Finanzen

Streit bedroht Fusion von Linde mit Praxair

Lesezeit: 2 min
27.10.2017 14:15
Vor der Fusion mit dem deutschen Linde-Konzern sorgen Äußerungen aus der Führung des Partners Praxair für Verunsicherung.
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Der Finanzchef des amerikanischen Unternehmens Praxair, Matthew White, sorgt vor dem geplanten Zusammenschluss mit dem deutschen Industriegase-Rivalen Linde beim deutschen Fusionspartner für Ärger. Der Linde-Vorstand wurde von Äußerungen Whites aufgeschreckt, der laut Analysten Teile des Anlagenbaus von Linde und das Medizingase-Geschäft in den USA zur Disposition gestellt hatte, berichtet Reuters. „Es gab eine gewisse Aufregung“, sagte Linde-Chef Aldo Belloni am Freitag in München. „Das hat uns nicht kalt gelassen.“ Whites Vorgehen, noch bevor die Fusion in trockenen Tüchern ist, dürfte die skeptischen Arbeitnehmervertreter in ihrem Verdacht bestärken, dass der Zusammenschluss nicht auf Augenhöhe über die Bühne geht, sondern eine verdeckte Übernahme durch die Amerikaner ist.

White ist auch als Finanzchef der fusionierten Linde plc unter dem heutigen Praxair-Chef Stephen Angel gesetzt. Angel habe sich aber von Whites Aussagen distanziert und betont, es gebe keine Festlegungen, sagte Belloni. Für White gehe es nun darum, wieder Vertrauen zu schaffen, unter anderem bei einem Treffen mit seinem Linde-Amtskollegen Sven Schneider. Die beiden Sparten blieben fürs erste Teil des Konzerns, müssten sich aber immer wieder beweisen, bekräftigte Linde-Chef Belloni. „Ich bin sicher, dass Linde Engineering seine Existenzberechtigung bewahren kann.“

White hatte laut Analysten in Zweifel gezogen, ob der Teil der Anlagenbau-Sparte, der nichts mit dem Gase-Geschäft zu tun hat, eine Zukunft bei Linde hat. Er werfe zu wenig Rendite ab. Belloni sieht dagegen Synergieeffekte, weil sich viele Kunden überschneiden. Das Geschäft mit der Behandlung von Atemwegs-Patienten (Lincare), das Linde vor fünf Jahren für 4,6 Milliarden Dollar übernommen hatte, steht unter Druck, weil der Staat bei Ausschreibungen Preissenkungen fordert.

Belloni räumte ein, dass die Stimmung in der Belegschaft anhaltend schlecht sei. Ihre Vertreter „stehen der Fusion sehr skeptisch gegenüber, daran hat sich nichts geändert“.

Das größte Risiko, an dem die Industriegase-Hochzeit noch scheitern könnte, sind Auflagen der Kartellwächter. Linde und Praxair wollen zusammen maximal 3,75 Milliarden Dollar Umsatz abgeben. Andernfalls haben sie sich vorbehalten, die Reißleine zu ziehen. 20 Wettbewerbshüter von den USA bis China müssen noch zustimmen, bei der EU sind die Pläne noch nicht einmal offiziell angemeldet. Bis Ende Oktober 2018 muss die Fusion unter Dach und Fach sein.

Insidern zufolge bereiten Linde und Praxair den Verkauf von Firmenteilen mit einem Umsatz von 2,7 Milliarden Euro im Wert von 6,5 bis 7,5 Milliarden Euro vor, den größten Teil davon in Nordamerika. Auch in Südamerika und in Europa müssen sie wohl Zugeständnisse machen. Belloni sagte, Interessenten stünden bereits Schlange. „Da müssen wir schon bremsen.“ Finanzinvestoren seien „sehr sichtbar und hörbar“, hätten aber nur Chancen, wenn sie einen Partner aus der Branche dazu holten. Insidern zufolge hat sich der Industriegase-Hersteller Messer etwa mit dem Investor CVC zusammengetan.

Auf der Zielgeraden sieht sich Linde, was die Zustimmung der eigenen Aktionäre angeht. Die geforderte Schwelle von 60 Prozent ist mit 67,9 Prozent schon übersprungen, bis 21. November müssen daraus aber mindestens 74 Prozent werden. Sonst würde die Linde plc – obwohl sie aus Großbritannien gelenkt werden soll – in den USA voll besteuert. „Daraus ergäben sich vielfältige steuerliche Risiken, die - im Interesse aller Aktionäre - bewirken würden, die Fusion nicht zu vollziehen“, sagte Belloni. Doch könne Linde mit den Aktien weiterer Indexfonds rechnen, sobald die umgetauschten Papiere in Indizes wie MSCI und EuroStoxx aufgenommen sind. Bei ihnen liegen knapp zehn Prozent an Linde.

Operativ sieht sich Linde auf Kurs. Der Umsatz stieg in den ersten neun Monaten des Jahres - ohne die zum Verkauf stehende Kühllogistik-Tochter Gist – um 2,7 Prozent auf 12,9 Milliarden Euro. Der Nettogewinn lag aber mit 860 Millionen Euro knapp acht Prozent unter Vorjahr, weil das Sparprogramm und die Kosten für die Fusion zu Buche schlagen. „Umsatz und Ergebnis haben sich in den ersten neun Monaten gut entwickelt, und auch mit unserem Effizienzprogramm liegen wir voll im Plan“, sagte Belloni. Der operative Gewinn (Ebitda) soll 2017 mit 4,1 Milliarden Euro auf Vorjahresniveau liegen.

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