Liegen die Wurzeln von Megastädten und Riesenslums in der Kolonialzeit?

 

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28.12.2019 10:11
Der Grund für das Aufkommen von Megacitys ist eigentlich ganz einfach: Und zwar urbanisiert sich die Weltbevölkerung nicht zuletzt, weil eine bessere Landwirtschaft und industrielle Entwicklung das Bevölkerungswachstum ermöglicht haben. Doch wer soll diese Massen am Ende ernähren?

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Der Begriff Megacities war einfach ein neues Wort für eine sehr große Stadt (vom griechischen Wort mega für groß). Nach Ansicht der Vereinten Nationen ist eine Megacity ein Ballungsraum oder eine Stadt mit mehr als 5 Millionen Einwohnern, obwohl es nach der allgemeineren Definition mehr als 10 Millionen sind.

Der Anteil der Stadtbewohner auf der Welt liegt aktuell bei etwa 50 Prozent und wird in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich auf 60 Prozent steigen. Im Vergleich dazu waren es vor etwa 200 Jahren nur 5 Prozent.

Es kann sein, dass wir die Größe einer Megacity vielleicht auf über 15 Millionen (oder noch mehr) neu definieren müssen. Bereits die folgenden Top 15 liegen über dieser Zahl:

  • Großraum Tokio (einschließlich Yokohama und Kawasaki) (38 Millionen)
  • Shanghai (34)
  • Jakarta (31)
  • Delhi (27)
  • Seoul (25)
  • Guangzhou (25)
  • Peking (25)
  • Manila (24)
  • Mumbai (Bombay) (23)
  • New York (23)
  • Shenzhen (23)
  • São Paulo, Brasilien (21)
  • Mexiko-Stadt (21)
  • Lagos (21)
  • Osaka, Japan (20)

Die europäischen Städte/Stadträume, die auf über 10 Millionen Einwohner kommen, sind nur diese vier: Moskau (17 Millionen), London (14), Paris (12), Rhein-Ruhr (12).

Es ist leicht zu erkennen, dass die Entwicklungsländer und insbesondere der Ferne Osten die Liste dominieren – und nicht alle haben ihren Ursprung im Kolonialismus. Was den britischen Kolonialismus betrifft, so haben sich aufgrund des Erfolgs von Handelsposten wie Kalkutta, Singapur und Hongkong große Städte oder Stadtstaaten entwickelt. Mumbai, oben erwähnt, war ursprünglich ein portugiesischer Handelsposten, der später von den Briten übernommen wurde, die den portugiesischen Namen Bom Bahia zu Bombay machten. Das britische Kolonialreich wird von vielen missverstanden, weil die treibende Kraft nicht die Macht war, sondern der Handel, obwohl das unweigerlich folgte. Das Britische Empire galt daher als freundlicher und nützlicher als andere Beispiele, sodass der freundschaftliche Staatenbund namens The Commonwealth aus ehemaligen britischen Territorien noch heute besteht.

Die industrielle Revolution in England begann den Trend der schnellen Abwanderung vom Land in die Städte. Schon in der Antike galten Städte im Vergleich zum Land als Orte der Zivilisation. Das berühmte Werk von T. S. Ashton „The Industrial Revolution“ (1760-1830) nennt eine Reihe von Faktoren, die auch für die Gegenwart relevant sind. Auch wenn die negative Seite der industriellen Revolution in der Öffentlichkeit viel Beachtung findet, was oft von Autoren wie Charles Dickens sowie Marx und Engels ausgelöst wird, und obwohl einige die industrielle Revolution als negatives Ereignis betrachteten, so war sie doch eine „Errungenschaft, denn trotz zerstörerischer Kriege und eines schnellen Bevölkerungswachstums wurden die materiellen Standards des britischen Volkes angehoben“.

Arme Landbewohner, die unter kläglichen Bedingungen lebten, in Häusern mit Lehmböden und kaum Heizung, zogen zum Arbeiten in die Städte, wo sie zwar in engen Wohnungen lebten, aber besser als in ihrem früheren Leben. Die Standards für Straßen, Gesundheit und Schulbildung wurden verbessert. Neue Ideen, neue Produkte und eine bessere Nahrungsmittelproduktion stellten sicher, dass das große Bevölkerungswachstum möglich war. Obwohl Hungersnöte und Engpässe nicht beseitigt wurden, waren ihre Auswirkungen und ihr Auftreten viel geringer. Die wissenschaftlichen Fortschritte waren schnell und die Kindersterblichkeitsrate verbesserte sich deutlich. Ashton sagt, dass die Industrielle Revolution „als eine Bewegung zu betrachten ist“ – und das war sie, als sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland und Amerika kam. Megacitys sind eine logische Folge einer anhaltenden industriellen und technologischen Revolution.

Obwohl Perioden des Wandels immer auch Probleme mit sich bringen und ein schneller Wandel vielleicht noch mehr, lohnt es sich dennoch, dies mit dem Nutzen zu verrechnen. Und eine Untersuchung (Johan Norberg – Progress 2016) zeigt, dass diese Vorteile enorm waren. Die Ideen von Marx, wonach die Reichen reicher und die Armen ärmer hätten werden müssen, erweisen sich demnach als lächerlich. Seine Vorhersage, dass die Entfremdung der Arbeiter von ihrem Arbeitsplatz so groß sein wird, dass eine sozialistische/kommunistische Revolution stattfindet, sind einfach eine schlechte Analyse. Natürlich braucht man nur den Durchschnittsarbeiter im modernen China zu fragen, der jetzt einen Fernseher und ein Motorrad hat, und er wird gegen das vorherige marxistische System und dessen Ideen sein.

Norbergs Buch kritisiert die menschliche Neigung, auf die düstere Seite zu schauen – Krieg, Terrorismus, Verbrechen, Ungleichheit, Flüchtlinge, Überschwemmungen, Pandemien und so weiter. Umfragen zeigen ihm zufolge oft, dass die Menschen glauben, das Leben sei schlechter als vor 30 Jahren. In einer Reihe von Übersichten, welche grundlegende Bedingungen untersuchen, zeigt er, dass sich alles verbessert hat, wenn man es über eine angemessen lange Zeitspanne betrachtet.

  • Der globale Wohlstand hat sich von 1900 bis heute dramatisch beschleunigt.
  • Die Unterernährung sank von 50 Prozent im Jahr 1945 auf etwa 10 Prozent im Jahr 2015.
  • Über 90 Prozent der Welt hatten im Jahr 2014 Zugang zu verbessertem Wasser, verglichen mit 50 Prozent vor 40 Jahren.
  • Der Zugang zu verbesserten sanitären Einrichtungen wuchs von 20 Prozent auf fast 70 Prozent.
  • Die Lebenserwartung stieg von 30 Jahren im Jahr 1770 auf 70 Jahre im Jahr 2010.
  • Der Anteil der Welt in Armut sank von 85 Prozent im Jahr 1820 auf 10 Prozent im Jahr 2015.
  • Die Mordrate pro 100.000 fiel von 30 im Jahr 1400 auf unter 5 im Jahr 2000.
  • Die Umweltverschmutzung im Vereinigten Königreich sank von 1970 bis 2015 um 60 Prozent.
  • Der Analphabetismus in der Welt sank von etwa 85 Prozent im Jahr 1820 auf knapp über 10 Prozent im Jahr 2010.
  • Sklaverei war im Jahr 1800 in 60 Ländern legal, heute nirgendwo.
  • Kinderarbeit, die im Jahr 1955 etwa 25 Prozent der Arbeiter weltweit ausmachte, ist heute auf 10 Prozent gesunken.

Die meisten dieser Statistiken sind auf den Erfolg des Kapitalismus und die Urbanisierung zurückzuführen – und das führte offensichtlich zu Megacitys. Keiner von uns sollte überrascht sein, dass die Menschen in Städten mit guter Infrastruktur leben wollen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Probleme, keine schwarzen Flecken des Mangels, keine Kriminellen gibt, aber es besteht kein Zweifel daran, dass die Städte das Leben im Laufe der Zeit besser gemacht haben. Sie haben eine Spezialisierung der Dienstleistungen ermöglicht, mehr Auswahl in der Bildung, mehr Arbeitsplätze, mehr Sicherheit und mehr Möglichkeiten im Allgemeinen.

Marketing-Chefs und Strategieabteilungen globaler und lokaler Unternehmen haben die Megacitys zunehmend als Ballungszentren wahrgenommen, wo sie ihre Kampagnen konzentrieren können, wo die Lieferkosten niedriger sind, wo die Lagerung bequemer und das Wachstum offensichtlich ist.

Wir sollten jedoch neben den bereits genannten Punkten auch die negativen Aspekte nicht vergessen: Slums, Kriminalität, Staus, Umweltverschmutzung und mangelnde Infrastruktur. Wenn die Fortschritte, die Johan Norberg veranschaulicht, fortgesetzt werden sollen, müssen wir Lösungen finden, so wie unsere Vorfahren im Viktorianischen Zeitalter das U-Bahn-Netz erfunden und in wissenschaftliche Forschung investiert haben sowie in Straßen und Brücken, neue Materialien und neue Pflanzensorten, neue Pestizide und Medikamente, neue Energiequellen und Kommunikationsmittel. Wenn wir uns heute zum Beispiel die römische oder die viktorianische Kanalisation in London ansehen, können wir die Fähigkeit des Menschen bewundern, sich großen Herausforderungen zu stellen. Die Kanalnetze in Großbritannien und auf dem europäischen Kontinent sind Wunder des Tiefbaus – und die Schweizer Eisenbahnen zeigen, was auch an den unzugänglichsten Orten möglich ist.

Das Wachstum der Megastädte ist für viele Menschen auf der Welt eine Chance, ihre Lebensaussichten zu verbessern, aber zugleich auch eine große Herausforderung für die Gesellschaft, Nachhaltigkeit zu gewährleisten – nicht zuletzt im Kontext einer höheren Lebenserwartung. Wir sollten auch die regionalen Ballungsräume nicht vergessen. Die zweite Mitteleuropäische Konferenz über Regionalwissenschaften 2007 prognostizierte eine reiche Region innerhalb der Linien London-Paris-Mailand-München-Hamburg in der EU und benachteiligte Regionen außerhalb, wobei alle in dem Fünfeck gut abschneiden würden und alle außerhalb schlecht. Andere Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizierten ähnliche Ergebnisse. Diese Prognosen erwiesen sich als recht genau – und die EU kämpft mit den Folgen.

Doch der Einfallsreichtum der Menschheit ist grenzenlos, und wir müssen erst durch rückwärts gewandte Bürokraten und durch starre Umweltschützer, welche die Welt in einem statischen Zustand einfrieren wollen, von neuen Entwicklungen und neuen Lösungen abgehalten werden. Wir brauchen neue umweltfreundliche Pestizide und neue effiziente Systeme zur Nutzung von Ressourcen und zum Recycling. Natürlich müssen wir darauf achten, Katastrophen wie Tschernobyl oder durch Fahrzeuge verursachten Smog zu vermeiden. Aber die neuen Stadtbewohner werden es den Schwarzsehern nicht verzeihen, wenn sie ihr Leben nicht durch materiellen und kulturellen Fortschritt verbessern können.


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