Finanzen

EZB: Kaum noch Instrumente um auf neue Krise zu reagieren

Die EZB kann auf eine neue Krise nicht mit Zinssenkungen reagieren. Die Federal Reserve kann dies zwar, den USA droht jedoch ein Schulden-Kollaps.
16.12.2018 21:32
Lesezeit: 3 min

Ein Chaos-Brexit, der Haushaltskonflikt mit Italien außer Kontrolle und zugleich eskaliert der US-Handelsstreit. Sollte dieses Schreckens-Szenario 2019 tatsächlich eintreten, wären die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks gefordert wie seit der weltweiten Finanzkrise vor zehn Jahren nicht mehr.

Die Federal Reserve in den USA ist für so einen Härtefall allerdings weitaus besser gerüstet als die EZB: "Auf den ersten Blick ist klar, dass die Fed mehr Spielraum hat - insofern es um Zinssenkungen geht," sagt Chefvolkswirt Bruno Cavalier von der französisch-deutschen Bank Oddo BHF der Nachrichtenagentur Reuters. Notfallinstrumente wie billionenschwere Anleihenkäufe haben die Dollar-Wächter längst hinter sich gelassen.

Anders dagegen die Europäische Zentralbank: Sie steht erst am Beginn der schwierigen Abkehr von ihrer jahrelangen ultra-lockeren Geldpolitik.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann weist schon länger drauf hin, dass die EZB dringend mehr Wasser unter dem Kiel benötigt, um bei künftigen Krisen reagieren zu können. So hat EZB-Chef Mario Draghi wenig Spielraum, um mit Zinssenkungen gegenzusteuern: Der Leitsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Auch der sogenannte Einlagenzins von aktuell minus 0,4 Prozent kann nach allgemeiner Auffassung von Experten nicht viel tiefer ins Minus gedrückt werden.

Die Euro-Wächter erwerben zudem bereits seit mehr als dreieinhalb Jahren Staatsanleihen und andere Wertpapiere - im Volumen von bald 2,6 Billionen Euro. Die Käufe sollen zum Jahreswechsel aber eingestellt werden, weil sich die Konjunktur deutlich verbessert hat. Eine erneute Aufstockung im Krisenfall wäre heikel. Denn die EZB hat sich selbst Kaufobergrenzen von 33 Prozent pro Anleihe und Land gesetzt. Nicht nur soll so verhindert werden, dass die Notenbank zu sehr die Anleihenmärkte dominiert. Die Grenze wurde auch gesetzt, um die EZB vor dem Vorwurf der verbotenen Staatsfinanzierung zu schützen. Für Bundesanleihen und niederländische Titel könnte diese Obergrenze nach Berechnungen der Allianz bald erreicht werden.

EZB-Direktor Benoit Coeure hat bereits gewarnt, die nächste Krise könne die Notenbank an die Grenze ihres Mandats bringen. Ökonom Carsten Brzeski von der Bank ING erwartet, dass die EZB diesen Weg im Notfall trotzdem gehen wird: "Um das zu tun, dehnt die EZB das Limit pro Anleihe weiter aus." Er hält ein monatliches Kaufvolumen von mindestens 15 Milliarden Euro für möglich - zusätzlich zu den ohnehin geplanten Reinvestitionen, also der Wiederanlage von Geldern aus fällig gewordenen Papieren. Die EZB werde dann ankündigen, dass die Zinsen so lange unverändert blieben, wie das Programm laufe. Damit würde die erste Zinserhöhung seit 2011 praktisch für unbestimmte Zeit nach hinten verschoben. Bislang haben Draghi & Co dies irgendwann nach dem Sommer 2019 in Aussicht gestellt.

Die Fed hat bereits unter der Vorgängerin des amtierenden Notenbank-Präsidenten Jerome Powell damit begonnen, die Zinszügel zu straffen. Das bringt sie für ernste Zeiten in eine strategisch weit bessere Position. So kann Powell im Unterschied zu Draghi bei einer aktuellen Zinsspanne von 2,0 bis 2,25 Prozent im Notfall aus dem Vollen schöpfen: Mit einer massiven Senkung könnte er schnell und effektiv für eine Verbilligung des Geldes sorgen und einen Konjunktureinbruch abfedern.

Die US-Währungshüter hatten bereits kurz nach der Finanzkrise der Wirtschaft mit dem massenhaften Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren auf die Sprünge geholfen. Die Fed erhöhte ihre Bilanz so zwischenzeitlich auf 4,5 Billionen Dollar. Im Zuge der Konjunkturerholung wurden davon 250 Milliarden Dollar abgeschmolzen: Auch damit hat sie für den Notfall Munition, um eine Rezession zu bekämpfen. Die Fed könnte problemlos eine 180-Grad-Wende hinlegen und vom Abstoßen der Titel zum Ankauf wechseln.

Doch ist das Krisen-Szenario angesichts der vor Kraft strotzenden und durch eine radikale Steuerreform zusätzlich befeuerten US-Konjunktur überhaupt wahrscheinlich? Die Schuldenprobleme Italiens sind aus US-Sicht weit weg und auch ein ungeordneter Brexit dürfte jenseits des Atlantiks nicht annähernd so gravierende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen wie auf dem alten Kontinent.

Gefahren lauern dennoch, insbesondere wegen der wachsenden Verschuldungsprobleme Amerikas. Denn die von Präsident Donald Trump angestoßene Steuerreform ist auf Pump finanziert - und das bei einem Schuldenberg von mehr als 20,5 Billionen Dollar. Sollte der Fehlbetrag unkontrolliert steigen, muss der Staat Berechnungen der Kongressbehörde CBO zufolge binnen zehn Jahren mit einer Verdoppelung der Kosten des Schuldendienstes rechnen.

Zu bedenken ist außerdem, dass die scheinbar gute Verfassung der US-Wirtschaft Folge der massiven Schuldensteigerungen und nicht nachhaltig angelegt ist. So sinkt die Wirkung jedes neuen Schulden-Dollars in der Realwirtschaft seit Jahren – es werden also immer höhere Schulden benötigt, um das Tempo zu halten.

Zudem hat es Trump auch mit dem Zollstreit nicht vermocht, die riesige Lücke in der Außenhandelsbilanz zu schließen. Sie dürfte sich sogar noch vergrößern, wie Bundesbank-Chef Weidmann prophezeit. Strafzölle änderten daran wenig. Die Leistungsbilanz werde eher davon geprägt, wie viel in einem Land gespart oder investiert werde. Doch statt zu sparen, zücken die Amerikaner im Aufschwung freizügiger die Kreditkarte.

Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer warnt vor diesem Hintergrund, dass Rezessionen in den vergangenen 20 Jahren meist durch das Platzen von Schulden- oder Immobilienblasen ausgelöst wurden: "Also dadurch, dass der Finanzzyklus überhitzte - und Unternehmen sowie private Hausbauer anschließend ihre Schulden abbauen mussten."

Analystin Sintje Boie von der HSH Nordbank geht für den Beginn des kommendes Jahrzehnts von einem Auslaufen des Aufschwungs in den USA aus. "Möglicherweise fällt das Land 2020 in eine leichte Rezession." Entsprechende Sorgen treiben die Anleihenmärkte bereits um. Die US-Währungshüter sind für einen solchen Konjunktureinbruch mit ihren gut gefüllten Speichern gerüstet - im Gegensatz zur EZB, die von einer Rezession in den USA wohl kalt erwischt würde: "Die Krisenpolitik dürfte uns dann unangemessen lange erhalten bleiben", befürchtet Boie.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...