Politik

Keine Inflation: EZB schafft Ausstieg aus den Nullzinsen nicht

Lesezeit: 3 min
16.03.2018 22:57
Die EZB dürfte wegen der überraschend gesunkenen Inflation weiter billiges Geld in den Markt pumpen.
Keine Inflation: EZB schafft Ausstieg aus den Nullzinsen nicht

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Nachricht, dass die Inflationsrate sinke, kam am Freitag überraschend. Kurz zuvor hatte der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Peter Praet, Anlegern gegenüber das Gegenteil prognostiziert. Seiner Einschätzung nach werde die Inflationsrate auf einem gleichbleibende Niveau verharren.

Für Anleger war das ein Grund, auf eine zügige Anhebung der Zinsanpassung durch die EZB zu hoffen. Bereits im Januar hatte Praet gesagt, die Euro-Notenbank werde die Anleihekäufe erst beenden, wenn sie noch stärker von einem Anziehen der Inflation überzeugt sei. Dann sei eine Normalisierung der Geldpolitik möglich. Aktuell würden die Kriterien dafür noch nicht alle erfüllt. Einen ersten Zinsschritt der Notenbank prognostizierte Praet zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2019.

Damit ist zu erwarten, dass die europäischen Sparer auf absehbare keine Zinsen auf ihre Ersparnisse sehen werden. In den USA ist die Lage anders: US-Präsident Donald Trump sprach bei einer Diskussion mit Wirtschaftsvertretern in Missouri in dieser Woche davon, dass die US-Regierung positiv bemerke, dass die kleinen Sparer wegen der Zinswende der Federal Reserve nun wieder Erträge auf ihre Ersparnisse sehen. In Europa bleibt den Sparern lediglich die Alternative, in risikoreiche Anlageformen auszuweichen.

Die neuesten Auswertungen der EZB haben nämlich ergeben, dass die Inflation in der Euro-Zone ist im Februar stärker gefallen als zunächst geschätzt. Die Teuerungsrate sank auf 1,1 Prozent. Damit korrigierte das Statistikamt Eurostat am Freitag eine frühere Schätzung nach unten, die 1,2 Prozent ergeben hatte. Im Januar lag die Inflation bei 1,3 Prozent. Mit dem dritten Rückgang in Folge ist die Teuerungsrate so niedrig wie seit über einem Jahr nicht mehr und entfernt sich damit weiter vom Ziel der EZB. Diese strebt als optimalen Wert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent an.

Energie verteuerte sich im Februar nur noch um 2,1 Prozent, nachdem es ein Jahr zuvor noch um mehr als neun Prozent nach oben gegangen war. Unverarbeitete Lebensmittel verbilligten sich sogar, und zwar um 0,9 Prozent.

Die EZB sieht sich wegen der niedrigen Inflation mit ihrer ultra-lockeren Geldpolitik noch nicht am Ziel. EZB-Chef Mario Draghi sagte jüngst, er sei zwar zuversichtlicher, dass man sich mit der Zeit dem Zielwert von knapp zwei Prozent annähern werde. Es brauche aber weitere Hinweise, dass die Entwicklung in die richtige Richtung gehe. Die Währungshüter wagten vergangene Woche lediglich einen Mini-Schritt in Richtung einer weniger expansiven Geldpolitik. Sie strichen aus ihrem Ausblick die Option, das auf 2,55 Billionen Euro angelegte Anleihen-Kaufprogramm nötigenfalls erneut auszuweiten. Volkswirte gehen davon aus, dass die EZB die umstrittenen Transaktionen Ende 2018 auslaufen lassen wird.

Die Berechnungsmethode der EZB zur Bestimmung der Inflationsrate ist bei Anlegern und Finanzwissenschaftlern umstritten. Der Finanz-Analyst Michael Bernegger kritisiert den von der EZB verwendeten hicp-Index zur Berchnung der Inflationsrate als einen von seiner Konstruktion und Methodologie schwacher, unpräziser Inflationsmaßstab. Als Grund gibt er an, dass ein wesentlicher Berechnungsfaktor, die Wohnungskosten für selbst bewohntes Wohneigentum, von der EZB nicht berücksichtigt werde. Die Kosten für Wohneigentum seien die mit Abstand größte Position in den Budgets der Haushalte. Dieser Ausgabenposten repräsentiere zwischen 15 und 20 Prozent der Gesamtausgaben der Haushalte in der Eurozone. Auch werde das Gewicht der Energiepreise im hicp durch das Fehlen beziehungsweise die nicht korrekte Erfassung anderer zentraler Komponenten weit überhöht. Im Ergebnis führten diese Fehlbewertungen zu einem falschen Ergebnis in der Inflationsratenberechnung.

Das Anleihenprogramm hatte die EZB im März 2015 gestartet, um eine Deflation zu verhindern. Ziel ist es, durch den Ankauf von Wertpapieren europäischer Versicherungen und Banken frisches Geld in die europäischen Märkte zu pumpen. Insgesamt flossen seitdem 1,1 Billionen Euro in die Volkswirtschaften der Mitgliedsstaaten. Ziel war es, die Inflationsrate langfristig auf ein stabiles Niveau zu bringen. Seit dem Start des Anleiheprogramms ist die Inflationsrate in der EU nicht wesentlich gestiegen. Der Grund: Die Geschäftsbanken geben die Gelder aus den Wertpapierverkäufen nicht als Konsum- und Investitionskredite in ausreichendem Maß an Haushalte und Unternehmen weiter. Die von der EZB beabsichtigte Reinvestierung der gegebenen Gelder in die Märkte unterbleibt.

Das EZB-Programm ist bei europäischen Anlegern umstritten: Für die Dauer des Programms hat die EZB festgelegt, die Zinsen nicht erhöhen zu wollen. Neben Gewinneinbußen durch wegbrechende Zinskapitalerträge befürchteten Kritiker aufgrund der niedrigen Zinsen eine Schuldenzunahme in der EU. Um europäische Investoren und Anleger zu beruhigen und im Binnenmarkt zu halten, entschied sich die EZB im vergangenen September, das Anleiheprogramm zurückzufahren und im kommenden September zu beenden.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik 2021: Jahr der Wahlen - oder der Wählertäuschungen?

2021 ist das Jahr der großen Wahlen. Doch eigentlich ist es egal, für wen sich die Wähler entscheiden, schreibt DWN-Gastautor Henrik...

DWN
Politik
Politik Jens Spahn: Ein Mann und seine Abenteuer

Die bisherige Karriere von Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn ist aufregend verlaufen. Die DWN zeichnen die wichtigsten Stationen...

DWN
Politik
Politik Merkel stellt Verbindung zwischen Pandemie und Umweltschutz her – drohen uns nun Klimabeschränkungen?

Angela Merkel zufolge erhöht die Zerstörung der Natur die Gefahr der Übertragung von Krankheitserregern wie das Corona-Virus. Die...

DWN
Finanzen
Finanzen Höhere Inflation im Anmarsch - ein gutes Omen für Gold

Während viele andere Geldanlagen zuletzt starke Gewinne verzeichneten, zeigte Gold eine auffällige Schwäche. Doch dies dürfte sich nun...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Westeuropas Automarkt stürzt auf 30-Jahres-Tief

Dem Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer zufolge wird auch 2021 ein rabenschwarzes Jahr für Europas Autobranche.

DWN
Politik
Politik Opposition: Bundesregierung will Mitsprache des Bundestags bei Corona in speziellem Gremium „versenken“

Die Oppositionsparteien FDP und Grüne kritisieren Pläne der Bundesregierung zur Bildung eines speziellen Gremiums.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Verfassungsrechtler und Banker warnen: Green Deal der EU nur mit Ökodiktatur möglich

Ein Ex-Bundesverfassungsrichter warnt davor, dass Deutschland und Europa in eine „Öko-Diktatur“ abgleiten könnte. Doch auch Analysten...

DWN
Politik
Politik Steinmeier erwägt staatliche Regulierung der sozialen Medien im Namen der Freiheit und der Demokratie

Bundespräsident Steinmeier meint: „Die Demokratien der Welt müssen ihre Verfasstheit auch im Digitalen sichern, gegen Feinde von innen...

DWN
Finanzen
Finanzen Springt die US-Notenbank als Retter ein, wenn es zum Preis-Krach beim Bitcoin kommt?

Ein Finanzanalyst spricht von einem „Bitcoin-Casino“, bei dem der Preis über eine „Buy & Hype“-Taktik künstlich in die Höhe...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der Held von Hanoi: Mann rettet Mädchen nach Sturz aus dem 12. Stockwerk

Vietnam feiert einen Lastwagenfahrer, der einem aus einem Hochhaus stürzenden Kind das Leben gerettet hat.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Trotz Brexit: RWE bringt in Großbritannien Schlüsselprojekt für Windenergie voran

Viele deutsche Industrieunternehmen stehen zwar wegen des Brexits unter Druck. Doch nicht so der Energiekonzern RWE, für den...

DWN
Finanzen
Finanzen City of London fürchtet Abzug des billionenschweren Derivategeschäfts in die EU

In der City of London liegen die Nerven blank. Den Verlust kleinerer Märkte an den Kontinent nahm man noch hin, nun droht mit einem...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Wird die OPEC+ die Ölproduktion erhöhen?

Es gibt einige Hinweise darauf, dass die OPEC+ am Donnerstag die Ölproduktion ankurbeln wird. Russland unterstützt dieses Vorhaben,...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Corona-Rezession wie Zweiter Weltkrieg – der Tod des Gastgewerbes ist beschlossene Sache

Die aktuelle Corona-Rezession weist große Ähnlichkeiten mit den wirtschaftlichen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf. Aus einem...