Politik

Die Billionen-Lüge: China kämpft gegen massive Inflation

Lesezeit: 2 min
04.09.2013 01:55
Eine Studie der HSBC Business School in Peking kommt zu dem Schluss, dass die offiziellen chinesischen Wirtschaftsstatistiken stark verfälscht sind. Die Inflation wurde wissentlich kleingerechnet, damit die Kennzahlen stimmen. Demnach dürfte das chinesische Bruttoinlandsprodukt etwa eine Billion US-Dollar zu hoch bemessen sein. Wenn diese Blase platzt, wird es sehr ungemütlich - für die Investoren aus aller Welt.
Die Billionen-Lüge: China kämpft gegen massive Inflation

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Investoren und Ökonomen ahnen es schon lange: Die chinesischen Wirtschaftsdaten sind zu gut, um wahr zu sein. Nun erhält diese Vermutung ein solides Fundament in Form einer Studie, die von Christopher Balding an der Universität von Peking HSBC Business School erarbeitet wurde. Demnach sind die Inflationsdaten der chinesischen Wirtschaft hochgradig verfälscht. Von diesen Daten leiten sich wiederum weitere ökonomische Kennzahlen ab, wie etwa das Bruttoinlandsprodukt. Dieses wurde, den konservativen Schätzungen von Balding zufolge, um mindestens acht bis zwölf Prozent zu hoch bemessen. Das sagte Balding den Deutschen Wirtschafts Nachrichten (komplettes Interview hier).

Die Studie trägt den vielsagenden Titel: „Wie sehr sind chinesische Wirtschaftsdaten verzerrt? Das Eröffnungsgebot liegt bei einer Billion US-Dollar“. Darin konzentrierte sich Balding zunächst auf die offiziellen Zahlen der Nationalen Behörde für Statistik China (NBSC). Sein Fokus liegt dabei besonders auf den Wohnkosten, da diese im Allgemeinen den größten Faktor in vielen Warenkörben ausmachen. Balding kommt schnell zu dem Schluss, dass die Basisdaten der Inflationsrate für den Wohnungsmarkt im großen Stil manipuliert sind.

Offiziellen Daten zufolge kamen private Hausbesitzer in chinesischen Stadtgebieten zwischen 2001 und 2011 in den Genuss einer Inflationsrate von relativ geringen sechs Prozent. Gleichzeitig schlug die Inflation auf Mieter in Stadtgebieten mit über 50 Prozent nieder. Die NBSC aber klassifiziert die meisten Haushalte in China als private Hausbesitzer, wodurch sie unter die geringere Inflationsrate fallen. Den Daten der NBSC zufolge wohnen lediglich zwölf Prozent der Chinesen zur Miete.

Darüber hinaus setzt die Behörde eine geradezu absurde Quote zur Verteilung der Bevölkerung in städtischen und ländlichen Regionen an. Obwohl im Jahr 2000 noch mehr als zwei Drittel der chinesischen Bevölkerung auf dem Land lebten, gewichtet die NBSC die Verteilung urbane und rurale Bevölkerung mit 80 zu 20 und verzerrt die Statistik dadurch weiter zu ihren Gunsten. Erst seit dem Jahr 2011 leben mehr Chinesen in den Städten (51 Prozent) als auf dem Land. Weiterhin behauptet die Behörde, dass die Wohnkosten in urbanen Regionen langsamer gestiegen sind als in ruralen Gebieten. Angesichts der Tatsache, dass viele Chinesen in dieser Zeit in die Städte gezogen sind und die Nachfrage nach Wohnraum dort stark gestiegen ist, erscheint diese Behauptung mehr als fragwürdig. Zudem gewichtet die NBSC die Wohnkosten im Warenkorb geringer als die Kosten für Kultur und Bildung oder die Kosten für Kleidung. Demzufolge, geben Chinesen mehr Geld für Schulen, Universitäten, Theaterbesuche und Kleidung aus, als für das Wohnen.

Und schließlich behauptet die NBSC, dass die Lebensmittelpreise für 99 Prozent der Inflation zwischen 2003 und 2011 verantwortlich seien. Das würde bedeuten, dass die einzigen Preisanstiege in diesem Zeitraum im Lebensmittelbereich lagen.

Um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen, bediente sich Balding der Daten der Abteilung für Bauwirtschaft an der Tsinghua Universität Peking und dem Institut für Immobilienstudien der Universität Singapur. Diesen Daten nach hat sich der Preis für Immobilien in 35 chinesischen Städten seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht. Damit liegt der tatsächliche Anstieg von Immobilien-Preisen mit 300 Prozent deutlich höher als die offiziell angegebenen acht Prozent. Das bedeutet, dass auch die Zahlen des Consumer Price Index (CPI, vergleichbar mit dem Warenkorb) sowie das inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt drastisch verzehrt sind. Letzteres sei, nach Abgleich der verschieden Daten, um mindestens 8 bis zwölf Prozent zu hoch angesetzt. In US-Dollar ausgedrückt würde das einer Überbewertung von einer Billion US-Dollar entsprechen.

Die Implikationen einer solchen Statistikfälschung sind kaum abzusehen. Diverse Finanzprodukte, Ratings und Investitionsentscheidungen basieren auf den Daten der NBSC.

Die China-Blase platzt.

Und sie ist offenbar noch viel größer, als selbst die Pessimisten angenommen haben

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Merkel saniert den Staatshaushalt über Niedrigzinsen, während Biden auf die Inflation setzen wird

Durch die Niedrigzinspolitik der EZB konnte der deutsche Staat seinen Haushalt sanieren. Die USA werden hingegen als neues Vehikel die...

DWN
Technologie
Technologie Erde dreht sich schneller um die eigene Achse als je zuvor

Wissenschaftler haben festgestellt, dass sich die Erde in letzter Zeit schneller um ihre Achse dreht als je zuvor.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB: Vorerst keine weitere Verschärfung des Anti-Krisen-Kurses

Im Dezember hat die Europäische Zentralbank im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise kräftig nachgelegt. Nun hält die...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschland muss zurück zur sozialen Marktwirtschaft

Der Raubtier-Kapitalismus führt zu massiver sozialer Kälte. Doch die Alternative, staatswirtschaftliche, im schlimmsten Fall...

DWN
Finanzen
Finanzen „Jeder vierte Selbstständige von Berufsunfähigkeit betroffen“

Selbstständige müssen noch mehr als Angestellte eine Berufsunfähigkeit fürchten, da sie in der Regel wenig Anspruch auf staatliche...

DWN
Politik
Politik „Für Impf-Freiheit“: Volksbegehren in Österreich hat bisher 120.000 Unterstützer

In Österreich wurde ein Volksbegehren „Für Impf-Freiheit“ eingeleitet. Das Volksbegehren konnte bisher 120.000 Unterstützer finden....

DWN
Unternehmen
Unternehmen EU kämpft sich bei gesetzlichen Regelungen für künstliche Intelligenz weiter vor

Für die Technologie fehlt immer noch der notwendige gesetzliche europäische Rahmen. Jetzt hat das EU-Parlament einen neuen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Dämpfer für Merkel: EU-Parlament kritisiert Pläne für Investitionsabkommen mit China

Das Europaparlament kritisiert das geplante Investitionsabkommen der EU mit China scharf. Den Deal, der Geheimklauseln enthält, hatten...

DWN
Finanzen
Finanzen Schlag gegen das Bargeld: EU-Kommission unterstützt Einführung eines digitalen Euro

Die EU-Kommission unterstützt Pläne der Europäischen Zentralbank zur Einführung des digitalen Euro. EU-Kommissionsvizepräsident Valdis...

DWN
Politik
Politik London will EU-Diplomaten nicht als Vertreter von Nationalstaaten behandeln – Brüssel ist erbost

Die britische Regierung will der EU-Vertretung in London nicht den üblichen diplomatischen Status gewähren. Denn dadurch müssten die...

DWN
Politik
Politik Feuer beim weltgrößten Impfstoffproduzenten in Indien - Fünf Tote

In einem Gebäude des weltweit größten Impfstoffproduzenten in Indien ist am Donnerstag ein Großfeuer ausgebrochen. Dabei starben...

DWN
Politik
Politik Fast ein Drittel der US-Amerikaner lehnt eine Impfung ab

Etwa ein Drittel der US-Amerikaner beäugen Impfstoffe mit Argwohn. Besonders hoch ist die Ablehnung dann, wenn es um einen Impfstoff aus...

DWN
Politik
Politik Offizieller Kindesmissbrauch in Kitas? Merkel-Regierung will kein bundesweites Verbot von „Original Play“

Die Bundesregierung will angeblich die Rechte von Kindern stärken und hat dafür eine Änderung des Grundgesetzes auf den Weg gebracht....

DWN
Panorama
Panorama Alchemie: Die überlegene Mutter der Wissenschaften

Die Vorstellung von Alchemisten als lediglich fehlgeleitete Forscher, die vergeblich versuchten, Gold herzustellen, ist das Gegenteil der...