Deutschland

Billiges Geld treibt globale Schulden und setzt Deutschland unter Druck

Die Schulden sind im ersten Quartal weltweit auf rund 246 Billionen Dollar angestiegen. Nach Ansicht der OECD sollte auch Deutschland wieder mehr Geld ausgeben und investieren.
20.07.2019 18:24
Lesezeit: 2 min

Die globalen Schuldenstände stiegen im ersten Quartal 2019 sprunghaft an und näherten sich ihrem bisherigen Rekord im ersten Quartal des vergangenen Jahres. Der Schuldenanstieg war höher der Anstieg des globalen Wirtschaftswachstums in diesem Zeitraum.

Ein am Dienstag veröffentlichter Bericht des Institute of International Finance (IIF) meldet für das erste Quartal weltweite Schulden in Höhe von 246,5 Billionen Dollar. Das ist ein Anstieg um 3 Billionen Dollar und entspricht fast 320 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, wobei die Nicht-Finanzunternehmen die höchsten Schulden verzeichnen.

  • Globale Schulden der Haushalte: 59,8 Prozent der Wirtschaftsleistung
  • Nicht-Finanzunternehmen: 91,4 Prozent
  • Staatsschulden: 87,2 Prozent
  • Finanzunternehmen: 80,8 Prozent

Die Verschuldung in den Schwellenländern - allen voran China - ist zum Ende des ersten Quartals auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Dies erhöht die Belastung der Weltwirtschaft zusätzlich, die unter dem Druck des zunehmenden Handelsprotektionismus steht.

Niedrige Zinsen treiben globale Schulden auf 246 Billionen Dollar

Das IIF sagte, dass niedrigere Kreditkosten dank der geldpolitischen Lockerung der Zentralbanken die Staaten dazu ermutigt hätten, neue Schulden aufzunehmen. "Die Zinsen sinken und die Kreditaufnahme steigt", wird Sonja Gibbs, die Geschäftsführerin des IIF für globale politische Initiativen, in Financial Times zitiert.

Doch wenn man die Schulden erst einmal aufgebaut habe, dann seien sie schwer wieder abzuzahlen, ohne dass man dafür auf andere Ausgaben verzichtet, so Sonja Gibbs. Tatsächlich dürfte eine Tilgung eines Großteils der Schulden unmöglich sein, wenn die Zinssätze wieder auf ein historisch gesehen normales Niveau steigen.

In den letzten Monaten hat nicht nur die US-Notenbank ihre Zinspolitik gelockert, sondern auch eine Reihe von Zentralbanken in den Schwellenländern haben ihre Zinsen gesenkt. Die EZB denkt derweil laut über neue Maßnahmen zur Stützung der Staatsfinanzen und der Banken nach. Im Falle der Banken hat sie diese bereits in Form einer neuen Runde an ultrabilligen Krediten realisiert.

Schwellenländer verzeichnen neuen Schuldenrekord

Die Schwellenländer verzeichneten mit 69,1 Billionen Dollar den höchsten Verschuldungsgrad aller Zeiten - auch im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft. Die Gesamtverschuldung der 30 großen Schwellenländern stieg im März auf 216,4 Prozent ihrer Wirtschaftskraft.

Ein Großteil des Risikos bei den Schulden der Schwellenländer konzentriert sich auf deren Nicht-Finanzunternehmen, wo die Schulden im März 92,6 Prozent des BIP betrugen. Das ist mehr als der entsprechende Wert von 90,7 Prozent für die Industriestaaten.

Während die Verschuldung der Nicht-Finanzunternehmen in den Industrieländern in den letzten zwei Jahrzehnten mit dem Wirtschaftswachstum Schritt gehalten hat, ist sie in den Schwellenländern um fast 50 Prozent gestiegen.

In China etwa lag die Verschuldung der Nicht-Finanzunternehmen im März bei mehr als 155 Prozent des BIP oder fast 21 Billionen Dollar, gegenüber etwa 100 Prozent des BIP oder 5 Billionen Dollar vor zwei Jahrzehnten.

Auch Deutschland soll wieder mehr Schulden machen

Nach Ansicht von OECD-Chefökonomin Laurence Boone ist Europa nicht gut genug auf einen möglichen Konjunkturschock vorbereitet und steht vor der "dringenden Notwendigkeit", die öffentlichen Geldbörsen zu lockern, um das Wachstum zu stimulieren. Es gebe "ein großes Fragezeichen" im Hinblick auf die Fähigkeit Europas, die durch Handelshemmnisse geschwächte Wirtschaft steuerlich zu unterstützen, sagte sie der Financial Times.

"Die nationalen Regierungen, die über Steuerspielraum und ein schreiendes Bedürfnis nach öffentlichen Investitionen verfügen, tun es nicht genug, das ist sicher", so Laurence Boone. "Das sind die nordeuropäischen Länder, einschließlich Deutschlands und den Niederlanden."

Die Aussicht auf einen wirtschaftlichen Schock ist real, sagte die OECD-Chefökonomin und warnte Europa vor einer Verschlimmerung des Handelskriegs. Die Spannungen hätten sich bisher gegen Mexiko, Kanada und China gerichtet, "aber sie werden in die EU kommen, wahrscheinlich zum Ende des Sommers".

Ein zusätzliches Risiko für Europa sei China. Ein verlangsamtes chinesisches Wachstum und "die Höhe der Schulden, die sich in der Wirtschaft ansammeln", drohten zu finanzieller Instabilität zu führen, warnte sie.

Zwar könnte die Europäische Zentralbank im Falle eines Schocks auf die Gesamtnachfrage mehr tun könnte, aber "die Geldpolitik ist wirklich, wirklich überlastet.... sie kann einen Schock nicht allein bewältigen".

Laut Boone würden verstärkte Staatsausgaben nicht nur die Nachfrage ankurbeln: "Eine politische Verpflichtung zu koordiniertem Handeln der Regierungen der Eurozone würde die einzelnen Länder weniger kosten und den Märkten ein Signal ihrer Einheit geben." Dies würde auch die Unsicherheit bei den Unternehmen verringern.

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