Finanzen

Osteuropa im Goldrausch: Staaten holen zunehmend ihre im Ausland gelagerten Bestände nach Hause

Eine ganze Reihe osteuropäischer Staaten holt Goldreserven ins eigene Land zurück. Vor dem Hintergrund einer sich anbahnenden Krise steigt offenbar das Misstrauen gegenüber den Partnerstaaten und ihren Zentralbanken.
02.12.2019 14:00
Lesezeit: 2 min
Osteuropa im Goldrausch: Staaten holen zunehmend ihre im Ausland gelagerten Bestände nach Hause
Ein Goldbarren. (Foto: dpa) Foto: Uli Deck

Gold ist im Osten Europas derzeit offenbar ein wichtiges Thema. Erst vergangene Woche hatte Polen die Rückführung von 100 Tonnen Staatsgold im Wert von mehr als 4 Milliarden Euro aus London abgeschlossen. Für Ungarn hatte Premier Viktor Orban kürzlich ebenfalls zum ersten Mal seit Langem die Bestände erhöht. Und in Rumänien hat das Parlament dieses Jahr die Heimholung der nationalen Goldreserven beschlossen, was derzeit jedoch durch den Präsidenten des Landes mit Hinweis auf die EZB blockiert wird.

Das starke Interesse am Gold in Osteuropa spiegelt entsprechende Schritte in Russland und China wider. Chinas Zentralbank hat seit Dezember vergangenen Jahres, als sie ihre monatlichen Goldkäufen wieder aufnahm, mehr als 100 Tonnen Gold zu ihren Reserven hinzugefügt. Russland hat zuletzt sogar noch etwas mehr Gold gekauft als China. Beide Staaten verfolgen mit den anhaltenden Goldkäufen eine Diversifizierung ihrer Währungsreserven weg vom US-Dollar.

Das neueste Beispiel für den offenbar anbrechenden Goldrausch in Osteuropa ist der ehemalige slowakische Ministerpräsident Robert Fico, der aktuell eine Chance hat, an die Macht zurückzukehren. Er hat das Parlament aufgefordert, die Zentralbank des Landes dazu zu zwingen, die im Vereinigten Königreich gelagerten Goldbestände nach Hause zu holen. Die Aussagen des früheren slowakischen Ministerpräsidenten vor Reportern zeigen nicht nur ein erhebliches Misstrauen gegenüber London, sondern auch eine gewisse Dringlichkeit.

"Ich garantiere, dass wir, wenn etwas passiert, kein einziges Gramm dieses Goldes sehen werden. Lasst es uns so schnell wie möglich machen", zitiert ihn Bloomberg. Diese Aussagen sind erstaunlich. Großbritannien gilt traditionell einer der engsten Verbündeten der Slowakei, seitdem die Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre zusammengebrochen war. London half dem Land auf dem Weg in die Europäische Union und die NATO. Dennoch sagt Fico nun, dass das in Großbritannien gelagerte slowakische Gold wegen dem zu erwartenden Brexit und wegen dem Risiko einer globalen Wirtschaftskrise gefährdet sei.

Vor einigen Monaten machte die Bank of England Schlagzeilen, weil sie mehrere Tonnen Staatsgold Venezuelas nicht herausgeben wollte. Offenbar wirkte dieses Verhalten auf einige Politiker in Europa als abschreckendes Beispiel.

Die Heimholung des polnischen Goldes aus London hatte Polens Zentralbankpräsident Adam Glapinski nicht mit Zweifeln an der Zuverlässigkeit Großbritanniens begründet. Vielmehr erklärte er den Schritt damit, dass er die wirtschaftliche Stärke seines Landes zeigen wolle, welches mit rund 585,8 Milliarden Dollar das größte Bruttoinlandsprodukt im Osten der EU aufweist. Polen hatte seine Goldbestände in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt und verfügt nun über den größten Goldreserven in der Region.

Neben Polen war auch Ungarn ein aktiver Goldkäufer. Die ungarischen Goldreserven stiegen im vergangenen Jahr um das Zehnfache und hatten damit offenbar eine Signalwirkung auf die mittelosteuropäischen Staaten.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic reagierte auf diese Entwicklungen und befahl der Zentralbank, ihre Goldreserven zu erhöhen, was im Oktober den Kauf von 9 Tonnen Gold nach sich zog. Vucic sagte im November, dass mehr Gold gekauft werden sollte, weil "wir sehen, in welche Richtung sich die Krise in der Welt bewegt". Serbien hält weiterhin einen Teil seines Goldes im Ausland, teilte die Zentralbank des Landes Bloomberg mit. Die Region kaufe mehr Gold wegen der globalen Unsicherheiten im Hinblick auf Handel, Politik, Brexit und niedrige Zinsen.

Die pragmatischen Politiker, die heute die meisten Länder im Osten Europas dominieren, senden mit der Heimholung und dem Kauf von Gold im großen Stil auch eine deutliche Botschaft an die Bürger ihrer Staaten. "Gold ist ein Symbol", zitiert Bloomberg den kroatischen Volkswirt Vuk Vukovic. "Wenn Staaten es kaufen, sehen die Menschen es überall als ein Zeichen wirtschaftlicher Souveränität."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Politik
Politik Fachkräftemangel: Einwanderer 2025 in vielen Berufen unverzichtbar
29.09.2026

Mehr als ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland hat Wurzeln im Ausland. Besonders in Berufen, in denen händeringend Fachkräfte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreich Staatsverschuldung: Die nächste Gefahr für die Eurozone
29.09.2026

Frankreich galt lange als einer der politischen und wirtschaftlichen Pfeiler der Eurozone. Doch an den Anleihemärkten wächst die...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street schließt im Minus, während sich der Anleiheausverkauf fortsetzt
28.09.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren die Wall Street heute in Atem hielten.

DWN
Politik
Politik Geran-5: Wie die Ukraine auf Russlands schnelle Drohne reagiert
28.09.2026

Russlands schnelle Angriffsdrohnen stellen die ukrainische Luftverteidigung vor ein neues Problem. Während ältere Geran-5-Modelle...

DWN
Politik
Politik Europa schließt Fabriken und träumt von strategischer Autonomie
28.09.2026

Da es keine Antwort auf die heute und jetzt hohen Energiepreise gibt, zu denen auch die Politik der EU beigetragen hat, verkauft Ursula von...

DWN
Politik
Politik Verteidigungsfähigkeit: Bericht zu Verteidigungsbereitschaft der EU offenbart Lücken
28.09.2026

Signifikante Lücken bei der Luftverteidigung, bei Drohnen und bei Munitionsbeständen: Vor dem Treffen der europäischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardeninvestition richtet Hunderte Satelliten auf Putin
28.09.2026

Die finnische Satellitenfirma Iceye spielt bereits eine wichtige Rolle für die Ukraine und ihre Angriffe auf russische Ziele. Nun will das...

DWN
Politik
Politik Erneuerbare Energien: Solarstromproduktion übertrifft Vorjahreswert
28.09.2026

Bereits Ende September hat die Solarstromproduktion in Deutschland den Vorjahreswert übertroffen. Welche Faktoren zu diesem Rekord...