Politik

Grundeinkommen kann Antwort auf neue Technologien sein

Lesezeit: 4 min
25.12.2018 18:17
Ein bedingungsloses Grundeinkommen soll seinen Fürsprechern zufolge die Folgen der Digitalisierung abmildern.

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Vor 250 Jahren setzte in England eine Entwicklung ein, die rasch auf Europa und die neugegründeten Vereinigten Staaten überschwappte und innerhalb kurzer Zeit die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse für immer einschneidend veränderte: Die industrielle Revolution. Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelten sich die bis dahin fast ausschließlich agrarisch geprägten Gemeinschaften der westlichen Welt in moderne, komplexe Industriegesellschaften.

Die Menschen zahlten für den enormen technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt einen hohen Preis. Zwar war der Anstieg der Produktivität enorm, beispielsweise steigerte sich die Menge der verarbeiteten Baumwolle in England von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts um rund das Hundertfünfzigfache. Aber große Teile der Bevölkerung wurden durch den massiven Anstieg des Einsatzes von Maschinen in Armut gestürzt. Bis sich die Menschen auf die neue Situation eingestellt hatten – beispielsweise vom Land in die Stadt gezogen und die für die Bedienung der Maschinen erforderlichen technischen Fähigkeiten erworben sowie die psychologischen Hemmungen abgelegt hatten – dauerte es oft Jahrzehnte.

Aber: Langfristig gelang die Umstellung. Und so führte die Industrialisierung zu einer gewaltigen Zunahme von individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand. So ist beispielsweise das Bruttosozialprodukt (BIP) pro Kopf in den USA von Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute um rund 12.500 Prozent gestiegen (500 Dollar versus 62.000 Dollar).

Heute stehen die westlichen Gesellschaften – und mit ihr auch die industrialisierten Gesellschaften der übrigen Weltregionen – erneut vor einer technischen Revolution: Der Digitalisierung. Sie wird technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen von ähnlichem Ausmaß hervorrufen, wie die vor 250 Jahren in der Grafschaft Lancashire – dem Zentrum der englischen Baumwoll-Industrie – ihren Siegeszug antretende industrielle Revolution.

Zwischen der industriellen und der digitalen Revolution gibt es allerdings zwei große Unterschiede. Der erste: Die industrielle Revolution hat langfristig Jobs geschaffen, während die Digitalisierung langfristig Jobs vernichten wird. Der zweite: Die Vernichtung von Jobs in der Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen vollzog sich graduell über einen Zeitraum von vielen Jahren, die Vernichtung von Jobs durch die Digitalisierung wird innerhalb kürzester Zeit erfolgen. Mit anderen Worten: Die westlichen Gesellschaften stehen vor einer Situation, in der innerhalb weniger Jahre Automatisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz (KI) dafür sorgen werden, dass eine Vielzahl von Jobs und sogar fast ganze Branchen verschwinden werden. So wird das Versicherungsgeschäft vollständig auf den Kopf gestellt werden – der klassische Vertreter wird durch Vergleichsportale ersetzt, der Innendienst durch künstlich intelligente Büro-Maschinen. Massive Umbrüche wird es auch im Banken-Sektor geben: Einen Kredit abschließen, eine Altersvorsorge einrichten, ein Konto eröffnen – all das wird der Kunde in wenigen Jahren in Zusammenarbeit mit einem künstlich intelligenten Roboter tun. Was das Transportwesen angeht, so werden Fahrer sowie anschließend Piloten und schließlich sogar Kapitäne von autonomen Autos, Lastwagen, Flugzeugen und Schiffen ersetzt. Und was den Handel betrifft, so werden Drohnen, die im Internet bestellte Waren liefern, sowie durchgehend digitalisierte Geschäfte, in denen weder Verkäufer noch Kassiererinnen arbeiten, dafür sorgen, dass Hundertausende von Jobs der Vergangenheit angehören werden.

Besonders stark wird sich die Digitalisierung in der Produktion bemerkbar machen. Die Industrie 4.0, das Internet der Dinge, wird die Zahl der Fertigungs-Jobs erheblich verringern. Hochspezialisierte Experten, die die Maschinen überwachen, warten und bei Bedarf reparieren, werden ihre Jobs behalten, für das Gros der heute in der Industrie Beschäftigten wird es in naher Zukunft jedoch keine Verwendung mehr geben. Für ein Land wie Deutschland, dessen Beschäftigte zu rund 30 Prozent (einschließlich der Bau-Industrie) in der Produktion beschäftigt sind, stellt diese Entwicklung eine besonders einschneidende Zäsur dar.

Für die Politik stellt sich an dieser Stelle die Frage: Was tun? Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard sagte anlässlich der Rezession von 1966, dass die Republik mehr als eine Million Arbeitslose nicht vertrüge, dass Unruhen drohten. Der Vater des Wirtschaftswunders schätzte die Deutschen offensichtlich revolutionsbereiter ein, als sie wirklich sind: 2005 stieg die Zahl der Arbeitslosen über fünf Millionen, zu Ausschreitungen führte das nicht. Aber die Digitalisierung wird weit mehr als fünf Millionen Jobs kosten. Derzeit gehen in Deutschland rund 45 Millionen Menschen einer Beschäftigung nach – Experten schätzen, dass die Digitalisierung mehr als 40 Prozent von ihnen (also über 18 Millionen Menschen) den Job kosten könnte.

Fast 20 Millionen Menschen auf Hartz IV-Niveau wird sich die Bundesrepublik nicht leisten können, will sie das hohe Maß an Frieden und Sicherheit aufrechterhalten, das sie seit ihrem Bestehen genießt. Deshalb steht zunehmend ein bestimmter Lösungsansatz im Zentrum der öffentlichen Debatte: Das bedingungslose Grundeinkommen. Laut einer repräsentativen Umfrage unterstützen deutlich mehr als 50 Prozent aller Bundesbürger dieses Modell. Auch in der Wirtschaft finden sich zunehmend mehr Befürworter, unter anderem die Vorstandsvorsitzenden von Siemens und Telekom, Joe Kaeser und Timotheus Höttges, sowie der „dm“-Gründer Götz Werner. Selbst der marktliberale Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman sprach sich – in Form einer negativen Einkommenssteuer – in seinem 1962 erschienenen Klassiker „Kapitalismus und Freiheit“ für eine Art bedingungsloses Grundeinkommen aus.

Finnland hat das bedingungslose Grundeinkommen bereits getestet. Im Jahr 2017 erhielten 2000 Arbeitslose ein Einkommen von 560 Euro, das ihnen weitergezahlt wurde, selbst wenn sie einen Job fanden. Nach einem Jahr wurde das Projekt allerdings eingestellt. In der Schweiz fand 2016 eine Volksabstimmung statt – das bedingungslose Grundeinkommen wurde abgelehnt.

Gegner des Modells führen als Hauptargument an, dass das bedingungslose Grundeinkommen viele Menschen davon abhalten werde, überhaupt noch arbeiten zu wollen. Nach einer repräsentativen Umfrage würden tatsächlich zehn Prozent aller Bundesbürger ab einem von der Gesellschaft finanzierten Einkommen von 1.000 Euro monatlich prinzipiell keiner Beschäftigung mehr nachgehen.

Viele Befürworter der bedingungslosen Existenzsicherung glauben jedoch, dass sie Potential freilegen wird, das bisher brach gelegen hat. Für viele Empfänger würde die Alimentierung nur vorübergehender Natur sein, und so manche würden über sie den Weg in die Selbständigkeit finden. Für viele Befürworter sind die Debatten, ob das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt werden sollte, aber auch grundsätzlich überflüssig. Für sie ist die Einführung des Grundeinkommens alternativlos und die einzige Möglichkeit, die Digitalisierung in Bahnen zu lenken, an deren Ende keine sozialen Unruhen stehen.


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