Finanzen

Erstmals Kürzungen angekündigt: Hollands Rentner bilden die Vorhut der bevorstehenden Armutswelle in Europa

Die von der EZB verhängten Negativzinsen haben dazu beigetragen, dass die Pensionsfonds der Niederlande für das kommende Jahr erstmals erhebliche Rentenkürzungen angekündigt haben. Die Niederländer dürften nur die Vorhut einer Welle der Altersarmut sein, welche in den kommenden Jahren über den Kontinent hereinbrechen wird.
26.11.2019 16:00
Lesezeit: 2 min

Millionen von Rentnern in den Niederlanden drohen im kommenden Jahr erstmals erhebliche Rentenkürzungen. Das Land hat eines der am besten finanzierten und großzügigsten Rentensysteme der Welt, sodass seine Probleme ein frühzeitiger Indikator für ein breiteres globales Defizit bei der Rentenfinanzierung sein könnten. Die niederländische Regierung versucht, eine Krise in der 1,6 Billionen Euro teuren Rentenwirtschaft des Landes abzuwenden, wobei Millionen von Rentnern im kommenden Jahr erstmals mit einer Kürzung ihres Renteneinkommens konfrontiert sind.

Shaktie Rambaran Mishre, die Vorsitzende des niederländischen Rentenverbands, der 197 Pensionsfonds und ihre Mitglieder vertritt, sagte, dass die Beiträge in den nächsten Jahren um bis zu 30 Prozent steigen müssten. "Aus heutiger Sicht stehen rund 2 Millionen Menschen vor Kürzungen ab dem nächsten Jahr", zitiert sie die Financial Times .

Ein Grund für die Probleme der Rentenfinanzierung in den Niederlanden ist die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Diese hat die Renditen für fast alle Anleihen in der Eurozone in den negativen Bereich getrieben und auf diese Weise den Finanzierungsbedarf der niederländischen Pensionsfonds erhöht. Die Gewerkschaften und Pensionsfonds des Landes erwarten nun von der Regierung, dass sie eingreift. Denn nur sie könnte die erheblichen Einschnitte beim Alterseinkommen vieler Menschen noch abwenden, indem sie die strengen Finanzierungsregeln des Sektors zumindest vorübergehend lockert und Geld zuschießt.

Auch in Deutschland wird sich das Problem der Alterarmut in wenigen Jahren offen zeigen. So muss die Bundesregierung beispielsweise jedes Jahr einen steigenden Betrag aus dem Steueraufkommen zur Schließung von Lücken in der gesetzlichen Rentenversicherung verwenden - und das in Boomzeiten und vor dem Ausbruch der nächsten Weltrezession.

Wouter Koolmees, niederländischer Minister für Soziales und Beschäftigung, wird diese Woche ein Schreiben an die Abgeordneten versenden, worin er seinen Lösungsvorschlag für die Probleme der Rentenwirtschaft im Vorfeld einer Parlamentsdebatte am Donnerstag darlegt.

Die Gewerkschaften haben wegen der möglichen Kürzungen bei den Renten in diesem Jahr bereits Proteste und Streiks abgehalten. Sie drohen mit weiteren Maßnahmen, wenn die Regierung nicht eingreift. "Wir erwarten nächste Woche eine gewisse Erleichterung und wenn nicht, werden wir mobilisieren", zitiert die Financial Times Tuur Elzinga, den leitenden Rentenverhandler der größten niederländischen Gewerkschaft FNV.

In zahlreichen Staaten der Welt stehen die Rentensysteme seit einigen Jahren zunehmend unter Druck. Unmittelbare Gründe dafür sind neben den immer niedrigeren Zinssätzen auch der Mangel an nachwachsenden Steuerzahlern (demografischer Wandel) sowie die insgesamt längeren Lebenserwartungen.

In einem Bericht der Gruppe der Dreißig, einem Club für aktuelle und ehemalige politische Entscheidungsträger, wurde vergangene Woche vor einem Finanzierungsdefizit von 15,8 Billionen Dollar zur Unterstützung der alternden Bevölkerung in den 20 größten Ländern der Welt gewarnt.

In den Niederlanden gibt es eine staatliche Grundrente sowie arbeitgebergeführte Rentensysteme, die den Arbeitnehmern im Rentenalter zusammen etwa 80 Prozent ihres durchschnittlichen Lebensarbeitsentgelts zahlen. Die niederländischen Pensionsfonds müssen einen niedrigeren risikofreien Zinssatz zur Bewertung ihrer Verbindlichkeiten verwenden, was sie zwingt, mehr Vermögenswerte zu halten als Pensionsfonds in anderen Staaten.

Rund 70 arbeitgebergeführte Pensionsfonds mit 12,1 Millionen Mitgliedern hatten Ende September nach Angaben der niederländischen Zentralbank einen Deckungsgrad unter dem gesetzlichen Minimum. Wenn die Fonds in fünf aufeinander folgenden Jahren Quoten unter dem gesetzlichen Minimum haben oder keine Aussicht auf eine gesündere Erholung haben, müssen sie ihre Auszahlungen kürzen. Zwar sind die Zinssätze in den letzten Wochen wieder leicht gestiegen, aber viele Fonds stehen immer noch vor Kürzungen.

Es wird erwartet, dass die niederländische Regierung Rentenkürzungen so lange wie möglich verhindern wird. "Ich erwarte, dass die Kürzungen politisch nicht stattfinden", sagte Lex Hoogduin, Professor an der Universität Groningen und ehemaliges Vorstandsmitglied der niederländischen Zentralbank. "Aber damit wird das Problem nur aufgeschoben, denn irgendwann werden sie sich nicht mehr die Auszahlungen leisten können, die die Leute erwarten."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Was Wirtschaftsprüfer zuerst prüfen: Wie Unternehmen bei der Prüfung bestehen
14.02.2026

Unternehmen stehen bei Abschlussprüfungen unter wachsendem regulatorischem Druck und steigenden Transparenzanforderungen. Entscheidet sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercedes-Benz S-Klasse: Software als zentraler Entwicklungsfaktor im Luxussegment
14.02.2026

Mercedes-Benz modernisiert die S-Klasse umfassend und rückt Software, Digitalisierung und Komfort stärker in den Fokus. Welche Rolle...

DWN
Technologie
Technologie KI-Wettbewerb: Experten wollen mehr Rechenzentren für Europa
14.02.2026

Die USA haben sechsmal mehr Rechenpower als China, Europa liegt weit dahinter. Experten raten zu großen Investitionen, um im KI-Rennen...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Bund legt Führerschein-Paket vor
14.02.2026

Der Führerschein soll günstiger werden, sagt die Bundesregierung. Verkehrsminister Schnieder stellt weiterentwickelte Vorschläge vor....

DWN
Politik
Politik Trumps Zollpolitik: Milliarden-Einnahmen, aber ein Desaster für Jobs und Vertrauen
14.02.2026

Trumps Zollpolitik sollte Amerika befreien, die Industrie stärken und Arbeitsplätze zurückholen. Die Realität sieht anders aus: Zwar...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsenwoche endet rot: Angst vor KI schluckt Inflationsfreude
13.02.2026

Obwohl frische Inflationsdaten den wichtigsten Indizes am Freitagmorgen kurzzeitige Unterstützung boten, wurde der Ausgang des...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Uvex: Wie der Skibrillen-Hersteller von den Olympischen Winterspielen profitiert
13.02.2026

Bei den Olympischen Winterspielen 2026 ist Uvex auf den Pisten und im Eiskanal allgegenwärtig. Athleten wie Skispringer und...