Politik

Ruanda-Plan: Die EU evakuiert Flüchtlinge in die Fänge eines Diktators

Die EU will Flüchtlinge aus Libyen nach Ruanda evakuieren, um den Zuzug nach Europa einzudämmen. Doch in Ruanda herrscht ein diktatorischer Präsident, der besonders brutal im Umgang mit Migranten ist.
13.09.2019 11:23
Aktualisiert: 13.09.2019 11:25
Lesezeit: 2 min

Hunderte afrikanische Flüchtlinge und Asylsuchende, die in libyschen Haftanstalten gefangen sind, werden im Rahmen einer Vereinbarung der Afrikanischen Union nach Ruanda evakuiert. Die erste Gruppe von 500 Personen, darunter Kinder und Jugendliche aus Somalia, Eritrea und dem Sudan, wird voraussichtlich in den kommenden Tagen in Ruanda eintreffen. Die Maßnahme ist Teil eines “Notfall-Transit-Mechanismus”, mit dem gefährdete Personen in Haftanstalten evakuiert werden sollen. Dieser sogenannte Ruanda-Plan geht zurück auf das Bestreben Brüssels, den Zuzug von Flüchtlingen in Richtung Europa einzudämmen, berichtet die New York Times.

Die UNHCR meldet in einer Mitteilung: “Gegenwärtig sind mehr als 3.600 Flüchtlinge und Asylsuchende in libyschen Haftanstalten inhaftiert, von denen viele dem Risiko schwerer Misshandlungen und der Gefahr wahlloser Kämpfe ausgesetzt sind. Anfang Juli wurden mehr als 50 Flüchtlinge und Migranten bei einem Luftangriff auf das Tajoura-Internierungslager östlich der libyschen Hauptstadt Tripolis getötet. Im ganzen Land sind die Bedingungen in Haftanstalten schlecht.”

Babar Baloch, UNHCR-Sprecher in Genf, sagte dem Guardian zufolge, die Vereinbarung sei ein “Rettungsmechanismus”, der es gefährdeten Personen ermöglicht, an einen Ort der Sicherheit zu gelangen. “Dies ist eine Erweiterung der humanitären Evakuierung, um Leben zu retten (...) Der Fokus liegt auf denen, die in Libyen gefangen sind. Wir haben gesehen, wie schrecklich die Bedingungen sind, und wir möchten sie aus dem Weg räumen”, so Baloch.

Den Ruanda-Plan hatte ursprünglich der ruandische Präsident Paul Kagame ins Gespräch gebracht. Damit will Kagame sich die finanzielle Unterstützung europäischer Geberländer sichern. “Trotz der Anzeichen eines zunehmenden Autoritarismus wurde Kagame 2017 mit 99 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Ausländische Geber finanzieren weiterhin rund 35 Prozent des ruandischen Haushalts”, schreibt die Financial Times.

Politico kritisierte im Jahr 2014: “Was man über den ruandischen Präsidenten Paul Kagame wissen muss, ist nicht nur, dass er ein Diktator ist, der für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist, sondern dass er trotzdem sehr viele Freunde hat. Kagame, dem das Kommando über die Rebellentruppe zugeschrieben wird, die vor 20 Jahren Ruandas Völkermord beendet hatte, hat sich zu einer weltweiten Berühmtheit gemacht. Bill Clinton bezeichnet ihn als einen der ,größten Führer unserer Zeit’. Tony Blair nennt ihn einen ,Visionär’. Bill Gates arbeitet eng mit ihm zusammen. Kagame sprach in Harvard und wurde an einer Reihe von Universitäten in den USA und in Europa mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.”

“In Ruanda gibt es absolut keinen Raum für Dissens. Du stimmst zu, du akzeptierst Kagames oberste Macht, oder du gehst”, zitiert die Nachrichtenagentur AP die britische Autorin Michela Wrong.

Der Umgang mit Flüchtlingen in Ruanda ist besonders brutal. Im Februar 2018 setzte die ruandische Polizei exzessive Gewalt ein und feuerte scharfe Munition ab, um eine Demonstration von mehreren tausend kongolesischen Flüchtlingen zu unterdrücken, die gegen die Lagerbedingungen und eine Kürzung der Lebensmittelrationen im Bezirk Karongi in der westlichen Provinz protestierten. Einige der unbewaffneten Flüchtlinge warfen Steine auf die Polizei. Während die Polizei angab, fünf Flüchtlinge getötet zu haben, gab die Flüchtlingsorganisation UNHCR öffentlich bekannt, dass mindestens elf Flüchtlinge erschossen wurden, und forderte eine unabhängige Untersuchung. Human Rights Watch erhielt Zeugenaussagen von Überlebenden, aus denen hervorgeht, dass mindestens zwölf Flüchtlinge getötet wurden und mehrere weitere noch vermisst und für tot befürchtet wurden.

Im Mai 2018 kam es im Flüchtlingslager Kiziba erneut zu Zusammenstößen, wobei ein Flüchtling starb und mindestens 42 weitere verhaftet wurden.

Die EU-Staaten wissen sehr wohl, dass die aktuelle Situation der Flüchtlinge in Ruanda desaströs ist. Sie sind nicht nur der Gewalt durch die Sicherheitsbehörden ausgesetzt, sondern auch ihre Versorgung wird nicht garantiert. Sollte Kagame erneut Geld von europäischen Geberländern erhalten, um Flüchtlinge aus Libyen aufzunehmen, gebe es keine Garantie dafür, dass die Gelder auch wirklich den Flüchtlingen zugute kommen. Die EU will offenbar um jeden Preis den Zuzug von Flüchtlingen über das Mittelmeer stoppen, anstatt eine ernsthafte Politik der Fluchtursachen-Bekämpfung zu betreiben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen Pest-Verdacht in Russland treibt meine Aktie plötzlich zweistellig nach oben
06.10.2026

Die Aktie, die ich vergangene Woche noch als obskur bezeichnet hatte, ist um fast 13 Prozent gestiegen.

DWN
Technologie
Technologie Deutsche Bahn: Per 5-Jahres-Plan endlich pünktlich ans Ziel?
06.10.2026

Marode Gleise und unpünktliche Züge belasten den Bahnverkehr in Deutschland. Ein neuer Infraplan soll verbindliche Ziele setzen und die...

DWN
Politik
Politik Staatshaushalt: Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2026 von fast 99 Milliarden Euro
06.10.2026

Der deutsche Staat gibt deutlich mehr aus, als er einnimmt: Die öffentlichen Haushalte verzeichnen im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Eine Anlage, der ich keinen Erfolg wünsche
06.10.2026

Alpha Pro Tech ist klein, langweilig und an der Börse meist nahezu unsichtbar. Doch sobald eine Gesundheitskrise ausbricht, können Umsatz...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreichs Schulden treiben den Euro in die Krise
06.10.2026

Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 17 Monaten, während Frankreichs Schuldenkrise die Finanzmärkte verunsichert. Warum Experten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
06.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Technologie
Technologie Warum Fernwärme nicht überall funktioniert
06.10.2026

Fernwärme soll ein wichtiger Baustein der Wärmewende werden – doch nicht jedes neue Netz ist wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend sind...

DWN
Politik
Politik Nicht nur das BSW verhilft AfD-Mann zum Posten des Landtagspräsidenten
06.10.2026

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent der Stimmen gewonnen und wird mit Tobias Rausch nun auch den...