Wirtschaft

Die heimliche Kali-Macht des weißrussischen Präsidenten

Lukaschenko will die Kontrolle über den strategisch wichtigen Düngermarkt erreichen.
05.09.2019 14:21
Aktualisiert: 05.09.2019 14:36
Lesezeit: 3 min
Die heimliche Kali-Macht des weißrussischen Präsidenten
Die Erzeugung von Lebensmitteln ist eines der wichtigsten Probleme, die man lösen muss. Denn die Weltbevölkerung wird laut UN massiv wachsen. Foto: dpa Foto: Sergei Grits/Pool

Eines der wichtigsten Probleme überhaupt, die gelöst werden müssen, ist die Frage, wie man die stark wachsende Weltbevölkerung künftig ernähren kann. Die Vereinten Nationen (UN) gehen davon aus, dass die Erdbevölkerung bis 2050 um mehr als ein Drittel auf fast zehn Milliarden Menschen steigt. Die Weltorganisation schätzt, dass sich deswegen die Produktion von Lebensmitteln sogar verdoppeln muss. Folglich wird die Branche eine riesige Anpassungsleistung vollbringen müssen, um den nahezu explodierenden Bedarf zu decken.

Eine Grundlage dafür ist Saatgut, für dessen Herstellung Kalisalz benötigt wird. Was viele nicht wissen: Einer der größten Produzenten, der einen starken Einfluss auf die Welt-Produktion des lebensnotwendigen Grundstoffs ausübt, ist Weißrussland. Der osteuropäische Staat liegt weltweit bei der Produktion auf dem dritten Platz, wie aus aktuellen Statistiken des wissenschaftlichen Instituts USGS hervorgeht. Das Land gilt im Westen als "letzte Diktatur Europas" und wird vom weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko mit harter Hand geführt.

Lukaschenko will Produktion um ein Drittel erhöhen

Doch jetzt will Lukaschenko, gegen den die EU seit 2006 wegen Menschenrechtsverletzungen Reisebeschränkungen verhängt hat, seine Macht am Kali-Markt noch weiter ausbauen. Deshalb errichtet er gemeinsam mit dem russischen Oligarchen Michail Guzerijew eine neue Produktionsstätte mit Zechen, Kraftwerk und Wohnungen für die Beschäftigten in der Nieschinski-Region – ganz im Süden des Landes, das etwa 60 Prozent der Fläche Deutschlands einnimmt.

Die Fabrik soll von der weißrussischen Firma „Slawkalij“ betrieben werden, die Guzerijew gehört. „Ich gehe davon aus, dass die Anlage bis Ende 2022 fertig gestellt sein wird“, sagt Guzerijew. „Darüber hinaus dürfte sie bereits zwei Jahre später einen Gewinn von 600 Millionen Dollar erreichen“, zitiert das weißrussische Wirtschaftsportal „Belrynok“ den Milliardär.

Hintergrund: Das Projekt wird schon seit einigen Jahren gebaut. Das Investitionsvolumen liegt bei zwei Milliarden Dollar, das zu 70 Prozent mit Krediten einer chinesischen Bank finanziert wird. Die Fabrik wird den Planungen zufolge pro Jahr zusätzliche zwei Millionen Tonnen herstellen.

Das wäre ein spürbarer Beitrag für die weißrussischen Produktion, die derzeit bei etwa 7,1 Millionen Tonnen liegt. Damit würde sich die jährliche Herstellung um fast ein Drittel erhöhen und Weißrussland auf der Welt-Rangliste auf den zweiten Platz vorrücken. „Wir wollen die Bedingungen am Markt diktieren“, zeigte sich Lukaschenko selbstbewusst.

Aktuell liegt das Land auf dem dritten Rang – gleich hinter Russland mit 7,5 Millionen Tonnen und Kanada mit 12 Millionen Tonnen. Auf dem vierten Platz landete China (13 Prozent oder 5,5 Millionen Tonnen), gefolgt von Deutschland (sieben Prozent oder 2,9 Millionen Tonnen) mit seinem börsennotierten Produzenten K+S aus Kassel. Den Rest steuern andere Staaten bei – unter anderem Spanien und die USA.

Wert des Weltmarktes bei zwölf Milliarden Dollar

Die USGS geht davon aus, dass im vergangenen Jahr die Weltproduktion bei rund 42 Millionen Tonnen gelegen hat. Nach damaligen Preisen lag der Wert des gesamten Marktes zwischen elf und zwölf Milliarden Dollar. Und der dürfte weiter massiv steigen.

Daran hält Weißrussland bereits jetzt schon einen gewichtigen Teil, der vom staatlich kontrollierten Konzern Belaruskalij produziert wird – einem der größten Kali-Hersteller der Welt. Das Unternehmen liegt in der zentralweißrussischen Bergbau-Stadt Salihorsk und generiert jährliche Umsätze zwischen zwei und drei Milliarden Dollar. Der Produzent ist einer der größten Arbeitgeber des Landes, bei dem sich rund 20.000 Mitarbeiter auf den Lohnlisten befinden.

Auch hier hat Lukaschenko aufgerüstet, wenn auch im kleineren Umfang als bei „Slawkalij“. Der Hersteller hat gerade im Juli den Bau einer neuen Produktionsstätte beendet. Die Kapazität liegt bei mehr als 280.000 Tonnen. Und auch hier hat Lukaschenko auf chinesische Unterstützung zurückgegriffen. Denn der Partner bei diesem Projekt war die chinesische Firma Migao Corporation.

Wichtig: Der Kali-Riese liefert seine Produkte auch nach West-Europa und nach Deutschland. Das Handelsvolumen hat in den vergangenen Jahren teilweise erheblich geschwankt und lag bei etwa 25 Millionen Euro. Die gesamten Einfuhren betrugen etwa 500 Millionen Euro, wie die Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI berichtet.

Jetzt will der Dünger-Riese Belaruskalij erstmal eine kurze Atempause einlegen. So wird der Hersteller im September und Oktober seine Produktion für zwei Monate verringern, um die Maschinen und Anlagen zu warten. Für einen Industriekonzern ist es normal, dass das Unternehmen ab und an seine Leistung zurückfährt, um die Geräte zu warten und reinigen. Am ambitionierten Ziel von Lukaschenko, den wichtigen Kali-Markt unter Kontrolle zu bekommen, wird das nichts ändern. Auch Deutschland muss das osteuropäische Land in den kommenden Jahren noch mehr beobachten als bisher.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Immobilien
Immobilien Sachwert, Ertragswert, Vergleichswert: Wie Profis eine Immobilie bewerten
11.10.2026

Wer eine Immobilie kaufen möchte, sollte sich mit dem Vokabular rund um den Wert der Immobilie auskennen. Was Sachwert, Ertragswert und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft E-Auto kaufen oder leasen? Der Fünf-Minuten-Check
11.10.2026

Ein E-Auto kaufen klingt einfacher, als es ist. Reichweite, Laden, Leasing, Garantien und eine Fülle neuer Technik können Einsteiger...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schutzmaßnahmen wegen KI: Deutsche Firmen auf KI-Angriffe unzureichend vorbereitet
11.10.2026

Etwa jeder zweite Betrieb nutzt Künstliche Intelligenz. Spezielle Prozesse, um das eigene Unternehmen gegen KI-gestützte Cyberangriffe zu...

DWN
Technologie
Technologie Bekannter Allrounder: 80 Jahre Unimog - wichtiger denn je?
11.10.2026

Der Unimog ist ein Allrounder: Einst auf dem Acker zur Kartoffelernte, heute bei Kommunen, Feuerwehr oder dem Militär im Einsatz. Warum er...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Krise der deutschen Automobilindustrie: Wo geht die Reise hin?
11.10.2026

Die deutsche Automobilindustrie, das historische Rückgrat des nationalen Wohlstands, steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...