Finanzen

Der neuerliche Verrat an der „Generation Praktika“

Lesezeit: 5 min
20.09.2019 14:05  Aktualisiert: 20.09.2019 14:11
Der sich anbahnende Abschwung zeigt sich inzwischen bei ersten Großkonzernen, welche in bedeutendem Umfang Stellen abbauen. Während dort die Träume gut ausgebildeter Berufseinsteiger platzen, wird der Mittelstand und seine großen Potentiale von der Politik behindert.
Der neuerliche Verrat an der „Generation Praktika“

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Die Meldungen über tausende Kündigungen kommen im Staccato von großen Industrieunternehmen und Banken. Gelegentlich lautet die Meldung anders, irgendwie freundlicher. Etwa: Personalabbau über den natürlichen Abgang, also über das Nicht-Ersetzen von Mitarbeitern, die den Betrieb in die Rente oder anderswo hin verlassen. Oder sanfte Reduktion der Belegschaft mit Hilfe von Schecks, die zum freiwilligen, einvernehmlichen Abgang animieren sollen. Die Richtung ist aber eindeutig, die Großbetriebe sind auf dem Rückzug.

Aus dem Praktikum in den Luxus und nun zum Arbeitsamt

Die Hoffnung vieler Arbeitnehmer, die Beschäftigung in einem Konzern bedeute Sicherheit, erweist sich als trügerisch. Dies gilt für alle Ebenen, vom Vorstand bis zu den Hilfskräften. Die Entwicklung ist für alle bedrohlich. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt jener Gruppe, die seit den neunziger Jahren als „Generation Praktika“ Schwierigkeiten hatte und vielfach immer noch hat, gut bezahlte Vollzeitjobs zu erobern. Mittlerweile muss man schon von mehreren „Generationen Praktika“ sprechen. Es betrifft vor allem gut ausgebildete Akademiker, die nicht selten mehrere Studien absolvieren, aber keinen Job finden. Besonders wichtig war und ist, wie eine Studie aus Frankreich belegt, eine Intervention von einflussreichen Verwandten oder Gönnern.

In letzter Zeit hat sich die Lage entschärft. Vor allem die Arbeitsmarktstatistik in Deutschland gab Anlass zu Optimismus. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern war bis 2018 auf 2 Prozent, also auf ein extrem niedriges Maß gesunken. Und diese Gruppe trifft nun auch die Kündigungswelle der Großbetriebe. Es waren ursprünglich diejenigen, die in den neunziger Jahren zwischen zwanzig und dreißig waren, die nun im Alter zwischen vierzig und fünfzig sich in einer wirtschaftlich schwächeren Phase neu orientieren müssen. Nicht zu unterschätzen ist der Umstand, dass die Konzerne hohe Gehälter zahlen, man muss nun immer häufiger sagen, zahlten, und die hochqualifizierten Kräfte mit Annehmlichkeiten wie etwa einem teuren Dienstwagen verwöhnten.

Große Organisationen sind tückischen Gefahren ausgesetzt

Wie kommt es, dass die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik eine der interessantesten Gruppen der Bevölkerung immer wieder verrät. Die Ursachen sind vielfältig und liegen auch bei den Betroffenen selbst, doch zuerst zu den bedrohlichen Rahmenbedingungen:

- Das Hauptproblem liegt im Wesen von Großbetrieben, die nur im Rahmen einer ausgeklügelten Organisation funktionieren, die aber sehr leicht zu einer trägen Bürokratie werden kann.

- In erstarrenden Strukturen entwickeln sich nicht selten mächtige Personen, die wissen, wie man sich in einer Sozialstruktur behauptet. Diese Art Führungskräfte sind keine Förderer von aufmüpfigen Querdenkern.

- Wenn ein Unternehmen länger ohne größere Krisen funktioniert, setzt sich nicht selten die Neigung durch, möglichst bequeme Mitarbeiter zu haben. Und diese gefährliche Tendenz findet man auf allen Ebenen, sogar bei manchen Aktionären und Aufsichtsräten, die „angenehme“ Vorstände bevorzugen.

- Die genialen Unternehmer-Persönlichkeiten bestimmen in der Anfangsphase eines Unternehmens. In satten Konzernen wird man in zu vielen Fällen eher Managern begegnen, die an die Ableitung der Bezeichnung aus dem Lateinischen mahnen: Manu agere, mit der Hand werken. So unverzichtbar solide Handwerker auch in den Vorstandsetagen sind, derzeit braucht man dringend Kreative, Genies, Chaoten, die angesichts der Wende in allen Bereichen die Zukunft gewinnen.

- Die Politik kann zumeist mit diesen Spannungen wenig anfangen. Somit werden Maßnahmen getroffen, die Arbeitsplätze sichern. Arbeitsplätze, die sich nicht rechnen, können aber auch nicht mit Subventionen und gesetzlichen Regelungen vor dem Untergang bewahrt werden. Derartige Maßnahmen verzögern nur den Prozess und lösen Kosten aus, die man besser in die Zukunft investieren sollte.

Sozialprestige und Work-Life-Balance sind keine guten Begleiter

  • Doch auch die Mitglieder der mittlerweile schon mehreren Generationen Praktika sind an der Problematik nicht ganz unschuldig. Stark verbreitet ist der Wunsch, doch rasch in einem großen Unternehmen, möglichst mit internationalen Aktivitäten, angestellt zu sein.
  • Da winkt das Sozialprestige: Man ist bei einer Firma beschäftigt, die jeder kennt. Die bereits angesprochenen Gagen und Benefizien reizen ebenfalls, zudem gelten die Konzerne als unsinkbar. Den kleinen und mittleren Unternehmen steht man skeptisch gegenüber. Und nicht zuletzt: Der Aufbau eines eigenen oder die Übernahme eines bestehenden Betriebs erscheint wenig reizvoll, wenn man die Belastungen berücksichtigt.
  • Der Dauereinsatz der eigenen Person steht im Gegensatz zum Streben nach Lebensqualität und der viel zitierten „Work-Life“-Balance. Aber auch jene, die den persönlichen Einsatz nicht scheuen und KMU positiv beurteilen, sehen die Belastungen aus den überbordenden Regulierungen, beträchtlichen Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen sowie arbeitsrechtlichen Vorschriften als Bürden, die sich als Rädchen oder Rad im Getriebe eines Großbetriebs leichter tragen lassen.
  • Die Universitäten pflegen die Illusion, ein Abschluss, vor allem ein Abschluss einer Universität, die auf den internationalen Ranglisten weit oben prangt, sei eine Arbeitsplatz-Garantie. Die Personalchefs der großen Konzerne würden sich bei den letzten Prüfungen mit den fertigen Verträgen anstellen. Davon ist leider kaum noch die Rede. Den Absolventen kann man den Vorwurf nicht ersparen, dass sich viele von der akademischen Welt in Sicherheit wiegen lassen und weniger die Realität zur Kenntnis nehmen.

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2019 geschrumpft

Die Kündigungen der Großunternehmen demonstrieren eine defensive Geschäftspolitik, eine offensive, die über neue Aktivitäten zum Erfolg führen könnte, ist nicht sehr oft anzutreffen. Man sucht das Heil vor allem in Sparmaßnahmen, die die Überwindung der sich abzeichnenden Rezession ermöglichen sollen. Die gute Konjunktur der zwei vergangenen Jahre erweist sich als Aufholprozess nach der langen Flaute, die im Gefolge der Finanzkrise ab 2008 dominiert hatte. Die Schrumpfung der deutschen Wirtschaftsleistung, wenn auch nur um 0,1 Prozent im zweiten Quartal 2019, ist ein Alarmsignal für den ganzen Kontinent. Die Hoffnung, dass es sich nur um eine Delle im Konjunkturverlauf handelt, ist unrealistisch.

Zu deutlich sind die strukturellen Probleme, die allerdings weniger sichtbar wären, gäbe es keinen Handelskrieg zwischen den USA und China, keinen Ölkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, keine Krise in Südamerika, keine die Wirtschaft lähmende Politik in Russland und in der Türkei und andere Störfaktoren.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit muss der Umstand stehen, dass Großunternehmen meist Schwierigkeiten haben, eine aktive und erfolgreiche Innovationspolitik zu betreiben. Gekaufte Start-ups verlieren nicht selten in den Großbetrieben ihre Dynamik. Unter diesen Umständen sollte man die viel gerühmten, aber von der Politik unterschätzten und vernachlässigten KMU stärker beachten.

Das Potenzial der Kleinen und Mittleren Unternehmen

Die Kleinen und Mittleren Unternehmen sind europaweit der dominierende Faktor, wobei die Situation am deutschen Beispiel illustriert sei:

99,5 Prozent der Unternehmen sind so genannte KMU, also kleinere und mittlere Unternehmen mit einer Belegschaft von weniger als 500 Mitarbeitern. Diese bei weitem dominierende Gruppe beschäftigt fast 60 Prozent der sozialversicherten Arbeitnehmer, 40 Prozent arbeiten in den großen Firmen.

Die meisten Analysen attestieren den KMU eine höhere Flexibilität und somit eine bessere Fähigkeit, mit den aktuellen Herausforderungen fertig zu werden. Das zeigt sich an den Daten: Die KMU erzielen zwar nur 35 Prozent der Umsätze und 17 Prozent der Exporterlöse, aber 54 Prozent der Nettowertschöpfung. Auf die KMU entfallen nur 12 Prozent der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, aber sie nützen die neuen Entwicklungen mit hoher Effektivität. 82 Prozent der Auszubildenden arbeiten in KMU.

Der Erfolg ist messbar: Nur mit einer dynamischen Anpassungsfähigkeit kann man bei geringeren Umsätzen und einer bescheidenen Förderquote eine hohe Nettowertschöpfung erzielen. Wer die Hauptlast der Ausbildung trägt, hat in Zukunft die besseren Mitarbeiter. Nur: Viele KMU sind als Zulieferer von den Großbetrieben abhängig. Somit wird sich die defensive, restriktive Geschäftspolitik der Großen auch auf diese Gruppe auswirken.

Problematisch ist zudem die Grenze, die die Statistik bei 500 Mitarbeitern ansetzt. Auch ein Unternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten muss eine vielschichtige Organisation aufweisen, die bremsend wirken kann.

Die Politik belastet den Mittelstand, statt die KMU zu fördern

Die nahe liegende Schlussfolgerung wäre eine umfassende Politik zugunsten der KMU, von denen viele das Zeug haben, die Großen der Zukunft zu werden. Doch was geschieht in der Praxis?

Das zentrale Problem ist Belastung durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. An zweiter Stelle stehen die Schwierigkeiten bei der Finanzierung. Zwar geben etwa 50 Prozent der Betriebe an, keine größeren Probleme bei der Aufnahme von Krediten zu haben, doch bedeutet diese Auskunft, dass die anderen 50 Prozent nur schwer zu Finanzierungen kommen.

Leider ist auch die positive Auskunft problematisch: Die Kreditbremse durch Regulierungen hat viele dazu veranlasst, möglichst ohne Kredite auszukommen. Diese Haltung lässt zwar die Unternehmer ruhig schlafen, bedeutet aber, dass Chancen nicht genützt werden, ergibt also eine Wirtschaftsbremse. Bei vielen ist die Nachricht noch nicht angekommen, dass bis 2021 die Kreditregeln noch drastisch verschärft werden. Eine dramatische Bedeutung haben bereits die zahlreichen Regulierungen erreicht, die die Unternehmen in allen Bereichen bremsen.

Die moderne Technik von der IT im Büro bis zu den neuen Produktionstechniken und weiter zu den internationalen Kommunikationsmöglichkeiten, die einen globalen Verkauf erleichtern, schaffen eine neue Welt. Eine Welt, die die so genannte Kleinunternehmen in die Lage versetzen, sensationelle Erfolge zu erzielen. Nur: Auf dem Rücken dieses Mittelstands tobt sich die Politik mit allen Belastungen aus, statt alle nur erdenklichen Erleichterungen zu schaffen und so die jungen, kreativen, gut ausgebildeten Querköpfe für die Eroberung der Zukunft zu gewinnen.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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