Politik

Lech Walesa: Ich bin nicht geflüchtet, als es in Polen schwierig wurde

Lesezeit: 3 min
01.03.2017 00:21
Der polnische Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa lehnt Flüchtlinge in seinem Land ab, erwartet den Zerfall der EU und hofft auf eine Führungsrolle Deutschlands in einem neuen Europa.
Lech Walesa: Ich bin nicht geflüchtet, als es in Polen schwierig wurde

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Lech Wałęsa sitzt in seinem Büro im beeindruckenden europäischen Solidaritätszentrum in Danzig. Der 75-jährige holt zum Rundumschlag aus: Gegen Polen, gegen seine Regierung, gegen Putin und gegen die EU. Er hat sogar Deutschland im Visier. Allerdings glaubt er, dass Deutschland als Führungsnation eine entscheidende Rolle in einem anderen Europa zukomme.

Im Interview mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten klingt der berühmte Gewerkschaftsführer der Gewerkschaft Solidarnosc und spätere Friedensnobelpreisträger enttäuscht und wütend: „Die polnische Regierung und unsere Institutionen ruinieren alles, für das ich mein gesamtes Leben gekämpft habe. In meinen schlimmsten Träumen habe ich mir nicht vorstellen können, was mit meinem Land und mit Europa geschieht. Ich wollte den Menschen die Herrschaft und die Freiheit zurückgeben. Was jetzt passiert, hat damit nichts zu tun.“

Wałęsa, der 1980 als Gewerkschaftsführer maßgeblich den späteren Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks eingeleitet hat, ist ungebrochen kampfeslustig. Seine Dynamik wurde weder vom plötzlichen Tod seines Sohnes noch den aufgeflammten Gerüchten über seine angebliche Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst in den 1980er Jahren gebremst.

Wenn überhaupt, steigern vor allem die Geheimdienst-Vorwürfe seine Wut. Kurz nach dem Selbstmord seines Sohnes stellte Walesa fest, dass das Aufflammen der Vorwürfe gegen seine Person den Tod seines Sohnes auslöste.

Im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten beschuldigt er die polnische Regierung und ihre Netzwerke, die Anschuldigungen gegen ihn zu benutzen, um politische und finanzielle Vorteile zu erlangen: „Sie haben ,Bolek‘ erfunden, den Agenten und Informanten (Bolek ist der Tarnname Wałęsas in den Akten des polnischen Geheimdiensts, Anm. d. Red.), weil ich noch stark bin und gegen sie kämpfe. Anstatt wie ein alter Mann zuhause rumzusitzen, reise ich durch Polen und erzähle den Leuten, dass sie sich der Leute entledigen müssen, von denen sie regiert werden. Das treibt sie zur Weißglut. ,Bolek‘, der Agent, in gefälschten Dokumenten ist ihre Art, um zurückzuschlagen, um die Leute dazu zu bringen, mich zu hassen. Sie haben allen Grund, mich zu attackieren: Ich möchte dafür verantwortlich sein, sie alle hinter Gittern zu bringen, um ihnen dann Vergebung zu gewähren. Es gibt einen demokratischen Weg, um sie loszuwerden.“

Bescheidenheit ist nicht Wałęsas Stärke. Er definiert sich als „revolutionärer Prophet“: „Ich greife auf das Alte Testament zurück (…). Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn ich angegriffen werde, schlage ich zurück“, sagt er. Deshalb schlägt er an allen Fronten zurück.

Der Wałęsa des Jahres 2017 ist ein heftiger Kritiker der EU in ihrer aktuellen Form: „Dem Europa, wie es jetzt ist, fehlen solide Fundamente (…). Unsere polnische Erfahrung zwischen Russland und Deutschland hat uns gelehrt, Chancen und Gefahren zu beurteilen“, sagt er. Jetzt sieht er vor allem Gefahren in der EU.

Am deutlichsten wird seine Skepsis, wenn sich Wałęsa als strikter Gegner von Migranten jeglicher Art, die nach Polen kommen wollen, outet. Er lehnt die Erklärung, dass die Flüchtlinge zur Flucht aus ihren Ländern gezwungen werden, ab: „Wenn ihre Länder in Schwierigkeiten geraten, wählen sie den Weg der Flucht. Als mein Land in Schwierigkeiten war, bin ich nicht geflüchtet. Ich bin geblieben, um für mein Land zu kämpfen“, sagt Wałęsa .

Wałęsa sagt, Polen sei wirtschaftlich und sozial nicht ausgestattet, um Flüchtlinge aufzunehmen. Und der einstige Führer der unterdrückten Arbeiterklasse geht sogar noch weiter: Er glaubt, dass die Flüchtlinge diese Art der Gastfreundschaft in Europa nicht unbedingt verdienen: „Sieh sie dir an“, sagt er trotzig: „Viele der Flüchtlinge sehen besser aus und sind besser gekleidet als das polnische Volk. Anstatt sie rein zu lassen, lasst uns ihnen in ihren Herkunftsländern helfen.“

Die Bemerkung, dass dies genau das ist, was Putin in Syrien auf seinem eigene Art versucht habe, dass dies jedoch zu noch mehr Opfer geführt habe, lässt Wałęsa auch nicht gelten. Für ihn als Polen ist Russland immer eine Gefahr, und daher hat er auch für Putin drastische Worte: „Putin könnte vor Gericht landen und gehängt werden. Putin profitiert vom Mangel an Solidarität in Europa. Ich habe keine Angst vor ihm, frage mich nur, wie lange es dauert, bis die EU sich auf eine gemeinsame Linie einigt, wie mit ihm umgegangen werden kann. Sie versuchen, eine völlig neue Situation in alten Kategorien zu beurteilen.“

Wałęsa hat eine spezifische Botschaft an Deutschland. Er spricht die Deutschen direkt an: „Sie, die Deutschen, sind für Europa verantwortlich. Die EU, wie wir sie kennen, ist auf dem Weg, sich aufzulösen. Deutschland sollte nach neuen Strukturen suchen“, erklärt er und weist darauf hin, dass er diese Frage bereits im Gespräch mit führenden deutschen Politikern und Beamten aufgeworfen habe. „Leider sind sie zu beschäftigt mit sich selbst, und seit dem Krieg haben sie auch ihren Mut verloren und handeln zu vorsichtig. Aber trotzdem sind sie dazu verdammt, die Führungsnation eines sich verändernden Europas zu sein, und sie sollten mit der Planung für die sich ändernden Bedingungen beginnen“, sagt er. Wałęsa ist bereit, die deutschen Politiker dabei zu beraten. Wałęsa ist davon überzeugt zu wissen, wie man es machen müsse. Er hofft, dass die Welt endlich auf ihn hören wird.

***

Lily Galili ist eine der renommiertesten Journalistinnen in Israel. Sie arbeitete viele Jahre für die Zeitung Ha’aretz, war Nieman-Fellow in Harvard und ist heute Autorin für I24News. Schwerpunkt ihrer Reportagen sind die ethnischen Gruppen in Israel, Araber, Drusen und Russen. Sie hat ein vielbeachtetes Buch (Hebräisch) über die russischen Immigranten geschrieben. Sie ist Mitglied des Syrian Aid Committee.

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Michael Fischer ist seit 2010 bei dpa, zuletzt war er für die Berichterstattung über Außenpolitik zuständig. Vor seiner Zeit bei dpa war er Kanzlerkorrespondent und stellvertretender Hauptstadtbüroleiter des deutschen Dienstes der Nachrichtenagentur Associated Press.

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