Wirtschaft

Italien: Tausende Inder schuften auf Plantagen der Mafia

Die Inder auf den "Sklavenfarmen" in Italien, die von der Mafia unterstützt werden, beginnen sich zu wehren.
02.11.2019 16:05
Lesezeit: 2 min

Zehntausende Inder arbeiten für extrem geringe Löhne in der italienischen Landwirtschaft. Doch nun beginnen sie sich gegen die Bauern zu wehren. Bei den Arbeitern handelt es sich um Angehörige der Sikh-Religion, einer Religionsgemeinschaft mit rund 27 Millionen Anhängern, wovon die Mehrheit in Indien lebt.

Einer der Sikhs, der 46-jährige Ranju, sagte gegenüber The Times, dass er sechs Jahre lang als Sklave auf einem abgelegenen Bauernhof südlich von Rom gehalten wurde. Dort habe man ihn gezwungen, aus dem Viehtrog zu trinken und für die Hühner bestimmten Abfall zu essen. Er sei dem Selbstmord nahe gewesen.

"Der Besitzer schlug mich und zeigte mir seine Waffe", zitiert ihn das britische Blatt. Zudem habe der Besitzer gesagt, er gehöre zur Mafia, und er habe gedroht: "Wenn du jemals redest, werde ich dich in einem Graben begraben, wo deine Leiche nie gefunden wird".

Ranju ist einer von etwa 22.000 anderen Sikhs, die auf Bauernhöfen in der Umgebung der Stadt Latina Obst und Gemüse pflücken. Viele von ihnen haben nun damit begonnen, sich dagegen zu wehren, dass die Bauern, von denen viele von der Mafia unterstützt werden, sie wie Sklaven behandeln. Doch sie haben Angst, sagte Ranju.

Nach der Verhaftung seines Arbeitgebers schloss sich Ranju einem Streik in Latina an, wo sich 3.000 indische Landarbeiter zusammenschlossen und ein Ende der "jahrelangen Ausbeutung" forderten. Der Streik kam als Folge eines Vorfalls auf einem Bauernhof in der Nähe von Terracina, wo dem Besitzer vorgeworfen wurde, seinen Sikh-Arbeitern Messer an die Kehle gehalten zu haben. Er wurde auch beschuldigt, mit einer Schrotflinte auf sie geschossen und sie so gezwungen zu haben, extreme Überstunden zu machen.

Ranju hatte seine Heimat Punjab einst in der Hoffnung verlassen, mehr Geld für seine Frau und seine drei Kinder zu verdienen. Doch dann nahm sein italienischer Arbeitgeber ihm die Aufenthaltsdokumente ab und zahlte ihm nur 100 Euro pro Monat. Nach einem Sikh-Streik im Jahr 2016 ging er schließlich zur Polizei.

"Die Polizei fand eine Pistole auf dem Bauernhof, von der angenommen wurde, dass sie beim Massaker der kalabrischen Mafia in Duisburg im Jahr 2007 in Deutschland verwendet wurde, was darauf hindeutet, dass der Besitzer wirklich Mafia-Verbindungen hatte", zitiert The Times den Aktivisten Marco Omizzolo, der die in Abendkursen über ihre Rechte informierte und auch Ranju unterstützte.

Für seine Unterstützung der Migranten erhielt Omizzolo eine Medaille vom italienischen Präsidenten. Und auch die italienische Mafia reagierte auf seine Aktivitäten. "In den letzten zwei Jahren wurde Tierblut vor meinem Haus abgelassen, Autos wurden zerstört und ich muss die Polizei darüber auf dem Laufenden halten, wo ich bin", sagt er. In der Region sind sowohl die sizilianische, als auch die kalabrische und die neapolitanische Mafia aktiv.

"Die Clans sind auch daran interessiert, Geld mit der gesamten Landwirtschaft zu verdienen, insbesondere mit dem Transport von Lebensmitteln", sagt Fabio Ciconte, der Leiter von Terra, einer karitativen Organisation, die Landarbeiter unterstützt. Ein aktueller Bericht schätzt die Einnahmen der Mafia aus der Landwirtschaft auf 24,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Laut Gurmukh Singh, Leiter des Verbands indischer Migranten in Sabaudia, werden die Bemühungen der indischen Arbeiter durch andere Migrantengruppen untergraben, die bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten. "Die Inder wehren sich gegen Ausbeutung, aber solange die Bangladescher und afrikanische Asylbewerber 2 Euro pro Stunde akzeptieren, werden wir schwach sein."

Die Sikhs haben gegenüber anderen Migrantengruppen den Vorteil, dass sie dauerhaft in der Gegend leben und in den Gewächshäusern das ganze Jahr über pflücken. Anders verhält es sich mit den Afrikanern, Rumänen und Bulgaren in Apulien, wo 80 Prozent der Tomaten im Freien gepflückt werden. Ihre Arbeit ist nur vorübergehend und die Arbeitskräfte wandern. Das ist es viel schwieriger, sich zu organisieren, sagt Ciconte.

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