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Experte warnt vor „Gefahr einer Weltautokrise“

Lesezeit: 3 min
16.06.2019 16:13
Der weltweite Neuwagen-Markt gerät immer tiefer in die Krise. 2019 werden die Autobauer voraussichtlich über fünf Millionen Fahrzeuge weniger absetzen als noch zwei Jahre zuvor - wobei es sich dabei um eine optimistische Schätzung handelt. Auch die deutschen Hersteller sind betroffen.
Experte warnt vor „Gefahr einer Weltautokrise“
So könnte es bald wieder aussehen: Leere Mitarbeiter-Parkplätze vor dem VW-Werk in Zwickau/Mosel im April 2004. Die Bänder wurden für vier Tage stillgelegt, weil der Absatz eingebrochen war. (Foto: dpa)

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84,8 Millionen Neuwagen wurden 2017 weltweit verkauft - mehr als je zuvor. 2018 waren es mit 83,7 Millionen schon 1,1 Millionen Einheiten weniger (entspricht einem Minus von 1,3 Prozent). Aller Voraussicht nach wird der Rückgang 2019 jedoch noch viel drastischer ausfallen. Nach einer Analyse „CAR-Centers Automotive Research“ der Universität Duisburg-Essen werden dieses Jahr nur 79,5 Millionen Einheiten verkauft werden.

Verglichen mit 2017 bedeutet das ein Minus von 5,3 Millionen Autos, in Prozent ausgedrückt: 6,25. Geht man von einem Szenario aus, in dem an 365 Tagen im Jahr die jeweils gleiche Anzahl von Einheiten produziert wird, und in dem die Produktions-Kapazitäten in den Jahren 2017 und 2019 gleich wären, würde das bedeuten, dass die Bänder dieses Jahr an 22,9 Tagen stillstehen könnten - anders ausgedrückt, während man 2017 365 Tage Arbeit brauchte, um die Nachfrage zu decken, sind es 2019 lediglich 342,1 Tage.

Rückgänge in den Verkaufszahlen stellen eigentlich eine Ausnahme dar: Im neuen Jahrtausend waren die Autobauer erst einmal mit einem solchen Szenario konfrontiert, und zwar in den Jahren 2008 (gegenüber 2007 minus 0,5 Millionen Einheiten, also 0,85 Prozent) sowie 2009 (gegenüber 2007 minus 2,6 Millionen Einheiten, also 4,42 Prozent).

Wie massiv die Krise ist, mit der sich die Hersteller konfrontiert sehen, wird daran deutlich, dass der Rückgang der Verkaufszahlen dieses Jahr also weitaus drastischer ausfällt, als der Rückgang zu Hochzeiten der weltweiten Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. Dabei muss man auch bedenken, dass die Unternehmen ihre Produktions-Kapazitäten stark ausgebaut haben, um die steigende Nachfrage - vor allem in den Schwellenländern - bedienen zu können (im Jahr 2000 betrug die Zahl der weltweit produzierten Einheiten 48,9 Millionen, im bisherigen Rekordjahr 2017 waren es 84,8 Millionen, ein Plus von 42 Prozent). Diese zusätzlichen Kapazitäten stehen derzeit - wie schon oben erwähnt - teilweise still. Vor allem in China.

Im Reich der Mitte erzielten die Autobauer in den letzten 20 Jahren einen Großteil ihrer Gewinne, wuchsen die Neuwagenverkäufe von 2013 bis 2017 jedes Jahr um zehn Prozent. Dementsprechend bauten die Hersteller ihre Produktions-Standorte aus - mit dem Ergebnis, dass derzeit Kapazitäten in Höhe von circa sechs Millionen Neuwagen in China brachliegen. Was die Anzahl der verkauften Neuwagen in der Volksrepublik angeht: 2017 betrug sie 24,171 Millionen. Im Jahr 2019 wird sie schätzungsweise auf 20,699 Millionen sinken - ein Absturz von 3,472 Millionen Einheiten, was 14,364 Prozent beträgt, also ein Siebtel.

Im weltweit größten Absatzmarkt China ist der Nachfrage-Rückgang damit am höchsten, aber auch fast überall sonst sind die Verkaufszahlen im Sinkflug begriffen. In elf der 15 größten Märkte (darunter die USA und Deutschland mit jeweils minus drei Prozent, Japan mit minus zwei Prozent, Italien und Kanada mit jeweils minus vier Prozent) geht der Absatz zurück, in zwei (Frankreich und Südkorea) bleibt der Absatz gleich, und nur in zwei (Spanien mit plus ein Prozent und überraschenderweise Großbritannien mit plus zwei Prozent) entwickelt sich der Absatz positiv. Die Türkei ist zwar kein so bedeutender Markt, aber wegen der Höhe des Nachfrage-Rückgangs sei dieser auch genannt: In den ersten vier Monaten dieses Jahres betrug er 47 Prozent.

Alle oben genannten Schätzungen für 2019 sind laut des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer vom „CAR-Institut“ konservativ. Mögliche weitere Faktoren, die zu einer Verschlechterung der weltweiten Konjunktur beitragen könnten - ein ungeordneter Brexit, die Verschärfung der Finanzkrise in Italien sowie Strafzölle auf Auto-Importe aus Europa in die USA - sind in die Zahlen nicht mit eingerechnet. Tritt ein solches Szenario - oder treten gar alle drei - ein, wird die Nachfrage-Krise noch weitaus dramatischere Dimensionen annehmen. Dudenhöffer spricht von der „Gefahr einer Weltautokrise“.

Natürlich sind auch die deutschen Autobauer betroffen. Und zwar massiv. Dudenhöffer schreibt: „Das Krisenszenario könnte kaum größer sein. Damit ist das Risiko groß, dass der Weltautomarkt im Jahr 2019 weiter unter die prognostizierten 79,5 Millionen Neuwagen fällt. Im Jahr 2019 wird durch politisch-konjunkturell bedingte Ereignisse der Automobil-Industrie wesentlich Ertrag und Liquidität entzogen. Die Industrie verfällt in einen Krisenmodus. Die großen Herausforderungen der nächsten Jahre - wie etwa der kostenintensive Hochlauf der Elektromobilität - verstärken den Druck. Die Autobauer sind gezwungen, in Europa nach 2021 im größeren Umfang Elektroautos zu vermarkten, um hohe Strafzahlungen zu vermeiden. Bei den derzeit diskutierten Preisen - wie etwa 29.900 Euro für einen elektrischen Opel Corsa-Einsteiger - wird man die notwendigen Verkaufsvolumen nicht erreichen. Also muss „quersubventioniert“ werden (darunter versteht man die finanzielle Unterstützung eines defizitären Bereichs eines Unternehmens durch einen profitablen Bereich - Anm. d. Red.). Das Jahr 2019 wird damit Ausgangspunkt einer neuen Krise der europäischen Autoindustrie.“

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