Türkische Fußball-Clubs wegen Lira-Verfall in der Krise

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
08.12.2018 21:57
Der Wertverlust der Türkischen Lira führt zu einem drastischen Anstieg der in Dollar und Euro denominierten Schulden der Top-Clubs des türkischen Fußballs.
Türkische Fußball-Clubs wegen Lira-Verfall in der Krise

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der Währungsverfall der Türkischen Lira bereitet auch den Top-Clubs der türkischen Fußballiga (Süperlig) finanzielle Probleme. Die „Drei Großen“ Fenerbahçe Istanbul, Beşiktaş Istanbul und Galatasaray Istanbul sind hochverschuldet. Fenerbahçe hat Schulden in Höhe von 621 Millionen Euro, Galatasaray in Höhe von 470 Millionen Euro und Beşiktaş in Höhe von 360 Millionen Euro.

Burhan Karaçam, Vizepräsident von Fenerbahçe, zufolge steigen die Schulden seines Clubs bei jedem Währungsverfall um eine Lira auf eine weitere negative Summe zwischen umgerechnet 43,48 und 50,55 Millionen Euro. „80 Prozent unserer Schulden sind Fremdwährungsschulden. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir uns über die Türkische Lira verschulden“, zitiert CNN Türk Karaçam.

Ali Koç, der im Sommer zum Präsidenten von Fenerbahçe gewählt wurde, hat seinem Club 50 Millionen US-Dollar aus der eigenen Tasche zukommen lassen, um eine Insolvenz abzuwenden. Koç ist gleichzeitig der Vize-Vorsitzende der Koç-Gruppe, die einen jährlichen Umsatz von etwa 43 Milliarden US-Dollar hat.

UEFA-Strafen für Vereine

Nach Informationen des türkischsprachigen Diensts der BBC besteht die Gefahr, dass der Club aufgrund der Schuldenkrise im kommenden Jahr von den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wird. Erschwerend hinzu kommt, dass Fenerbahçe, Beşiktaş und Galatasaray wegen Verstößen gegen die Financial Fairplay-Regelung von der UEFA mit Transferstrafen belegt wurden. So darf beispielsweise Galatasaray das Geschäftsjahr 2019 mit einem maximalen Verlust von 20 Millionen Euro und das Jahr 2020 mit einem Verlust von maximal zehn Millionen Euro abschließen, so CNN Türk. Das Geschäftsjahr muss anschließend mit einem Gewinn abgeschlossen werden. Wenn diese Ziele nicht erreicht werden sollten, muss der Club Strafen in Millionenhöhen bezahlen. Im Verlauf dieser Phasen kann der Club nur dann einen Spieler kaufen, wenn zuvor ein Spieler mit einem höheren Gewinn verkauft wurde. Deshalb sind die drei Clubs darauf angewiesen, Spieler zu leihen.

Der Harvard-Absolvent und ehemalige Analyst von Morgan Stanley, Koç, liefert eine betriebswirtschaftliche Sicht auf die Schuldenkrise des türkischen Fußballs.

Die Sportzeitung Fanatik zitiert den Unternehmer und Fußball-Präsidenten: „Es muss sich alles ändern: vom Fußballverband bis zu den Medien. Bei den großen Clubs gibt es keine Unternehmensbeteiligungen. Deshalb ist es nicht möglich, den Clubs Mittel zufließen zu lassen (...) Wir sollten darüber nachdenken, die europäischen Wettbewerbe um fünf Jahre zu meiden (...) Wir sollten eine viel strengere eigene Disziplinierung als das Financial Fairplay vornehmen. Ausländische Spieler verdienen hier zwei bis dreieinhalb so viel wie im Ausland. Deshalb gehören wir auch zu den Ligen mit den ältesten Spielern (...) Die UEFA will, dass der türkische Fußball gesundet, um den Marktwert der UEFA zu steigern. Der AS Monaco hat zu seinen besten Zeiten 30.000 Trikots pro Jahr verkauft. Bei uns liegt dieser Anteil bei 250.000 bis 300.000 (...) In den kommenden Jahren wird die Kluft zwischen zehn bis 15 Top-Clubs und den restlichen Clubs drastisch größer werden. Vielleicht werden auch 95 Prozent der Gesamteinnahmen an diese zehn bis 15 Clubs gehen.“

Kritik am Fußballverband TFF

Mit der Forderung nach einer Veränderung innerhalb des türkischen Fußballverbands (TFF) zielt Koç offenbar auf den aktuellen TFF-Präsidenten Yıldırım Demirören ab. Demirören war zuvor Präsident des Clubs Beşiktaş. Die Enthüllungs-Plattform Football Leaks führt aus: „Als der türkische Geschäftsmann Yıldırım Demirören am 27. Februar 2012 als Präsident des Istanbuler Fußballklubs Beşiktaş aufgab, hinterließ er ein Erbe der Zerstörung. Die Finanzen des Clubs waren in einem schlechten Zustand, mit Schulden in Höhe von 200 Millionen Euro, einem kumulierten Budgetdefizit von über 160 Millionen Euro und einem wachsenden Stapel unbezahlter Rechnungen. Beşiktaş, einer der großen historischen Istanbuler Teams, neben Fenerbahçe und Galatasaray, wurde daraufhin ein zweites Mal von der Teilnahme an der UEFA Champions League ausgeschlossen und war tief in einen Wettskandal verwickelt. Aber der scheidende Häuptling fiel nicht in Ungnade.

Sein Ausscheiden führte ihn zu einem besseren Job. Er wurde Präsident des türkischen Fußballverbandes (TFF) (...) Er besetzt diesen Posten noch heute (...) Ein Teil der finanziellen Probleme von Beşiktaş war auf fragwürdige Transfergeschäfte zurückzuführen, die Demirören mit Spielern ermöglichte, die mit der irischen Fußballagentur Gestifute verbunden waren. Gestifute wird vom portugiesischen Spielervermittler Jorge Mendes geleitet. In etwas mehr als einem Jahr, hauptsächlich in einem Zeitraum von sechs Monaten, unterschrieb Demirören persönlich geheime Provisionsvereinbarungen mit Gestifute, die der weltgrößten Spieleragentur sechs Millionen Euro an Gebühren einbrachten und den Club über 60 Millionen Euro an Transfers und Spielergehältern kosteten.“

Football Leaks zufolge sollen die lukrativen Provisionsverträge von Gestifute mit Beşiktaş unrechtmäßig gewesen sein. Sie sollen gegen die Regeln der FIFA und des türkischen Fußballverbandes verstoßen haben. In diesen Skandal soll auch der türkische Spielervertreter von Gestifute, Ahmet Bulut, verwickelt gewesen sein.

Der ehemalige türkische Nationalspieler Sergen Yalçın hatte bereits im Jahr 2014 Demirören, Mendes und Bulut für die Missstände bei Beşiktaş verantwortlich gemacht, berichtet die Zeitung Hürriyet.

 


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik „Westlessness“, oder: Der Traum von der guten alten Zeit, die es nie gab

"Westlessness" hieß das Schlagwort auf der diesjährigen, vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen Münchener Sicherheitskonferenz. Es drückt...

DWN
Politik
Politik Südamerika: Ein Kontinent steht in Flammen

Das neue Jahrhundert sollte eine Zeit der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs für Südamerika werden. Doch die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Tesla - der Usain Bolt unter den E-Autoherstellern

Kein Hersteller ist so eng mit der E-Mobilität verbunden wie Tesla: Das Unternehmen hat seine Umsätze innerhalb nur weniger Jahre weit...

DWN
Finanzen
Finanzen Noch mehr Enteignung? Spar-Zinsen in der Eurozone könnten weiter gesenkt werden

Die Bestrebungen der EZB, den Einlagensatz von aktuell minus 0,5 Prozent weiter in den negativen Bereich zu senken, treffen auf heftigen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft China: Einkaufsmanager-Index stürzt wegen Corona-Virus auf Rekord-Tief

Die Investmentbank Nomura erwartet einen Absturz des chinesischen Einkaufsmanager-Index für Februar auf unter 40 Punkte.

DWN
Deutschland
Deutschland Einkommen und Hausbau: Eine Ausbildung lohnt sich mehr als ein Studium

Einer Studie zufolge haben Menschen mit Ausbildungen in der Lebensphase, in der die Familiengründung und der Hausbau erfolgt, die Nase...

DWN
Politik
Politik Völker, hört die Signale: Kamerad Trump

Mr. President war einmal. Jetzt heißt es: Kamerad Trump. Nina L. Chruschtschowa, Politikwissenschaftlerin und Enkelin von Nikita...

DWN
Politik
Politik Teurer „Green Deal“: Tiefe Gräben zwischen Nettozahlern und Kommission um künftige EU-Beiträge

In den Verhandlungen um die künftigen EU-Beiträge sind die Fronten verhärtet. Auf der einen Seite stehen die Nettozahler wie...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank: Immobilienpreise in Deutschland werden hoch bleiben

Der Bundesbank zufolge wird es in naher Zukunft keine Entwarnung in Bezug auf die Immobilienpreise geben. Das Preisniveau werde weiterhin...

DWN
Panorama
Panorama Polizeigewerkschaft: Aggressivität im Straßenverkehr massiv gestiegen

Der Deutschen Polizeigewerkschaft zufolge gibt es einen signifikanten Anstieg beim aggressiven Verhalten im Straßenverkehr. Diese...

DWN
Politik
Politik Erdgas-Streit mit der Türkei: Frankreich entsendet Flugzeugträger nach Zypern

Im Streit zwischen der Türkei einerseits und Zypern und der EU andererseits um Erdgasvorkommen vor der Mittelmeerinsel spitzt sich die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Damit das Corona-Virus nicht nach Deutschland kommt: Sofortige Abschottung gegen China?

Noch sei das Corona-Virus ein begrenztes Problem, schreibt der China-Experte Prof. Dr. Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen. Doch eine...

DWN
Politik
Politik Rentenversicherung schreibt Brandbrief: Einführung der Grundrente ab 2021 ist technisch gar nicht machbar

Die von der Bundesregierung anvisierte Einführung der Grundrente ist aus Sicht der Rentenversicherung technisch überhaupt nicht möglich,...

DWN
Politik
Politik DWN AKTUELL: Russland entsendet militärischen Nachschub nach Syrien

Russland hat mit Flugzeugen des Typs Tu-154M militärischen Nachschub nach Syrien entsandt.

celtra_fin_Interscroller