Finanzen

Fed-Zinserhöhung leitet kritische Phase für private Schuldner ein

Lesezeit: 5 min
16.03.2017 23:53
Die Zinserhöhung hat auf die Märkte keinen besonderen Eindruck gemacht. Für private Schuldner wird es dagegen unangenehm.
Fed-Zinserhöhung leitet kritische Phase für private Schuldner ein

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Am Mittwoch hat die US-amerikanische Zentralbank Federal Reserve den Leitzins um 0,25 Prozent auf eine Spanne zwischen 0,75 Prozent bis 1 Prozent angehoben. Der Schritt wurde früh angekündigt und war von den Marktteilnehmern deshalb bereits in ihre Operationen eingepreist gewesen. Weit weniger klar dürfte jedoch sein, wie sich der Entscheid auf die realwirtschaftliche Entwicklung der USA – und damit auch auf das zukünftige Verhalten der Fed – auswirken wird. Denn neben massiven wirtschaftlichen Unsicherheiten herrschen derzeit in den USA auch beträchtliche politische Risiken.

Der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jan Hatzius, sagte laut Zerohedge, dass die Wirkung der Zinserhöhung auf die Märkte gemäß dem Goldman Financial Conditions Index so gewesen wäre als hätte die Fed die Zinsen gesenkt - was Goldman so deutet, dass die Fed eigentlich nicht mehr wirklich kontrollieren kann, welche Folgen ihre Aktionen auf den Märkten haben,

Die meisten Ökonomen sprechen haben den Eindruck, dass die Fed offenbar über keine langfristige Strategie mehr verfügt, sondern sich derzeit in einer abwartenden Position befindet. „Die warten ab, was in der Finanzpolitik passiert. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch alles völlig unsicher“, sagt Michael Bernegger mit Blick auf die Ankündigungen von Präsident Donald Trump, die Unternehmenssteuern deutlich zu senken und weitreichende Infrastrukturinvestitionen anschieben zu wollen. Vorrang habe derzeit ohnehin die unter Trump eingeleitete Reform von ObamaCare, deren Ausgang höchst unsicher ist.

Bernegger rechnet damit, dass die Fed an ihrem bereits kommunizierten Fahrplan von weiteren Zinserhöhungen im laufenden Jahr festhalten wird, der nächste Zinsschritt werde im Juni in Angriff genommen. Dies alles werde vor dem Hintergrund geschehen, dass sich die Wirtschaft nicht besonders gut entwickeln werde. Die Märkte kalkulierten ohnehin damit, dass die Geldpolitik real noch immer expansiv ist, weil die realen – also die mit der in Amerika herrschenden Inflation von über 2 Prozent berechneten – Leitzinsen immer noch deutlich im negativen Bereich, wahrscheinlich bei etwa minus 2 Prozent verharren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet stellen die gegenwärtigen Leitzinsen von bis zu 1 Prozent keine Normalisierung der Geldpolitik dar.

Dies entspricht der weitverbreiteten Beobachtung, dass sich die US-Wirtschaft alles andere als stark entwickelt. „Nur Stunden bevor die Fed die Leitzinsanhebung bekanntgab, fiel die Prognose der Fed Atlanta zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal auf einen aufs Jahr hochgerechneten Wert von 0,9 Prozent. Sollte sich diese Einschätzung als korrekt erweisen, wäre dies das schwächste Quartal seit 37 Jahren, in dem die Zinsen angehoben werden“, schreibt der Finanzblog The Economic Collapse.

„Abgesehen von den aufgeblasenen Anlagepreisen gibt es wenige Anhaltspunkte für echtes Wirtschaftswachstum. Dies zeigt sich in den durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten von etwa 1,3 Prozent seit dem Jahr 2008“, schreibt der Chefstratege von Clarity Financial, Lance Roberts. Eine schwache Produktivität – definiert als durchschnittliche Produktion pro Arbeitsstunde – war ein weiteres Schreckgespenst für Ökonomen und die Fed in den vergangenen sechs Jahren. Höhere Zinsen könnten beide Probleme verschärfen.“

Möglich ist, dass die höheren Zinsen den Ausbruch einer Rezession erleichtern, indem sie eine Kaskade höherer Kosten in sensiblen Märkten auslösen, die mit variablen Zinssätzen arbeiten – also Zinssätzen, welche sich direkt oder indirekt an der Höhe der Fed-Leitzinsen orientieren. Denn die Erhöhung des Leitzinses wirken für die Geschäftsbanken wie eine Verteuerungen der Geldschöpfung. Diese höheren Kosten werden an die Märkte weitergegeben.

Dazu gehören beispielsweise Hypothekenkredite, über Kreditkarten aufgenommene Verbindlichkeiten, Auto- und Studentenkredite. „Die Entscheidung der Fed wird wahrscheinlich einen Domino-Effekt für die gesamte Wirtschaft haben, weil sie die Zinsraten für Hypotheken, Kredite an kleinere Betriebe sowie Kreditkarten-Kredite schrittweise erhöht, sagte der Chefanalyst der New Yorker Finanzdienstleistungsgesellschaft Bankrate dem Wallstreet Journal.

Das Zinsniveau bei Hypotheken wird nicht direkt, aber langfristig und indirekt von den Leitzinsen beeinflusst. „Wenn Sie eine Hypothek aufnehmen möchten, sollten Sie das lieber früher als später tun. Wenn Sie ein weiteres Jahr warten, werden die Kosten höher sein. Es wird nicht billiger sein, zu warten“, wird der Chefökonom der Mortgage Bankers Association, Michael Fratantoni, von der Financial Times zitiert. Einer Umfrage von Berkshire Hathaway zufolge sind die Hälfte der Hausbesitzer und etwa 80 Prozent der potentiellen Käufer um ihre finanziellen Kapazitäten besorgt, falls die Leitzinsen weiter steigen.

Die Zahl der Autobesitzer, die 2 Monats-Raten schuldig sind, stiegt Ende 2016 auf über eine Million und damit auf den höchsten Stand seit dem Krisenjahr 2009. Mit 1,16 Bill. Dollar lag das gesamte Volumen an Autokrediten im vierten Quartal auf einem Allzeithoch. Zudem erhielten Schuldner mit geringer Bonität in den letzten zwei Jahren 244 Milliarden Dollar an Darlehen, um ein Auto zu finanzieren, berichtet Finanz Nachrichten. Die Ausfälle bei Autokrediten stiegen in den vergangenen Monaten deutlich an und lagen im Januar bei 9,1 Prozent, berichtet der US-Chefökonom der japanischen Großbank Mizuho.

„Steigenden Leitzinsen betreffen die Autoindustrie, weil die Umfänge der Kredite sowie die monatlichen durchschnittlichen Zahlungen seit langem ansteigen. Die höheren Zinsen werden sich auf die Möglichkeit der Bürger auswirken, neue Autos zu erwerben“, wird eine Analystin von der Financial Times zitiert.

Nicht anders sieht es bei den Kreditkarten aus, deren kumulierter Schuldenstand sich bereits im Mai 2016 der Billionengrenze näherte. Besonders beunruhigend ist hier, dass die Bonitätskriterien auf Druck der Großbanken in den vergangenen Jahren abgesenkt wurden. Die Schulden eines Haushalts mit Kreditkarten-Verbindlichkeiten betragen in den USA durchschnittlich über 16.000 Dollar, berichtet Market Watch. Ein amerikanischer Haushalt zahlt derzeit durchschnittlich fast 1.300 Dollar an Kreditkarten-Gebühren im Jahr. Schon kleinere Leitzinserhöhungen können deshalb überproportional negativ wirken. „Als die Fed die Leitzinsen Ende 2015 zum ersten Mal seit 2006 angehoben hatte, brauchten die meisten Banken nur ein bis zwei Monate, um die variablen Zinsen ihrer Kreditkarten-Verträge anzupassen. Außerdem sind Banken nicht dazu verpflichtet, ihre Kunden über Erhöhungen des Zinssatzes zu informieren“, berichtet Market Watch. Gleichzeitig nimmt das Ausmaß der Armut in den USA erschreckende Ausmaße an. Umfragen deuten darauf hin, dass etwa ein Drittel der Amerikaner über keinerlei Ersparnisse verfügt.

Die Financial Times prognostiziert, dass die Leitzinserhöhung die Finanzlage der Bürger verschärfen wird. „Die Amerikaner sind nach dem Zinsanstieg mit einem neuen Schlag auf ihre Ersparnisse konfrontiert. US-Banken werden die Zinsen für Kreditkarten-Verbindlichkeiten und andere Kredite erhöhen, während sie die Guthabenzinsen auf Ersparnisse weitgehend unverändert lassen werden“, schreibt das Blatt. „Nur Minuten nach dem Fed-Entscheid haben Banken wie Citigroup und JPMorgan bekannt, dass sie ihre ‚Prime Rates‘ anheben werden. Diese bilden die Grundlage, um die Zinsen verschiedener Kredite zu bestimmen. Diese Raten sind wegen der Leitzinserhöhung der Fed nun von 3,75 Prozent auf 4 Prozent gestiegen. Die stärksten Auswirkungen wird es bei Kreditkarten und privaten Konsumkrediten geben, welche direkt an die ‚Prime Rates‘ gekoppelt sind. Die US-Konsumenten werden im laufenden Jahr etwa 1,6 Milliarden Dollar mehr Kreditkartengebühren bezahlen. Die Ausfallrate bei Kreditkarten hat im Januar 3,2 Prozent erreicht und war damit so hoch wie zuletzt im Juli 2013.“

Hierbei ist zu bedenken, dass die US-amerikanische Wirtschaftskraft zu etwa 70 Prozent auf dem inländischen Konsum beruht, welcher wiederum größtenteils über Kreditkarten abgewickelt wird. Dies sind schlechte Vorzeichen für den stationären Handel, welcher ohnehin auf eine Krise zusteuert.

Auch im Bereich der Studentenkredite dürften sich die höheren Leitzinsen der Fed mit der Zeit als höhere Zinsraten bemerkbar machen. Durch Studentenkredite in den USA hochverschuldete Absolventen sind inzwischen ein wesentlicher Grund für den Rückgang von Start-up-Gründungen in den Vereinigten Staaten, ergab eine Studie der Kauffman Foundation. Die Neue Zürcher Zeitung berichtet, dass etwa ein Viertel aller Absolventen in Zahlungsschwierigkeiten kommen. „Während die Zinssätze für staatliche Darlehen zwischen 1998 und 2006 von 1,7 Prozent bis 3,1 Prozent variierten, lagen sie in den Jahren 2006 bis 2016 zwischen 3,9 und 7,9 Prozent. Dies ist umso erstaunlicher, als zwischen 2009 und 2015 der Leitzins der US-Zentralbank auf einem historischen Tief von nahezu 0 Prozent lag und die Refinanzierung des Staates daher eher günstiger als zuvor hätte sein können. Diese niedrigen Zinsen scheinen jedoch nicht an die Studenten weitergegeben worden zu sein.“

Die Leitzinserhöhungen in den USA werden die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich beeinflussen, beziehungsweise dieser ermöglichen, eine Normalisierung der Geldpolitik zu begründen. „Die Fed wird mit ihrer Entscheidung auch die Geldpolitik im Euro-Raum beeinflussen. Die Deflationsgefahr ist vorüber. Das erlaubt es der EZB, allmählich aus einem Krisenmodus auszusteigen“, prognostiziert Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise der Nachrichtenagentur Reuters. Laut Chefvolkswirt Martin Moryson vom Bankhaus Sal. Oppenheim hat Fed-Chefin Janet Yellen ein „gutes Signal“ an die anderen Zentralbanken ausgesendet: „Es gibt ein Ende der Niedrigzinspolitik, der Ausstieg kann gelingen.“ Das sieht auch Bruno Cavalier, Chefvolkswirt des französischen Brokerhauses Oddo Securities, ähnlich: Die Fed könne zum Vorbild für einen Ausstieg aus der Geldflut werden. Sie hatte 2013 das Abschmelzen ihrer Anleihenkäufe angekündigt, diese daraufhin 2014 beendet und dann im Dezember 2015 den ersten Zinsschritt gewagt. EZB-Präsident Mario Draghi werde aber nicht riskieren, die Normalisierungsdebatte zu früh einzuleiten, betont Cavalier. „Der Prozess wird schrittweise erfolgen, der erste davon – das Abschmelzen der Anleihenkäufe – wird nicht vor dem nächsten Jahr beginnen.“ Mit dem Beginn der Diskussion rechnet er nach dem Sommer. Die meisten Ökonomen erwarten zunächst Änderungen in der Kommunikation der Notenbank. So wies EZB-Präsident Draghi nach der jüngsten Zinssitzung bereits darauf hin, dass es eine Debatte darüber gab, ob die Option einer weiteren Zinssenkung im Ausblick gestrichen werden soll.

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