Finanzen

„Wir haben das billige Geld der EZB nicht gebraucht“

Lesezeit: 4 min
23.04.2019 17:13
Das slowenische Unternehmen Gostol ist einer der weltweit führenden Hersteller für Produktionslinien für Industriebäckereien. Ein Interview über die Ziele des Mittelständlers in Deutschland, die Gründe für Sloweniens Erfolg und die Möglichkeit einer Rezession in Europa.
„Wir haben das billige Geld der EZB nicht gebraucht“
Eine Industriebackanlage von Gostol. (Foto: Gostol Group)

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Im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten spricht der Verkaufsleiter für Deutschland (DACH) von Gostol, Janez Dolenc, über die Ziele und die Strategie seines Unternehmens.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie Ihr Unternehmen kurz vorstellen?

Janez Dolenc: Wir sind ein weltweit aktiver Hersteller von automatisierten Industrieanlagen und ganzen Produktionslinien für die Backindustrie. Unsere Kunden verlangen Maschinen, mit denen Backwaren in großer Zahl produziert werden können. Unsere Stärke liegt meines Erachtens darin, dass wir sehr flexibel sind. Was uns von unseren Hauptkonkurrenten aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden unterscheidet ist, dass wir maßgeschneiderte Anlagen anbieten können, welche exakt auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.

In unserem Werk in Nova Gorica beschäftigen wir etwa 190 Mitarbeiter und erwarten im laufenden Jahr einen Jahresumsatz von etwa 30 Millionen Euro. Wir sind seit zwei Jahren Teil der italienischen Technopool-Gruppe. Zusammen mit den anderen Unternehmen von Tecnopool sind wir in etwa so groß wie unsere großen Wettbewerber – die niederländische Kaak-Gruppe, Werner Pfleiderer aus Deutschland und Mecatherm aus Frankreich.

Wir sind weltweit präsent. Unsere Auslandsgeschäfte begannen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Noch immer generieren wir dort signifikante Verkaufszahlen, aber der Anteil Russlands und andere früherer Sowjetrepubliken an unserem Geschäft nimmt konstant zugunsten von Märkten in Asien, Afrika und der Europäischen Union ab. Unsere Strategie besteht darin, unser Portfolio geografisch zu diversifizieren, um so krisenfest wie möglich aufgestellt zu sein.

Wir bauen Anlagen, die alle Schritte zur Herstellung von Broten, Brötchen und anderen Backwaren beherrschen – von der Teigherstellung über das Backen der Teiglinge bis hin zur Abkühlung und Auslieferung. Das alles geschieht vollautomatisch und wird von zwei bis drei Mitarbeitern überwacht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Sie? Sind Sie dort aktiv?

Janez Dolenc: In Deutschland sehen wir besonders große Potentiale zu wachsen, weil Deutschland der größte Markt in unserem Industriesegment ist. In vielen Ländern Europas schaut man nach Deutschland und beobachtet genau, was sich dort tut und welche Trends es gibt. Wir haben damit begonnen, den deutschen Markt zu untersuchen und auch Analysen zu unseren Wettbewerbern und den Kundenbedürfnissen durchgeführt.

In Deutschland sind wir bisher bekannt als Hersteller einzelner Bäckereimaschinen für Industriebäckereien. Fortan wollen wir aber nicht nur Komponenten dort verkaufen, sondern ganze Produktionslinien, weil wir bei dieser Produktgruppe zusätzliche Wertschöpfung generieren und mehr Umsatz generieren können.

Insbesondere in Deutschland erkennen wir einen Trend hin zu weniger kleinen Bäckereien und einer stärkeren Nachfrage nach industriell hergestellten Backwaren. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Deutschen wie die meisten Europäer sehr preissensitiv sind und auch die großen Hersteller damit begonnen haben, neue innovative Produkte anzubieten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In letzter Zeit haben sich die Anzeichen für einen Abschwung in der deutschen und auch in der europäischen Wirtschaft verstärkt. Wie schätzen Sie die Situation im ersten Quartal des laufenden Jahres ein?

Janez Dolenc: In der Tat beobachten wir, dass das Wirtschaftswachstum an Fahrt verliert. Man muss aber bedenken, dass die deutsche Wirtschaft noch immer wächst – wenn auch langsamer. Erst heute habe ich einen Bericht gelesen, wonach die Aufträge der deutschen Maschinenbauer im vierten Quartal 2018 gegenüber dem Vorjahresquartal um 10 Prozent zurückgegangen sind. Es herrscht derzeit eine besondere Unsicherheit vor – insbesondere mit Blick auf den Brexit, Italien, Frankreich und auch im Hinblick auf mögliche Importzölle, welche die US-Regierung auf europäische Autoimporte erheben könnte.

Derzeit sehe ich aber noch keinen schweren Abschwung in Deutschland voraus. Manchmal scheint es mir eher so zu sein, als ob es aufgrund der generellen Erwartung eines Abschwungs tatsächlich zu einem Abschwung kommen könnte, weil die Unternehmen in vermeintlicher Vorsicht vor einem Abschwung weniger investieren – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sozusagen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Kam es bei Ihnen in den vergangenen Wochen zu Auftragsstornierungen oder Verschiebungen von Aufträgen, weil die Kunden sich möglicherweise auf eine Krise vorbereiten?

Janez Dolenc: Nein, bis jetzt nicht. Die Kunden investieren dann, wenn sie es müssen, wenn sie beispielsweise eine alte Backanlage durch eine neue ersetzen müssen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie betreiben auch ein Werk in Russland. Sind sie von den Sanktionen betroffen, die die EU und Russland gegeneinander erlassen haben?

Janez Dolenc: Nein, wir sind davon nicht betroffen. Wir haben unsere eigene Firma in Russland und sind nicht von diesen Problemen betroffen. Es gibt keine formalen oder rechtlichen Barrieren für uns dort.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Viele Unternehmen im Westen treffen heute auf starke Wettbewerber aus China. Haben Sie Wettbewerber aus China?

Janez Dolenc: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben chinesische Unternehmen noch nicht genug Erfahrung und Know-how, um auf unseren Märkten – insbesondere im deutschsprachigen Raum – zu bestehen. In unserer Branche ist es sehr wichtig, Erfahrung und bereits realisierte Projekte vorweisen zu können. Da es sich beim Kauf industrieller Backstraßen um erhebliche Investitionen im einstelligen Millionenbereich handelt, wollen die Kunden meist eine bereits in Betrieb befindliche Produktionslinie in ihrem Land besichtigen, um sich von der Qualität der Anlagen zu überzeugen. Dies können die Chinesen nicht vorweisen, weshalb es schwierig für sie ist, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Die Europäische Zentralbank hat in den vergangenen Jahren in enormem Umfang billiges Geld in die Finanzmärkte geleitet. Das offiziell verlautbarte Ziel bestand darin, die Kreditvergabe an die Realwirtschaft anzukurbeln. Haben Sie die günstigen Kreditzinsen genutzt?

Janez Dolenc: Nein, das haben wir nicht. Wir haben uns selbst finanziert. Soweit ich weiß, könnten wir natürlich jederzeit Kredite bekommen, aber das haben wir nicht gemacht. Wir sind froh, unser Wachstum mit unseren eigenen Ressourcen zu finanzieren. Das ist eine solide und stabile Form des Wachstums. Ich weiß, dass viele Unternehmen gescheitert sind, weil sie kreditfinanziert zu schnell gewachsen sind. Wenn in einer solchen Situation dann der Cashflow nicht da ist, gibt es Probleme.

Wir sind in dieser Hinsicht eine konservative Branche. Das heißt aber nicht, dass wir nicht sehr stark in die Digitalisierung unserer Produkte investieren. Wir können hier von Slowenien aus beispielsweise die Leistung aller unserer Produkte weltweit überwachen. Wenn die Parameter nicht stimmen, dann sehen wir, dass etwas nicht in Ordnung ist und kontaktieren den Kunden. Diese Technologie macht es möglich, dass wir unseren Kunden in einem solchen Fall sagen können, was sie machen müssen, um das Problem zu beheben. Wir müssen dafür niemanden dorthin schicken. Eine schnelle Reaktion auf Probleme ist entscheidend und die Digitalisierung hilft uns dabei. Unsere Bäckereilinien sind zudem vollautomatisch und es bedarf kaum Mitarbeiter, um sie zu steuern und zu pflegen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür, dass Slowenien sich von allen ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken wirtschaftlich am erfolgreichsten entwickelt hat?

Janez Dolenc: Slowenien hat eine lange industrielle Tradition. Das reicht bis zu den Zeiten der österreich-ungarischen Doppelmonarchie zurück. Das Land gehörte auch immer schon zu den am weitesten entwickelten Staaten der K&K-Monarchie. Es gibt also eine Tradition. Dazu kommt, dass wir gute technische Hochschulen und Universitäten haben. Und nicht zuletzt verfügen wir über eine Mentalität und Arbeitsauffassung, welche der österreichischen oder deutschen ähnlich ist. Das sind aus meiner Sicht die Hauptpunkte – auch der Ehrgeiz, etwas, was man tut, richtig zu machen. Slowenien weist natürlich auch eine gute geografische Lage auf. Wir erreichen alle Länder Europas mit dem Lastwagen innerhalb von zwei Tagen. Deutschland ist maximal einen Tag entfernt. Die Kunden profitieren zudem davon, dass unsere Ingenieure im europäischen Vergleich noch teilweise günstiger sind und wir dem Kunden deshalb eine optimale, maßgeschneiderte Lösung für ein ähnliches Budget anbieten können. Dies ist Teil unserer Strategie, hier liegt der Fokus klar auf der Qualität.

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