Politik

New York Times: USA denken über Raketen-System für Deutschland nach

Lesezeit: 3 min
02.06.2018 00:35
Medienberichten zufolge planen die USA, in Deutschland ein neues Raketenabwehrsystem zu installieren. Das Pentagon sieht diese Entscheidung noch nicht gekommen.
New York Times: USA denken über Raketen-System für Deutschland nach

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Das US-Militär plant, ein Raketenabwehrsystem in Deutschland zu installieren, um die europäischen Verteidigungsanlagen zu verstärken.

Der vorläufige Vorschlag, das Raketensystem Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) nach Europa zu entsenden, wurde nach Angaben der New York Times bereits vor US-Präsident Trumps Entscheidung getroffen, aus dem Atomvertrag mit dem Iran auszusteigen.

Während sich Europa und die Vereinigten Staaten über das Schicksal des Atomabkommens streiten, teilen sie die gemeinsame Sorge über die weitere Entwicklung von ballistischen Raketen durch den Iran, so das Blatt.

Das europäische Kommando der USA drängt seit Jahren auf ein THAAD-System in Europa, aber der Rückzug der USA aus dem iranischen Atomabkommen hat das Thema noch dringlicher gemacht, meint Riki Ellison, Leiter der Missile Defense Advocacy Alliance (MDAA).

Ein hochrangiger deutscher Militärfunktionär, der anonym bleiben wollte, führte an, dass mehr Radargeräte in ganz Europa hinzugefügt werden müssten, um potenzielle Bedrohungen besser verfolgen und überwachen zu können.

Auf Nachfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten, ob die USA tatsächlich THAAD-Systeme in Deutschland installieren, sagte der Pentagon-Sprecher Eric Pahon: „Eine Stationierung von THAAD-Systemen in Deutschland ist derzeit nicht geplant.”

Die Diskussion über den Einsatz eines THAAD-Systems in Europa steht auch vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen dem Westen und Russland.

Die NATO hat lange darauf bestanden, dass ihr Raketenabwehrprogramm nicht auf Russland ausgerichtet ist, aber das Bündnis hat gegenüber Moskau im Anschluss an den „Fall Skripal” einen härteren Ton angesetzt.

Moskau bestreitet jegliche Beteiligung an der Vergiftung des ehemaligen russischen Spions Skripal, der in Großbritannien lebt, und führt die aktuellen Spannungen auf die militärische Expansion der NATO nach Osten zurück. Auch die Einrichtung eines Schildes für ballistische Raketen mit einer Schlüsselstelle in Rumänien bleibt ein Konfliktpunkt.

Die Installation eines THAAD-Systems in Deutschland könnte eine Radarlücke schließen, die durch eine zweijährige Verzögerung bei der Fertigstellung einer zweiten Aegis-Ashore-Raketenabwehranlage in Polen verursacht wurde. Die Anlage sollte ursprünglich im aktuellen Jahr in Betrieb genommen werden.

Ein US-Militärvertreter sagte den New York Times, dass es vorbereitende Gespräche mit deutschen Militärs über den Umzug eines THAAD-Systems auf die Ramstein Air Base in Deutschland, dem Hauptquartier der US Air Force in Europa und dem NATO Alliierten Luftkommando, gegeben habe. „Es wäre eine weitere politische Botschaft an die Europäer, dass wir es ernst meinen mit dem Schutz unserer Verbündeten (...). Die anfängliche Einschätzung ist, dass Deutschland höchstwahrscheinlich kein Problem mit einem Einsatz von THAAD haben wird”, so der US-Vertreter. Eine weitere Quelle aus US-Militärkreisen sagte, dass die deutschen Regierungsbeamten offen für eine Lösung seien, die die Zivilbevölkerung schützen könnte.

Das Bundesverteidigungsministerium arbeitet nach Jahren der Kürzungen daran, die eigene Kurz- und Mittelstreckenraketenabwehr neu aufzubauen. Das Projekt werde noch im aktuellen Jahr beginnen und den Bedarf an territorialer Raketenabwehr in einer konzeptionellen Studie untersuchen, in der auch THAAD und das von Israel und den USA gebaute Arrow-3-Raketenabwehrsystem untersucht würden, so ein Sprecher.

Allerdings ist die Position der Bundesregierung im Hinblick auf die Installation eines THAAD-Systems in Deutschland nicht ausschlaggebend. Nach Angaben der New York Times benötigt Washington – im Rahmen bestehender Verträge – keine Genehmigung von Deutschland, um ein Raketensystem in Deutschland zu installieren.

Das THAAD-System wird von Lockheed Martin Corp mit einem leistungsstarken Raytheon CoAN/TPY-2-Radar zum Abschuss von Kurz-, Mittel- und Mittelstreckenraketen gebaut.

Zu den Fähigkeiten der deutschen Luftabwehr führt die MDAA aus:

„Deutschland ist mit PAC-3 Patriot Raketenbatterien ausgestattet. Deutschland hat auch eine unbekannte Anzahl an MIM-23-Hawks und eine unbekannte Anzahl an LeFlaSys-Verteidigungssystemen, die Nahbereichs-Luftverteidigungssysteme sind. Die LeFlaSys hat eine ungefähre Erfassungsreichweite von 20 Kilometer.

Im Juni 2015 hat das Bundesministerium der Verteidigung das Medium Extended Air Defence System (MEADS) als Grundlage für das Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) ausgewählt – ein netzwerkbasiertes taktisches Luft- und Raketenabwehrsystem der nächsten Generation, das die Patriot Luftverteidigungssysteme, die seit 1980 im Einsatz sind, ersetzen soll.

Die Bundesregierung hofft, (...) die Verhandlungen mit dem europäischen Waffenhersteller MBDA und seinem US-Partner Lockheed Martin Corporation über ein milliardenschweres Verteidigungssystem abschließen zu können. Der deutsche Bundestag könnte den vorgeschlagenen Vertrag bereits 2018 prüfen und genehmigen.”

***

Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung. Bitte unterstützen Sie die Unabhängigkeit der DWN mit einem Abonnement:

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, werden Sie von uns benachrichtigt und können dann das Abo auswählen, dass am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier.


Mehr zum Thema:  

Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Halbzeit Urlaub bei ROBINSON

Wie wäre es mit einem grandiosen Urlaub im Juni? Zur Halbzeit des Jahres einfach mal durchatmen und an einem Ort sein, wo dich ein...

DWN
Politik
Politik Weltweite Militärausgaben durch Ukraine-Krieg auf Höchststand
22.04.2024

Immer mehr Geld wird für das Militär ausgegeben und das weltweit - Forscher sehen dafür erkennbare Gründe.

DWN
Finanzen
Finanzen Draghis gefährliche Vision: 500-Milliarden-Euro zur Neugestaltung Europas
22.04.2024

Der ehemalige EZB-Chef Mario Draghi hat eine klare Vision: Das Investitionsvolumen innerhalb Europas soll radikal erhöht werden. Ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Nahost-Eskalation und Zinserhöhungen: Lage an den Börsen trübt sich ein
22.04.2024

Anlegerängste vor Nahost-Eskalation und Zinserhöhungen in den USA haben Europas wichtigste Aktienmärkte vergangene Woche ins Minus...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der Rohstoffhandel boomt weiter, doch es zeigt sich auch die Schattenseite
21.04.2024

In ihrem zweitbesten Gewinnjahr verbuchten die globalen Rohstoffhandelshäuser 2023 mehr als 100 Milliarden Dollar Profit, allen voran die...

DWN
Technologie
Technologie Rheinland-Pfalz eröffnet größten Solarpark: Meilenstein für Energiewende
21.04.2024

Rheinland-Pfalz startet größtes Solarprojekt: 300 Fußballfelder große Anlage solle grünen Strom für 60.000 Haushalte liefern und...

DWN
Politik
Politik Mehr Souveränität wagen: Wie Deutschland sich auf eine zweite Amtszeit Trumps’ vorbereiten sollte
21.04.2024

In Umfragen liegt Donald Trump deutlich vor dem amtierenden US-Präsidenten Joe Biden. Wie sollte sich Deutschland auf eine zweite Amtszeit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Weltraum-Bahnhöfe: Europas ehrgeizige Pläne für die Zukunft der Raumfahrt
21.04.2024

Auch in Deutschland ist die Begeisterung fürs Weltall, und wie man dort hinkommt, weit verbreitet. Wir reden heute nicht von Trekkies,...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Comeback von Japan-Aktien: Neue Ära für Investoren?
21.04.2024

Der japanische Aktienmarkt erlebt derzeit ein erstaunliches Comeback. Doch hinter dem jüngsten Rekordhoch des Nikkei von 40.000 Punkten...