Piraterie bleibt auch im 21. Jahrhundert ein Problem

 

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26.10.2019 11:40  Aktualisiert: 26.10.2019 12:08
Auch im 21. Jahrhundert sorgen Piraten noch für Angst und Schrecken. Der totgeglaubte Mythos ist längst noch nicht verschwunden, wie aktuelle Geschehnisse zeigen.
Piraterie bleibt auch im 21. Jahrhundert ein Problem
Illustration: Timo Würz

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Wie der letzte Bericht des International Maritime Bureau (IMB) zeigt, einer seit 1992 tätigen Abteilung der Internationalen Handelskammer, ist Piraterie noch immer aktuell. Demnach gab es allein in der ersten Jahreshälfte 78 Fälle von Piraterie und bewaffnete Raubüberfälle auf Schiffe. Piraten haben dabei insgesamt 57 Schiffe geentert, eine Person getötet, 38 Besatzungsmitglieder als Geiseln genommen und 37 weitere Personen zur Erpressung von Lösegeld entführt. Und die Dunkelziffer ist deutlich höher, da Reedereien die Vorfälle oftmals nicht melden, um höhere Versicherungsprämien sowie den möglichen Imageschaden zu vermeiden.

Zwar gehören Europa und die westliche Welt insgesamt seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr zu jenen Teilen der Welt, wo Piraten ungestraft operieren können, doch europäische Schiffe sind weiterhin sehr wohl von dem Problem betroffen. Dies zeigt der bewaffnete Überfall auf ein deutsches Containerschiff, das am 1. April im Pazifik vor der Küste von Ecuador unterwegs war.

In dem IMB-Bericht heißt es dazu: „Der Diensthabende an Bord des Schiffes bemerkte ein sich schnell bewegendes Ziel auf dem Radar, das sich von hinten näherte. Die Besatzung wurde gewarnt und beide Scheinwerfer auf das sich nähernde Boot gerichtet. Ein zweites Boot wurde bemerkt. Ein Boot mit etwa zehn Personen mit Enterhaken folgte dem Schiff. Das andere Boot näherte sich dem Schiff von der Steuerbordseite und versuchte, eine ausfahrbare Leiter an der Schiffsreling zu befestigen. Der Steuermann informierte Hafenkontrolle und Küstenwache. Die Personen feuerten ein paar Schüsse auf die Suchscheinwerfer, sodass sich die gesamte Besatzung auf die Brücke und in die Unterkünfte zurückzog. Später brachen die Boote den Versuch ab und entfernten sich. Alle Besatzungsmitglieder sind in Sicherheit.“

Nur einen Monat später kam es ebenfalls in Südamerika zu einem weitaus weniger glimpflichen Vorfall. In der Karibik vor der Küste von Panama enterten Piraten ein verankertes Boot mit einer vierköpfigen Familie an Bord, darunter zwei Kinder. Sie erschossen ein Familienmitglied und verletzten ein weiteres, so der IMB-Bericht. Vorfälle von gewaltsamen bewaffneten Überfällen auf vor Anker liegende Schiffe gab es auch in Peru, Venezuela und Brasilien.

Doch nicht Südamerika ist derzeit führend im Hinblick auf Piraterie, sondern Westafrika. Laut IMB haben in der ersten Jahreshälfte weltweit 73 Prozent aller Entführungen und 92 Prozent aller Geiselnahmen auf See im Golf von Guinea stattgefunden. Bewaffnete Piraten in diesen gefährlichen Gewässern entführten in der ersten Jahreshälfte 27 Besatzungsmitglieder. Entführt wurden zwei Chemikalientanker sowie ein Schlepper, der dann bei einem weiteren Angriff eingesetzt wurde. Von den neun Schiffen, auf die weltweit in der ersten Jahreshälfte geschossen wurde, befanden sich acht vor der Küste Nigerias, dem größten afrikanischen Ölproduzenten. Diese Angriffe fanden im Durchschnitt 65 Seemeilen vor der Küste statt, weshalb sie als Piraterie gelten.

Zwar werden viele Piratenangriffe nicht gemeldet, doch die 21 bekannten Vorfälle in Nigeria im ersten Halbjahr 2019 sind weniger als die 31 Vorfälle im ersten Halbjahr 2018. Der Rückgang ist laut IMB auch darauf zurückzuführen, dass die nigerianische Marine jetzt konsequent Patrouillenboote entsendet, wenn Vorfälle gemeldet werden. Auch Marineschiffe aus Äquatorialguinea und Spanien greifen in der Region ein, so im Mai, als vor der Küste von Äquatorialguinea ein nigerianischer Schlepper entführt wurde. Die Piraten nutzten diesen Schlepper für einen Angriff auf einen maltesischen Schwerlaster. Die Besatzung zog sich in die Festung des Schiffes zurück, einen sicheren Raum zum Schutz vor Angreifern. Als die Marineschiffe sich näherten, verließen die Piraten das Schiff, die Besatzung blieb unverletzt. „Die Früherkennung eines sich nähernden verdächtigen Schiffes ist der Schlüssel zur Verhinderung von Angriffen. Sie verschafft Zeit, um Alarm zu schlagen und sich im Notfall in einen Schutzraum zurückzuziehen“, sagte ein Sprecher des IMB.

Der dritte Hotspot für Piraterie neben Südamerika und Westafrika ist Südostasien. In den indonesischen Gewässern wurden im ersten Halbjahr insgesamt elf Fälle gemeldet – der niedrigste Wert seit 2009. Die Philippinen und Malaysia meldeten je drei Fälle. So wurden In Malaysia im Juni die zehn Besatzungsmitglieder zweier Fischerboote entführt.

Auch das Horn von Afrika, das in den Indischen Ozean ragt, war einst massiv von Piraterie betroffen. Vor mehr als zehn Jahren wurden die Probleme so stark, dass die dänische Reederei A. P. Møller-Mærsk, das zweitgrößte Logistikunternehmen der Welt, bekannt gab, seine Tanker würden nicht mehr durch Suezkanal fahren, sondern stattdessen den weiten Umweg um ganz Afrika herum. Andere Reedereien folgten diesem Schritt, sodass im folgenden Jahr rund 20.000 Schiffe diese lange Route um das Kap der Guten Hoffnung im Süden Afrikas nehmen mussten, die einst vor der Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 der übliche Seeweg von Europa nach Asien war.

Auf dem Höhepunkt der somalischen Piraterie im Januar 2011 befanden sich 736 Geiseln und 32 Schiffe im Besitz von Piraten. Bis Oktober 2016 sanken diese Zahlen auf null. Auch im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden laut IMB keinerlei Fälle von Piraterie mehr gemeldet, nach insgesamt fünf Fällen in den beiden Jahren zuvor. Längst ist die Verbindung von Europa nach Fernost durch den Suezkanal, das Rote Meer, den Golf von Aden und das Arabische Meer wieder eine vergleichsweise sichere Schiffsroute.

Zu der erhöhten Schiffssicherheit vor der Küste Somalias in den letzten Jahren hat vor allem auch die multinationale Operation Atalanta der Europäischen Union beigetragen, die unter deutscher Beteiligung seit Ende 2008 in der Region im Einsatz ist.

Peter Lehr, Experte für maritimen Terrorismus an der schottischen Universität Saint Andrews, hat gerade eine Geschichte der Piraterie veröffentlicht, in der er die Zeit von den Wikingern bis zu den heutigen Räubern vor der Küste von Somalia beschreibt. Seinen Untersuchungen zufolge geht es den Piraten sowohl früher als auch in der heutigen Zeit oft nicht darum, reich zu werden, sondern um das blanke Überleben. Piraten hätten oft das Gefühl, dass sie keine andere Wahl haben. Andererseits gebe es aber auch jene Piraten, die mit äußerster Brutalität vorgehen und zum Beispiel auch Frauen vergewaltigen.

Dem Autor zufolge haben die Geschichten über Piraten kaum etwas mit der Realität zu tun. Die Piraten in den Geschichten wirkten wie soziale Banditen, wie Robin Hoods der Meere. Sie würden als liebenswerte Schurken dargestellt, wie Jack Sparrow in dem Film „Fluch der Karibik“. In manchen Fällen könnte das der Fall sein, aber viele Piraten – damals wie heute – würden ihre Opfer auch foltern und abschlachten.

Die Gewässer würden heute so stark patrouilliert, dass es kaum noch Piraten auf hoher See gebe, so Lehr weiter. Normalerweise würden Piraten küstennahe Schiffe angreifen. Zudem sei der Einsatz großer Schiffe heute nahezu unmöglich. Überall gebe es Hubschrauber, Aufklärungsflugzeuge und Radarsysteme, vor denen sich die Piraten in Acht nehmen müssen. Und um ihre kleinen Schiffe nicht zu überladen, könnten sie keine Maschinengewehre einsetzen, sondern lediglich große Messer, Sturmgewehre und raketengetriebene Granaten.

Die Piraterie gebe es auch heute noch, weil es für manche Länder einfacher sei, die Augen vor dem Problem zu verschließen, oder weil sie nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, um vor ihrer Küste zu patrouillieren.

Man hört in Europa nicht viel über die brutalen nigerianischen Piraten im Golf von Guinea, möglicherweise weil sie uns kaum betreffen. Doch Nigerias Marine gehe erfolgreich gegen sie vor, so Lehr. Dasselbe gelte für Indonesien, weshalb die Piraterie dort ebenfalls zurückgegangen sei. Und auch in Somalia, das von 2005 bis 2012 ein Hotspot der Seekriminalität war, hätten sich die Piratenangriffe gelegt.

Nach Ansicht des Experten werden Piraten wie in den vergangenen Jahrtausenden so auch in Zukunft ihre Chancen suchen und wahrscheinlich nie ganz von der Erde verschwinden. Piraterie könne erst dann gestoppt werden, wenn auch an Land überall Recht und Ordnung herrschten. „An Land gibt es noch immer Kriminalität und es wird sie auch immer geben, dem entspricht die Piraterie auf See.“


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