Finanzen

Erstmals Kürzungen angekündigt: Hollands Rentner bilden die Vorhut der bevorstehenden Armutswelle in Europa

Lesezeit: 2 min
26.11.2019 16:00
Die von der EZB verhängten Negativzinsen haben dazu beigetragen, dass die Pensionsfonds der Niederlande für das kommende Jahr erstmals erhebliche Rentenkürzungen angekündigt haben. Die Niederländer dürften nur die Vorhut einer Welle der Altersarmut sein, welche in den kommenden Jahren über den Kontinent hereinbrechen wird.
Erstmals Kürzungen angekündigt: Hollands Rentner bilden die Vorhut der bevorstehenden Armutswelle in Europa
Hunderte Segelschiffe säumen den Hafen von Amsterdam im Jahr 2010. (Foto: dpa)

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Millionen von Rentnern in den Niederlanden drohen im kommenden Jahr erstmals erhebliche Rentenkürzungen. Das Land hat eines der am besten finanzierten und großzügigsten Rentensysteme der Welt, sodass seine Probleme ein frühzeitiger Indikator für ein breiteres globales Defizit bei der Rentenfinanzierung sein könnten. Die niederländische Regierung versucht, eine Krise in der 1,6 Billionen Euro teuren Rentenwirtschaft des Landes abzuwenden, wobei Millionen von Rentnern im kommenden Jahr erstmals mit einer Kürzung ihres Renteneinkommens konfrontiert sind.

Shaktie Rambaran Mishre, die Vorsitzende des niederländischen Rentenverbands, der 197 Pensionsfonds und ihre Mitglieder vertritt, sagte, dass die Beiträge in den nächsten Jahren um bis zu 30 Prozent steigen müssten. "Aus heutiger Sicht stehen rund 2 Millionen Menschen vor Kürzungen ab dem nächsten Jahr", zitiert sie die Financial Times .

Ein Grund für die Probleme der Rentenfinanzierung in den Niederlanden ist die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Diese hat die Renditen für fast alle Anleihen in der Eurozone in den negativen Bereich getrieben und auf diese Weise den Finanzierungsbedarf der niederländischen Pensionsfonds erhöht. Die Gewerkschaften und Pensionsfonds des Landes erwarten nun von der Regierung, dass sie eingreift. Denn nur sie könnte die erheblichen Einschnitte beim Alterseinkommen vieler Menschen noch abwenden, indem sie die strengen Finanzierungsregeln des Sektors zumindest vorübergehend lockert und Geld zuschießt.

Auch in Deutschland wird sich das Problem der Alterarmut in wenigen Jahren offen zeigen. So muss die Bundesregierung beispielsweise jedes Jahr einen steigenden Betrag aus dem Steueraufkommen zur Schließung von Lücken in der gesetzlichen Rentenversicherung verwenden - und das in Boomzeiten und vor dem Ausbruch der nächsten Weltrezession.

Wouter Koolmees, niederländischer Minister für Soziales und Beschäftigung, wird diese Woche ein Schreiben an die Abgeordneten versenden, worin er seinen Lösungsvorschlag für die Probleme der Rentenwirtschaft im Vorfeld einer Parlamentsdebatte am Donnerstag darlegt.

Die Gewerkschaften haben wegen der möglichen Kürzungen bei den Renten in diesem Jahr bereits Proteste und Streiks abgehalten. Sie drohen mit weiteren Maßnahmen, wenn die Regierung nicht eingreift. "Wir erwarten nächste Woche eine gewisse Erleichterung und wenn nicht, werden wir mobilisieren", zitiert die Financial Times Tuur Elzinga, den leitenden Rentenverhandler der größten niederländischen Gewerkschaft FNV.

In zahlreichen Staaten der Welt stehen die Rentensysteme seit einigen Jahren zunehmend unter Druck. Unmittelbare Gründe dafür sind neben den immer niedrigeren Zinssätzen auch der Mangel an nachwachsenden Steuerzahlern (demografischer Wandel) sowie die insgesamt längeren Lebenserwartungen.

In einem Bericht der Gruppe der Dreißig, einem Club für aktuelle und ehemalige politische Entscheidungsträger, wurde vergangene Woche vor einem Finanzierungsdefizit von 15,8 Billionen Dollar zur Unterstützung der alternden Bevölkerung in den 20 größten Ländern der Welt gewarnt.

In den Niederlanden gibt es eine staatliche Grundrente sowie arbeitgebergeführte Rentensysteme, die den Arbeitnehmern im Rentenalter zusammen etwa 80 Prozent ihres durchschnittlichen Lebensarbeitsentgelts zahlen. Die niederländischen Pensionsfonds müssen einen niedrigeren risikofreien Zinssatz zur Bewertung ihrer Verbindlichkeiten verwenden, was sie zwingt, mehr Vermögenswerte zu halten als Pensionsfonds in anderen Staaten.

Rund 70 arbeitgebergeführte Pensionsfonds mit 12,1 Millionen Mitgliedern hatten Ende September nach Angaben der niederländischen Zentralbank einen Deckungsgrad unter dem gesetzlichen Minimum. Wenn die Fonds in fünf aufeinander folgenden Jahren Quoten unter dem gesetzlichen Minimum haben oder keine Aussicht auf eine gesündere Erholung haben, müssen sie ihre Auszahlungen kürzen. Zwar sind die Zinssätze in den letzten Wochen wieder leicht gestiegen, aber viele Fonds stehen immer noch vor Kürzungen.

Es wird erwartet, dass die niederländische Regierung Rentenkürzungen so lange wie möglich verhindern wird. "Ich erwarte, dass die Kürzungen politisch nicht stattfinden", sagte Lex Hoogduin, Professor an der Universität Groningen und ehemaliges Vorstandsmitglied der niederländischen Zentralbank. "Aber damit wird das Problem nur aufgeschoben, denn irgendwann werden sie sich nicht mehr die Auszahlungen leisten können, die die Leute erwarten."

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..



DWN
Politik
Politik Biden sieht Russland als Feind - und wird Waffen an die Ukraine liefern

DWN-Kolumnist Ronald Barazon analysiert die zukünftige Außenpolitik der USA unter ihrem neuen Präsidenten Joe Biden.

DWN
Deutschland
Deutschland Amtsgericht Weimar: „Corona-Kontaktverbot verfassungswidrig, Lockdown katastrophale politische Fehlentscheidung“

Das Amtsgericht Weimar hat in einem bahnbrechenden Urteil entschieden, dass die Corona-Kontaktverbote in Thüringen verfassungswidrig sind....

DWN
Politik
Politik US-Firma mit engen Kontakten zu russischen Staatsunternehmen verbietet Mitarbeitern Teilnahme an Protesten

Das Unternehmen hat Angst, seinen Ruf als "politisch neutrale" Organisation zu verlieren.

DWN
Politik
Politik China sichert sich umstrittene Gewässer - mit Schießerlaubnis für Küstenwache

Ein neues Gesetz erlaubt es der chinesischen Küstenwache, auf ausländische Schiffe zu schießen.

DWN
Finanzen
Finanzen „Jeder vierte Selbstständige von Berufsunfähigkeit betroffen“

Selbstständige müssen noch mehr als Angestellte eine Berufsunfähigkeit fürchten, da sie in der Regel wenig Anspruch auf staatliche...

DWN
Politik
Politik Schwere Unruhen in Russland gegen die Regierung ausgebrochen – Lage ist ernst

In Russland sind in zahlreichen Städten schwere Unruhen gegen den Kreml ausgebrochen. Die Demonstranten fordern die Freilassung des...

DWN
Politik
Politik DHB-Vize platzt der Kragen: „Für Karl Lauterbach geht es scheinbar darum, seinen Marktwert in Talkshows zu steigern“

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat für die Kritik von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach an der Handball-WM in Ägypten kein...

DWN
Deutschland
Deutschland Vermummte greifen Rathaus in Berlin an - linksradikale Internet-Plattform berichtet live

Vermummte sind ins Rathaus des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eingedrungen. Die linksradikale Internet-Plattform „Indymedia“...

DWN
Deutschland
Deutschland Ökonomen: Aufschwung erst ab dem zweiten Quartal / In Innenstädten wird es nie mehr "so werden, wie es war"

2021 wird nach Meinung von Experten ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung werden. Aber erst ab dem zweiten Quartal - vorher stehen den...

DWN
Politik
Politik VIRUS-TICKER: In diesem Jahr wird es für Westdeutsche keine Renten-Erhöhung geben

Im Folgenden lesen Sie den Virus-Ticker von Sonnabend, 23. Januar, den wir für Sie selbstverständlich laufend aktualisieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Es wird knallen: In der Euro-Zone erhebt sich ein großer Berg aus faulen Krediten

In der Euro-Zone werden zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen aufgrund der Corona-Krise untergehen. Das Problem ist nur, dass...

DWN
Technologie
Technologie ZEITREISEN, TEIL 1: Zurück in die Zukunft und vorwärts in die Vergangenheit

Zeitreisen sind Stand heute nur ein beliebter Stoff in der Science-Fiction. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen allerdings, dass...

DWN
Politik
Politik Serbien verbietet den Verkauf von T-Shirts, die den Genozid von Srebrenica feiern

Die serbische Regierung hat den Verkauf von T-Shirts verboten, die den Genozid von Srebrenica feiern. Im Juli 1995 hatten...

DWN
Politik
Politik Corona-Lockdown: Wie aus einer angeblichen „Fake News“ bittere Realität wurde

Am 14. März 2020 teilte das Bundesgesundheitsministerium mit: „! Achtung Fake News ! Es wird behauptet und rasch verbreitet, das...