Euro um. Alleine in den letzten 10 Jahren haben wir hier rund 1,6 Milliarden Euro investiert. Viele Technologiethemen treiben wir von Deutschland aus voran. Natürlich ist unsere Verbindung zur Automobilindustrie hier traditionell besonders ausgeprägt. Ähnliches gilt aber auch für den Maschinenbau- und Eisenbahnsektor. Deutschland ist für uns fraglos von hoher strategischer Relevanz, sowohl als Markt als auch als Entwicklungsstandort.

Was Düsseldorf angeht, so haben wir hier ideale Voraussetzungen vorgefunden, um die additiven Verfahren auf Basis von High-Tech-Metallpulver und Lasertechnologie, den anspruchsvollen 3D-Metalldruck, mit größtmöglicher Kompetenz weiterzuentwickeln. Am Standort Düsseldorf/Meerbusch sind wir mit verschiedensten Aktivitäten schon seit über 100 Jahren vertreten. Heute ist es als Mischareal aus Industrie-, Gewerbe-, Start-up und Event-Aktivitäten hervorragender Nährboden für Zukunftsprojekte und damit ein idealer Hub für ein hochqualifiziertes, junges Team, etwas wie das 3D-Thema zum Erfolg zu führen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Donawitz haben Sie ein revolutionäres Drahtwalzwerk errichtet. Ist die Konzeption dieses Werks paradigmatisch für Industrie 4.0?

Dr. Wolfgang Eder: Ich tue mir generell schwer mit Worten wie revolutionär oder disruptiv, weil sie heute für meine Begriffe inflationär verwendet werden. Als der Begriff „Industrie 4.0“ Einzug in Medienwelt und Gesellschaft nahm, konnte man den Eindruck gewinnen, dass vorher alles analog, von Menschenhand gesteuert vonstatten ging und plötzlich binnen weniger Jahre intelligente Maschinen alles übernehmen. Dem war und ist natürlich nicht so. De facto ist auch die Digitalisierung ein Prozess, der schon vor etwa 15 Jahren begonnen hat und für uns seit damals ein Thema ist. Faktum ist dabei auch, dass sich dieser Prozess durch die technologische Weiterentwicklung inzwischen natürlich massiv beschleunigt hat.

Für die voestalpine stellt größtmögliche und konsequente Digitalisierung eine der zentralen Voraussetzungen dafür dar, unsere starke technologische Position in Zukunftsbranchen – allen voran dem Mobilitätssektor, das heißt Auto, Bahn, Flugzeug – langfristig abzusichern.

Mit dem neuen Drahtwalzwerk in Donawitz verfügen wir über eine Benchmark-Anlage hinsichtlich modernster industrieller Fertigungsprozesse. Dort werden stahlbasierte Drähte hergestellt, die hinsichtlich Reinheit, Festigkeit und Verformbarkeit dem höchsten Technologiestandard entsprechen. Die Fertigung der einzelnen Drahtgüter erfolgt über elf verschiedene Routen bei Durchlaufgeschwindigkeiten von bis zu 400 Stundenkilometern. Gesteuert wird die 700 Meter lange Anlage von einer Handvoll Experten über ein System mit mehr als 2.000 datenerfassenden Sensoren und über 15.000 kontinuierlich aufgezeichnete Parameter. Diese Technologie ermöglicht es uns, alle Prozessschritte in Echtzeit auszuwerten und laufend zu optimieren. So können wir unseren Kunden, die vorwiegend aus der Automobilindustrie kommen, noch hochwertigere Produkte für immer individuellere Anforderungen anbieten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sehen Sie das Verhältnis von Mensch und Maschine? Wie kann es gelingen, die Arbeiter so zu qualifizieren, dass sie die Arbeit von Robotern beaufsichtigen?

Dr. Wolfgang Eder: Die bestmögliche Qualifikation der Mitarbeiter spielt für den Erfolg eines Unternehmens künftig eine noch zentralere Rolle als in der Vergangenheit. Aufgrund von Digitalisierung und Automatisierung werden in den klassischen Produktionsbereichen zwar in Zukunft weniger Mitarbeiter als bisher benötigt, deren Qualifikationsniveau wird aber über dem bisherigen liegen müssen, um von komplexen Leitständen aus Anlagen und Prozesse steuern zu können. Natürlich können wir nicht jeden Mitarbeiter unbegrenzt weiterqualifizieren, aber es funktioniert in wesentlich größerem Umfang als man zunächst annehmen würde.

Wir haben schon seit Jahren solche Qualifikationsprogramme laufen, die eng auf die zukünftigen Erfordernisse ausgerichtet sind. So können wir frühzeitig planen und gegebenenfalls auch fehlende Ressourcen von außen beschaffen. Im Übrigen brauchen wir gleichsam im „Backoffice“ zur kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer neuen Prozesse und Systeme immer mehr hochqualifizierte Mitarbeiter, die ziffernmäßig gleichsam frühere, klassische „blue collar workers“ zum Teil ersetzen werden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wo stehen Deutschland und Österreich im Hinblick auf die Industrie 4.0? Was haben die steirischen Arbeiter, das Sie in anderen Kontinenten nicht finden?

Dr. Wolfgang Eder: Ich denke, dass beide Länder im Hinblick auf ihr technologisches Wissensniveau keine Angst vor den Herausforderungen der „Digitalisierungsgesellschaft“ zu haben brauchen.

Allerdings hätte man von Seiten der Politik in Europa generell schon früher beginnen können, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die einfach notwendig sind, um einerseits die ausreichenden technischen Voraussetzungen für weitere Investitionen in Richtung Digitalisierung zu gewährleisten und andererseits den neuen Erfordernissen entsprechende Fachkräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen.

Zurückkommend auf Ihre Frage betreffend die Steiermark haben wir gerade im letzten Punkt als voestalpine an unseren Standorten in Österreich den Vorteil eines hohen Bekanntheitsgrades und einer überdurchschnittlichen Mitarbeiterbindung. Als Konsequenz verfügen wir bei den Mitarbeitern auch über ein vergleichsweise hohes Qualifikationsniveau, das schließlich in Verbindung mit einem traditionell ausgeprägten persönlichen Engagement den Ausschlag für die Standortentscheidung zugunsten der Steiermark gab. Wir hätten schlicht nirgendwo sonst eine vergleichbar qualifizierte Mannschaft zur Verfügung gehabt, um eine derart anspruchsvolle Anlage mit all ihren Möglichkeiten optimal zu betreiben. Das sind Alleinstellungsmerkmale, die sich aus der Kombination von Qualifikation, Motivation, Erfahrung und Unternehmensbindung ergeben.

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Dr. Wolfgang Eder ist österreichischer Manager und zurzeit Vorstandsvorsitzender der Voestalpine AG.