In der EU hausen 120.000 Migranten unter ärmsten Lebensbedingungen

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
12.12.2019 14:00
In Griechenland sind derzeit über 40.000 und auf der Balkanroute über 80.000 Flüchtlinge und Migranten gestrandet. Sie leben unter den schlimmsten Bedingungen. Die EU betreibt eine Politik des Wegschauens - auch hinsichtlich der Gewalt der kroatischen Grenzpolizei.
In der EU hausen 120.000 Migranten unter ärmsten Lebensbedingungen
Szene aus dem Lager Vucjak. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Auf den griechischen Inseln befinden sich nach Angaben des türkischsprachigen Dienstes der Deutschen Welle aktuell mindestens 40.000 Flüchtlinge und Migranten. Auf der Balkanroute sollen sich über 80.000 Flüchtlinge und Migranten befinden. Die Situation der Menschen auf der Balkanroute soll dabei besonders schlimm sein.

Die MIgrations-Organisation Pro Asyl schreibt: “Die Balkanroute hat sich verlagert. Menschen campieren an der serbisch-ungarischen Grenze oder im bosnischen Bihac. Und die Lager in Griechenland sind auch nach vier Jahren noch elende Provisorien. Wieder droht ein Winter, in dem Menschen deshalb sterben werden. Man muss davon ausgehen, dass diese Zustände gewollt sind und Methode haben”.

Eines der Elendslager befindet sich im bosnischen Vucjak. Am 11. Dezember 2019 haben die bosnischen Behörden entschieden, das Lager zu räumen. Die Flüchtlinge sollen dann in andere Orte transportiert werden. Die Tagesschau zitiert den pakistanischen Flüchtlinge Ali Murtaza: “Die Polizei entscheidet, wann wir wegfahren. Ich fahre mit nach Sarajevo, denn das ist besser als Vucjak. In Sarjevo kann man seine Kleider waschen und es gibt dreimal am Tag etwas zu Essen.”

Die dpa hatte zuvor über das Lager in Vucjak ausgeführt: “Das Lager Vucjak - zehn Kilometer entfernt von der bosnischen Stadt Bihac - ist kein Ort, an dem Menschen hausen sollten. In den Zelten aus Segeltuch liegen Matratzen auf dem durchnässten Erdboden, wie auf Fotos von Aktivisten zu sehen ist. Waschräume und Toiletten sind verdreckt. Der Boden zwischen den Zelten ist eine Schlammwüste, zum Teil steht das Wasser knöchelhoch (...) Mit den Mitteln, die sie hatte, stampfte die Stadtverwaltung auf einer ehemaligen Mülldeponie das Lager Vucjak aus dem Boden.”

Bei den Menschen handelt es sich nicht nur um Kriegsflüchtlinge, sondern auch um Armutsflüchtlinge, die aus Ländern kommen, in denen westliche Großkonzerne billige Produkte zu Hungerlöhnen produzieren lassen und die Ressourcen dieser Länder ausbeuten. Während das Wort “Wirtschaftsflüchtling” mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden ist, ist es das Recht eines jeden Menschen, vor Armut und wirtschaftlicher Not zu fliehen - genauso wie ab dem 18. Jahrhundert Millionen Deutsche in die USA geflohen und ausgewandert sind.

Die Menschen machen auch kein Geheimnis daraus, dass sie vor der Armut in ihren Heimatländern fliehen. Der pakistanische Flüchtling Faisal Abbas, der derzeit im Flüchtlingslager Bihac lebt, sagte im Gespräch mit dem US-Magazin Foreign Policy: “Wenn ich hier sterbe, wer hilft dann meiner Familie zu Hause?”

Besonders verstörend ist, dass die EU das brutale Vorgehen des kroatischen Grenzschutzes, der die Flüchtlinge mit Gewalt zurück in das Transitland Bosnien-Herzegowina drängt, billigend in Kauf nimmt. Foreign Policy wörtlich: “Im November 2018 veröffentlichte der Guardian ein von einem Migranten gedrehtes Video, in dem eindringliche Schreie zu hören sind, bevor eine Gruppe von Migranten wild und blutig aus der Dunkelheit auftaucht.”

Die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic hatte ganz offen gesagt, dass der Einsatz von “ein bisschen” Gewalt nötig ist, um die Flüchtlinge zurückzudrängen. Wie dieser Prozess dann abläuft schildert ein Flüchtling mit folgenden Worten: “Sie fuhren uns in einem Lieferwagen an die bosnische Grenze und brachten uns nacheinander raus. Es gab acht Polizisten, und einer nach dem anderen hat uns gehauen, getreten und mit Stahlstöcken geschlagen. Sie haben mir das Bein gebrochen.”

Ein weiterer Flüchtling wörtlich: “Sie sagten uns, wir sollten uns ausziehen und wir waren ohne Schuhe, Socken oder Jacken. Sie nahmen unser Geld, Handys und Taschen mit allem darin, machten ein Feuer und verbrannten sie alle vor uns. Dann haben sie mich mit einem Stahlstock ins Auge geschlagen. Sie schlugen alle, sie sahen uns nicht als Menschen an.” Amnesty International, der Europarat, Human Rights Watch und ein Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen haben die kroatische Grenzpolitik angeprangert. Die serbischen Behörden werfen der kroatischen Polizei “psychische und physische Folter” vor, berichtet Radio Free Europe/Radio Liberty.

Währenddessen befindet sich die deutsche Gesellschaft im Spannungsfeld einer “grenzenlosen Willkommenskultur”, die sogar eine Akzeptanz für Kriminelle fordert, und einem “grenzenlosen Hass” gegen unbescholtene Flüchtlinge und Migranten. Beide Extreme führen innerhalb der deutschen Bevölkerung zu einem Gefühl der Unsicherheit, aus der eine Wut entsteht, die sich gegen die Eliten des Landes richtet. Solange die anderen EU-Staaten Deutschland in der Flüchtlingsfrage alleine lassen, wird es keine Lösung des Flüchtlingsproblems geben.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Finanzelite profitiert von angeblichem Enthüllungsbericht: Frontalangriff auf die Deutsche Bank

Das Medienportal "Buzzfeed" behauptet, bisher unbekannte Verfehlungen der Deutschen Bank aufgedeckt zu haben. DWN-Kolumnist Ernst Wolff...

DWN
Politik
Politik Ein Licht im Osten, Teil eins: Warum die Weißrussen die Solidarität Europas verdienen

Der ehemalige polnische Ministerpräsident Donald Tusk ruft Europa dazu auf, die Demonstranten in Weißrussland zu unterstützen.

DWN
Politik
Politik Polen und die USA, 1. Teil: Vereint gegen Deutschland und Russland

Polen begegnet Deutschland und Russland traditionell mit Argwohn. Warschau ist längt nach Washington ausgeschwenkt, um bald eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Coronas Erbe: Schulden, Schulden und noch mehr Schulden

Seit Jahren steigen die Schulden weltweit deutlich an. Seit Jahresbeginn sind nun alle Dämme gebrochen. Die EU hat derweil Eurobonds durch...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Nach dem Brexit: Entsteht ein neuer Handelsraum zwischen Lissabon und Wladiwostok?

Ein verstärkter Handel mit den Ländern der Eurasischen Wirtschaftsunion könnte den Brexit für Deutschland und Europa wirtschaftlich...

DWN
Finanzen
Finanzen Japans aggressive Geldpolitik ist gescheitert: Werden EZB und EU daraus lernen?

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe ist zurückgetreten, weil er mit seiner Wirtschaftspolitik gescheitert ist. EZB und EU können aus den...

DWN
Politik
Politik USA wütend: Vatikan will an Geheimabkommen mit China festhalten

Der Vatikan will an einem Geheimabkommen mit China festhalten. Doch die USA fordern vom Papst, dass dieser das Abkommen auslaufen lässt....

DWN
Deutschland
Deutschland „Photovoltaik-Sozialismus“: Ausbau der Erneuerbaren Energien geht am Verbraucher vorbei

Ein Änderungsantrag zum EEG-Gesetzt verspricht Großes für die Zukunft, macht die Eigenversorgung mit Solarstrom aber unattraktiv. Aus...

DWN
Politik
Politik Bundesregierung plant Pflicht zu CO2-freiem Kerosin im Flugverkehr

Die Bundesregierung treibt den Klimakampf schneller voran, als von der EU vorgegeben. Einem Gesetzentwurf zufolge sollen bis 2030...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Gazprom sieht bis Ende 2021 eine vollständige Erholung der Öl-Nachfrage

Nach einer Prognose von Gazprom soll sich die Ölnachfrage bis Ende des Jahres erholen.

DWN
Deutschland
Deutschland Heute Klima-Demos: Spielen Corona-Abstandsregeln keine Rolle mehr?

Heute finden deutschlandweit Klima-Demos der Initiative „Fridays for Future“ statt. Umweltministerin Schulze sagte, sie sei...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Polen baut eigene Gasleitung, kappt die Verbindung mit Russland immer mehr

Was viele Länder schon seit langem versuchen, dürfte dem größten östlichen EU-Mitglied nun gelingen: Seine Abhängigkeit vom...

DWN
Politik
Politik Salafisten bewaffnen sich: Steuert die Türkei auf einen Bürgerkrieg zu?

Berichten zufolge sollen sich Salafisten-Gruppen in der Türkei für einen Bürgerkrieg bewaffnen.

DWN
Deutschland
Deutschland Gewerkschaft will Kontaktdaten von Restaurant-Besuchern digital erfassen

Die Kellner scheuen sich, die von ihren Gästen wegen Corona anzugebenden Kontaktdaten zu kontrollieren. Daher sollte nach Ansicht der...

celtra_fin_Interscroller