OECD behauptet: Nirgendwo arbeiten Beschäftigte so wenig wie in Deutschland

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
30.03.2019 06:58
Nirgends sonst auf der Welt soll die durchschnittliche Jahresarbeitszeit so niedrig wie in Deutschland sein, behauptet die OECD. Doch mehr Arbeitsstunden würden den Wohlstand hierzulande angeblich auch nicht erhöhen.
OECD behauptet: Nirgendwo arbeiten Beschäftigte so wenig wie in Deutschland
(Foto: pixabay)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen schon seit Jahren dasselbe Bild: Nirgends auf der Welt arbeiten die Menschen angeblich so wenig wie in Deutschland.

Demnach beträgt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der OECD zufolge hierzulande nur 1.356 Stunden. Diese Zahl erhalten die Ökonomen, indem sie alle in einem Jahr tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden in einem Staat durch die Zahl der dort Beschäftigten teilten.

Demnach arbeitete im Jahr 2017 der durchschnittliche Beschäftigte in Deutschland lediglich 26 Stunden pro Woche. Das ist weniger als jemals zuvor. Noch im Jahr 1990 lag hierzulande die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen bei 1.600 Sunden, und im Jahr 1970 waren es sogar knapp 1.900 Stunden. Das waren rund 36,4 Stunden pro Woche, heute sind es 26.

Griechen haben höchste durchschnittliche Jahresarbeitszeit

Unter den EU-Staaten verbringen die Beschäftigten in Griechenland mit durchschnittlich 36,6 Stunden pro Wochen die meiste Zeit im Job. Es folgen Estland und Polen mit je 34,8 Stunden und Tschechien mit 34,1 Stunden.

Weltweit gesehen arbeiten laut OECD-Statistik die Mexikaner am meisten mit im Schnitt 43,3 Stunden pro Woche, gefolgt von Costa Rica mit 41,8 Arbeitsstunden, Korea mit 38,8 Stunden und Russland, wo die durchschnittliche Jahresarbeitszeit 38 Stunden beträgt.

Es verwundert, dass Arbeitnehmer und Selbständige hierzulande im Schnitt so viel weniger arbeiten sollen, als in allen anderen Staaten der Welt. Von der OECD werden dafür eine Reihe von Erklärungen angeboten:

Ein Faktor, der die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland nach unten zieht, ist die weit verbreitete Teilzeitbeschäftigung. Hierzulande arbeitet fast jeder vierte Angestellte (22,2 Prozent) in Teilzeit. Das ist deutlich mehr als der EU-Durchschnitt von 16,9 Prozent.

Deutsche Frauen arbeiten viel in Teilzeit

Zwar arbeiten auch die männlichen Angestellten in Deutschland zu immerhin 9,4 Prozent in Teilzeit, was etwas mehr ist als der Durchschnitt in der Europäischen Union von 8,2 Prozent.

Doch vor allem angestellte Frauen nutzen Teilzeitangebote. Von ihnen arbeiten hierzulande mehr als ein Drittel in Teilzeit (36,8 Prozent). Das ist deutlich mehr als der EU-Schnitt von 27 Prozent.

Ein weiterer Faktor für die im Schnitt niedrigen Arbeitszeiten sind die zahlreichen geringfügig Beschäftigten. Rund 4,6 Millionen Menschen hierzulande haben lediglich einen sogenannten Minijob.

Dr. Thorsten Lang, Leiter des Kompetenzcenters Industrie beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), nennt noch eine Ursache für die vergleichsweise niedrigen Jahresarbeitszeiten der deutschen Beschäftigten.

„Grundsätzlich kann ein Produktivitätsanstieg genutzt werden, um entweder mehr zu produzieren oder die gleiche Menge mit weniger Arbeit zu produzieren“, sagt er den Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Während in den USA zuletzt eher mehr produziert worden sei, habe man in Europa wegen des positiven Produktivitätsfortschritts auch die Arbeitszeiten reduziert, so Dr. Thorsten Lang.

Hohe Arbeitszeiten bei deutschen Vollzeitbeschäftigten

Zudem verweist der Ökonom auf eine Studie der EU-Statistikbehörde Eurostat, welche die Arbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten in den europäischen Staaten untersucht hat.

Demnach arbeiten Vollzeitbeschäftigte, die das Rückgrat eines Unternehmens bilden, in Deutschland mit durchschnittlich 41,2 Arbeitsstunden pro Woche praktisch genauso viel wie der europäische Schnitt von 41,3 Stunden.

Auch in diesem Vergleich von Eurostat sind die Griechen mit 44,4 Stunden die mit Abstand fleißigsten vor den Schweizern (42,9 Prozent), den Österreichern (42,7 Prozent) und den Briten (42,6 Prozent).

Unabhängig von den Arbeitszeiten ist das deutsche Pro-Kopf-BIP von 54.355 Dollar (kaufkraftbereinigt) im weltweiten Vergleich weiter beachtlich, wie Zahlen der OECD zeigen. Unter den G7-Staaten sind nur die USA besser.

Das Pro-Kopf-BIP der EU als Ganzes liegt mit 42.535 Dollar deutlich niedriger als hierzulande. Allerdings liegen die Mitgliedsstaaten Luxemburg, Irland, Niederlande, Österreich und Dänemark vor Deutschland.

Deutsche Produktivität steht vor Herausforderungen

Nun warnt ein aktuelles Gutachten des IW, dass seit der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 auch in Deutschland die Arbeitsproduktivität nur noch ein geringeres Wachstum aufweist.

Vor der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise stieg die Produktivität pro Erwerbstätigen noch deutlich schneller. In den Jahren 1992 bis 2000 wuchs sie jährlich um durchschnittlich 2,0 Prozent. Von 2001 bis 2007 wuchs sie im Schnitt sogar um 2,5 Prozent pro Jahr.

In der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise und den anschließenden Erholungsjahren (Zeitraum von 2008 bis 2011) sank die Produktivität pro Erwerbstätigen um jährlich 0,4 Prozent.

Aber auch nach der Krise konnten die Industrie und die industrienahen Dienstleister nicht wieder an das Wachstum der Vorkrisenzeit anknüpfen. Die Produktivität pro Erwerbstätigen wuchs in den Jahren 2012 bis 2017 jährlich nur noch um 0,8 Prozent.

An keiner Stelle empfiehlt der IW jedoch längere Arbeitszeiten. Entscheidend für den deutschen Wohlstand sei vielmehr eine höhere Produktivität. Ein Grund für das weiterhin relativ schwache Produktivitätswachstum sei das „Horten“ von Personal.

„Viele Unternehmen haben ihr Personal nicht an Auftragsrückgänge angepasst. Es sind vor allem die kleinen Unternehmen, die auf Anpassungen verzichtet haben, aber auch knapp ein Drittel der großen Unternehmen übt Verzicht“, schreiben die Autoren.

Wegen der wachsenden Arbeitskosten für die Unternehmen empfiehlt der IW Zurückhaltung, „da hier zu hohe Steigerungen bei einer Überforderung der hortenden Unternehmen schnell doch in Entlassungen umschlagen können“.


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen US-Aktien der Schweizer Notenbank springen auf Rekord-Stand

Die Schweizer Notenbank hat im zweiten Quartal weiter US-Aktien gekauft und hält nun einen Rekordwert von 118,3 Milliarden Dollar....

DWN
Finanzen
Finanzen Russland und China bilden kein Militär- oder Handelsbündnis, sondern eine Finanzallianz

Viele hatten erwartet, dass Russland und China im geopolitischen Streit mit den USA ein Militärbündnis oder ein Handelsbündnis bilden...

DWN
Politik
Politik Corona-Krise: Hunderte Belgier verklagen Bill Gates und Regierung

240 Belgier haben eine Klage gegen Bill Gates, die belgische Regierung und einen Epidemiologen eingereicht. Ihr Anwalt argumentiert, dass...

DWN
Politik
Politik Libyen, Waffen, Geheimdienste: Das dubiose Doppelleben des Wirecard-Managers Marsalek

Einem Bericht zufolge wollte der Wirecard-Manager Jan Marsalek eine Söldner-Truppe mit 15.000 Mann aufbauen, um im Süden Libyens die...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank-Forderungen im Euro-System überschreiten Billionenschwelle

Die Forderungen der Bundesbank im Zahlungssystem der Euro-Notenbanken haben erstmals die Billionenschwelle überschritten.

DWN
Deutschland
Deutschland Nordstream 2: US-Senatoren bedrohen Fährhafen Sassnitz in Mecklenburg-Vorpommern

Mehrere US-Senatoren drohen der Stadt Sassnitz mit schweren Sanktionen, falls sie weiterhin als Drehkreuz für das Pipeline-Projekt...

DWN
Politik
Politik Wahl in Weißrussland: Deutschland und Frankreich sind „besorgt“

Kurz vor der wichtigen Präsidentenwahl in Belarus haben sich Deutschland, Polen und Frankreich besorgt über die Lage in der...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Chinas Exporte ziehen an: Hoffnung auf Schub für Weltwirtschaft

Die Exporte Chinas sind zu Beginn des zweiten Halbjahres überraschend gestiegen und nähren Hoffnungen auf eine Belebung der...

DWN
Politik
Politik Ursache für Explosion in Beirut: Bomben-Anschlag wird nicht ausgeschlossen

Die Ursache für die Explosionskatastrophe in Beirut ist dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun zufolge noch unklar. Auch ein...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Explosion im Hafen von Beirut ist ein Schlag gegen Chinas Seidenstraße

Der Hafen von Beirut sollte aus chinesischer Sicht eine wichtige Rolle beim Aufbau der Neuen Seidenstraße und beim Handel mit Europa...

DWN
Politik
Politik Technologische Abkopplung: US-Regierung droht mit Verbot chinesischer Apps

Die US-Regierung droht im Wahlkampf mit Verboten für zwei chinesische Technologie-Anbieter.

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Wirtschaft klagt über erhebliche Folgen der Reisebeschränkungen

Alle reden über Urlaubsreisen und die Risiken, die damit wegen der grassierenden Pandemie verbunden sind. Aber wie sieht es eigentlich mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Eurokurs zum Dollar gibt nach: Türkische Lira weiter unter Druck

Der Dollar konnte am Freitag zum Euro zulegen. Der Kurs der türkischen Lira steht weiter unter Druck.

DWN
Technologie
Technologie Deutsche Flugsicherung beginnt Testphase für Anti-Drohnen-Systeme

Um die Flughäfen Frankfurt und München herum beginnt der Testbetrieb dreier Systeme zur Erkennung von Drohnen.

celtra_fin_Interscroller