EZB diskutiert intern über Entschärfung der Negativzinsen

 

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23.04.2019 17:12
EZB-Präsident Mario Draghi hat eine interne Diskussion um mögliche Abmilderungen der Negativzinsen für Bankeinlagen angestoßen.
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Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert mit Überlegungen, Banken wegen der andauernden Ultratiefzinsen unter die Arme zu greifen, in schwieriges Fahrwasser. Viele Euro-Wächter sind skeptisch, ob es geldpolitisch notwendig ist, mit einem gestaffelten Einlagensatz die Nebenwirkungen der jahrelangen Negativzinsen für Banken zu entschärfen.

Zuletzt haben sich Klagen von Banken und Marktbeobachtern gemehrt, welche die Negativzinsen für deutliche Verdienstausfälle bei Europas Geldhäusern verantwortlich machen.

Notenbank-Direktor Benoit Coeure etwa sieht dafür derzeit kein geldpolitisches Argument. Die EZB hatte vor drei Jahren schon einmal mögliche Entlastungen für Geldhäuser geprüft. Damals hatten die Währungshüter aber unter anderem Zweifel wegen der Komplexität eines solchen Schritts. Zudem stellten sie damals kaum Anzeichen für negative Folgen ihrer Strafzinsen fest.

Diesmal ist aber womöglich alles anders: "Die EZB hätte wohl kaum freiwillig eine Diskussion im Rat angekündigt, wenn sie selber die Einführung solcher Maßnahmen als eher unwahrscheinlich ansieht", meint Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. EZB-Chef Mario Draghi höchstpersönlich hatte Ende März die Debatte angestoßen. Nach der Zinssitzung im April stellte der Italiener dann in Aussicht, die EZB werde prüfen, ob die Folgen der Strafzinsen für Banken abgemildert werden müssten. Dabei werde sie vor allem auf die Konjunkturaussichten achten und darauf, ob der Wirkungsweg der Geldpolitik über die Banken zur Realwirtschaft beeinträchtigt ist. Bis zur Juni-Sitzung solle dies untersucht werden.

Die EZB hatte erstmals 2014 ihren Einlagensatz auf unter Null gesetzt. Seitdem müssen Finanzinstitute Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht überschüssige Gelder bei der Notenbank horten. Der Gedanke dahinter: Statt überschüssige Liquidität zu parken sollten Institute dazu bewegt werden, mehr Kredite an die Wirtschaft weiter zu reichen. Inzwischen liegt der Einlagensatz bei minus 0,4 Prozent. Vor allem im Norden des Euro-Raums klagen Geldhäuser seit längerem, dass der Minuszins an ihren Erträgen nagt. Die deutschen Privatbanken hatten unlängst vorgerechnet, dass die Einführung eines Staffelzinses zu Abmilderung der Folgen hierzulande zu einer Entlastung von rund 2,3 Milliarden Euro führen könnte.

Für die Ausgestaltung von Staffelzinsen könnte die EZB auf Vorbilder in Japan und in der Schweiz zurückgreifen. Dort haben Notenbanken den Instituten Ausnahmen eingeräumt, so dass sie nicht auf ihre gesamte Überschussliquidität Strafzinsen zahlen. In Japan hat die dortige Zentralbank 2016 ein Drei-Stufen-System für die Einlagen eingeführt - mit positiven Zinsen, Nullzinsen und Negativzinsen. Etwas anders handhabt es die Schweizer Notenbank, die Ende 2014 die Einführung von Negativzinsen zur Eindämmung des damals stark gestiegenen Franken beschloss. Sie gewährt Geldhäusern einen Freibetrag, der einem Vielfachen des jeweiligen Mindestreservesolls der Institute entspricht.

Die große Frage ist aber, ob im Euro-Raum nicht nur wenige Institute von Staffelzinsen profitieren würden. Denn die Überschussliquidität ist sehr ungleich verteilt. Nach Berechnungen der Commerzbank entfallen rund 75 Prozent auf die vier Länder Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Luxemburg. Dort entstehen daher auch die größten Kosten für Geldinstitute durch die Strafzinsen. "Die Banken in diesen Ländern würden also besonders vom Staffelzins profitieren – was nicht unbedingt im Interesse einer Mehrheit der Euro-Länder sein könnte", gibt Commerzbank-Volkswirt Schubert zu bedenken. Wenn das Schweizer Modell zum Vorbild genommen würde, könnten die positiven Folgen von Staffelzinsen seiner Ansicht nach gleichmäßiger auf die Banken im Währungsraum verteilt werden.

Aus Sicht von EZB-Direktor Benoit Coeure sind die negativen Einlagenzinsen nicht das größte Problem der Branche. Ihr Beitrag zu niedrigen Bankgewinnen sei begrenzt, die Institute sollten mehr über ihre Kosten nachdenken, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für Änderungen müsse es einen geldpolitischen Grund geben und den sehe er momentan nicht. Coeure zufolge würden von Staffelzinsen vor allem Geldhäuser in Frankreich und Deutschland profitieren, wo aber die Kreditvergabe ohnehin hoch sei. Für ihn gibt es daher bislang keinen Beweis, dass der Negativzins die Kreditvergabe bremst.

Die Experten des französischen Bankhauses Societe Generale blicken vor allem auf die Effekte, die die Ankündigung von Staffelzinsen auf die Zins- und Konjunkturerwartungen hätte. "Das würde implizieren, dass die EZB einen negativen Einlagensatz viel länger beibehalten wird, was die Zuversicht in die Konjunkturaussichten der Euro-Zone weiter eintrüben würde," argumentieren sie. Was aus ihrer Sicht dagegen spricht: Es gebe bereits erste Anzeichen dafür, dass sich die Wirtschaft im Währungsraum nach sehr enttäuschenden Wirtschaftsdaten in den vergangenen Quartalen wieder berappelt. "Falls dies von den kommenden Konjunkturdaten bestätigt wird, wäre das ein schlechter Zeitpunkt, um zu Staffelzinsen überzugehen."

Die Furcht vor weiter anhaltenden Niedrigzinsen hat die Anleger von Bankaktien am Dienstag europaweit verschreckt. Der entsprechende Branchenindex beendete seine jüngste Rally und büßte als Schlusslicht in der europäischen Sektorübersicht gut 1 Prozent ein. Hierzulande fielen im Dax die Papiere der Deutschen Bank um rund 1 Prozent und im MDax der mittelgroßen Werte gehörten die Anteilsscheine der Commerzbank mit minus 1,87 Prozent zu den größten Verlierern.


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