Eine neue Hauptstadt für Indonesien

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 5 min
31.12.2019 13:00
Indonesien füllt gerade mit ambitionierten Plänen die internationale Presse. Das südostasiatische Land will die „beste Hauptstadt der Welt“ bauen. Dass Staaten sich neue Regierungssitze errichten, ist gar nicht mal so selten. Gerade wir Deutschen sollten das nicht vergessen.
Eine neue Hauptstadt für Indonesien
Die Metropole platzt aus allen Nähten. (Foto: dpa)
Foto: Bagus Indahono

Benachrichtigung über neue Artikel:  

„Wir haben einen großen Traum“, sagte der Staatspräsident Indonesiens, Joko Widodo. „Unsere neue Hauptstadt soll die beste der Welt sein – und zwar die sauberste und innovativste Stadt, die es gibt“, zeigte sich das 58jährige sehr optimistisch. „Sie wird nicht nur ein Symbol unserer nationalen Identität sein, sondern auch zeigen, wie weit sich unser Volk entwickelt hat“, führte Widodo weiter aus.

Damit unterstrich das Staatsoberhaupt Ende September bei der Eröffnung der Baumesse in Jakarta, der derzeitigen Hauptstadt, die großen Ambitionen, die seine Regierung hat: Indonesien, das in den vergangenen 20 Jahren seine jährliche Wirtschaftsleistung verzehnfacht hat, will eine neue Hauptstadt aus dem Boden stampfen, die weltweit neue Maßstäbe setzt. Widodo hatte die Grundzüge des Mega-Projektes bereits im August des laufenden Jahres der internationalen Presse vorgestellt.

Die Regierung will ihre neue Residenz auf der Insel Borneo errichten – und zwar an einer Bucht, die sich in der Region Kalimatan im Osten des Eilandes befindet – etwa 1.300 Kilometer von Jakarta entfernt. 2020 wird hier mit dem Bau begonnen, vier Jahre später soll das Projekt fertig sein. Letztlich werden hier 1,5 Millionen Menschen wohnen. Jakarta hingegen wird den Planungen zufolge als wirtschaftliches Zentrum des Landes bestehen bleiben.

Hohe Kosten hinterlassen Abdruck auf gesamtwirtschaftlicher Rechnung

Wie ambitioniert das Projekt ist, wird nicht zuletzt an den Kosten deutlich, die es verursacht: Die indonesischen Medien nennen Zahlen zwischen 33 und 48 Milliarden Dollar – also Summen, die einen klaren Abdruck auf der gesamtwirtschaftlichen Rechnung hinterlassen. Zur Einordnung: Pro Jahr generiert das Land, das sich über tausende von Vulkaninseln verteilt, knapp eine Billion Dollar.

Es geht darum, insgesamt 180.000 Staatsdiener, die im Regierungsapparat arbeiten, sowie 141.000 Regierungsfahrzeuge in die neue Stadt zu transferieren. Das ist deswegen nicht so einfach, weil beide Orte so weit entfernt liegen. Besonders schwierig ist es, die Anwesenheit der Armee in der Nähe der neuen Residenz zu erhöhen. Die politische Führung will dort ein neues militärisches Hauptquartier errichten, das schätzungsweise 15.000 Mitarbeiter beschäftigt. Allein die Kosten für die Verlagerung des Militärs betragen neun Milliarden Dollar.

Alte Hauptstadt platzt aus allen Nähten

Die Gründe für den Neubau der Hauptstadt sind vielfältig: Zum einen platzt der Großraum Jakarta, das alte Domizil der Regierung, mit seinen rund 31 Millionen Einwohnern aus allen Nähten. Damit ist dieser Ballungsraum der zweitgrößte der Welt – gleich nach Tokio (37 Millionen). Auf dem dritten Rang liegt Delhi (25,7 Millionen).

Zum anderen senkt sich der Boden, auf dem sich die Stadt befindet, durch die verstärkte Entnahme von Grundwasser immer mehr ab. Darüber hinaus droht hier ständig der Verkehrskollaps. Ein weiteres Problem ist, dass die Region, wo sich Jakarta befindet, von Erdbeben bedroht ist. In der Gegend hingegen, wo die neue Hauptstadt liegen soll, ist diese Gefahr weniger groß.

„Wir werden diese Bucht genau untersuchen, um damit zu zeigen, dass wir ein Volk sind, das sich mit dem Meer und Inseln auskennt“, sagte der Sprecher der Regierung Suharso Monoarfa. „Wir werden sie schöner machen, als sie jetzt ist“, erklärte der Politiker. „Der Regierungspalast, der hier entsteht, wird im indonesischen Stil sein“, betonte er, dass Indonesien damit auch zeigen will, wie sehr das Land die koloniale Vergangenheit abgelegt hat.

Bisher gibt es sechs Residenzen für die Regierung, die im ganzen Land verteilt sind. Doch sind sie im Stil der alten niederländischen Kolonialmacht erbaut. Die Niederlande haben die Unabhängigkeit des südostasiatischen Landes 1949 anerkannt.

Neue Hauptstadt Kasachstans trägt jetzt Namen des Präsidenten

Ein weiteres Land, das in der Vergangenheit mit dem Bau einer neuen Hauptstadt Schlagzeilen gemacht hat, ist Kasachstan. Sie hat im März des laufenden Jahres einen neuen Namen bekommen: So heißt die Stadt, die zuvor den Namen Astana trug, seitdem Nur-Sultan – zu Ehren des ehemaligen Staatspräsidenten Nursultan Nasarbajew. Das Staatsoberhaupt hat das Land zwischen 1990 und 2019 teilweise mit harter Hand geführt – also fast 30 Jahre.

Seit 1998 ist der Standort die Hauptstadt Kasachstans. Und auch davor hatte der Ort schon einige Umtaufen hinter sich. Der Diktator Nasarbajew war es auch gewesen, der die Verlegung des Regierungssitzes in diese Region angeordnet hatte. Ursprünglich war Almaty nach der politischen Wende das Domizil der politischen Führung gewesen – mit knapp zwei Millionen Einwohner die größte Stadt des Landes. Der Nasarbajew glaubte, in der neuen Hauptstadt separatistische Tendenzen besser unterdrücken zu können, die im Nordosten des Landes verstärkt auftraten. Diese Gebiete werden überwiegend von Russen bewohnt.

Den Umzug ließ sich der Diktator einiges kosten: So pumpte der Staatspräsident insgesamt zehn Millionen Dollar in den neuen Standort. Darüber hinaus engagierte er Stararchitekten, die ihm die Stadt verschönern sollten. Damit verfolgte Nasarbajew also ähnliche Ziele wie sein indonesischer Amtskollege Widodo heute.

Der neue Regierungssitz von Myanmar – eine Geisterstadt

Ebenso aus politischen Gründen hat Myanmar seine Hauptstadt neu errichtet. 2005 hatte das damalige Militärregime beschlossen, seinen Regierungssitz zu verlegen. Die neue Stadt, die den Namen Naypyidaw trägt, musste dafür regelrecht aus dem Boden gestampft werden. Das bedeutet ungefähr so viel wie „Der Sitz der Könige“. Ursprünglich hatte die Regierung ihr Domizil in Rangun – der mit sechs Millionen Einwohnern größten Stadt des südostasiatischen Staates.

Sie ist nach wie vor das wirtschaftliche Zentrum des Landes, das mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 70 Milliarden Euro ungefähr auf einem ähnlichen Niveau liegt wie Brandenburg. Die politische Führung wollte einen Standort, der von allen Teilen des Landes leicht zu erreichen is. Bei Rangun sei dies nicht immer der Fall gewesen, so die Kritik.

Dieser Fall gilt als absurd, weil dort zwar offiziell eine Millionen Menschen wohnen, doch wirkt der Regierungssitz tatsächlich wie leergefegt, so dass Naypyidaw wie eine Geisterstadt wirkt. Beispielsweise fahren über eine mehrspurige Autobahn nur ein paar Autos und sogar Fahrräder. Dort hat sich bis heute kein lebendiges Flair entwickeln können. Die Regierungsbeamte, die dort wohnen, können zwar viele Waren in den zahlreichen Einzelhandelsgeschäften kaufen, doch lebt dort sonst kaum jemand. Das ist bis heute so geblieben, auch wenn die Militärjunta 2011 von einer demokratischen Regierung abgelöst worden ist.

Es sieht fast so aus, dass nur in Ländern, die weit von Europa entfernt liegen, die politische Führung beschließt, eine neue Hauptstadt zu gründen. Doch dürfen wir Deutschen nicht vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass wir auch unseren Regierungssitz verlegt haben – und zwar von Bonn nach Berlin. Das ist zwar schon fast 30 Jahre her, aber ein wichtiger Teil unserer Geschichte.



DWN
Politik
Politik Wendepunkt in Syrien: Kurden-Miliz YPG schließt sich erstmals Assad an

Erstmals im Syrien-Konflikt haben sich offenbar schwer Verbände der Kurden-Miliz YPG der syrischen Armee angeschlossen, um eine gemeinsame...

DWN
Technologie
Technologie Deutschlands gefährliche Wette auf den Beginn eines goldenen Elektro-Zeitalters

Deutschlands Automobilkonzerne entlassen zehntausende Mitarbeiter, um Milliarden in den Aufbau ihrer Elektrosparten zu stecken. Die Wette...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche wollen neues System, aber: Österreichs paradiesische Renten sind teuer erkauft

DWN-Kolumnist Roland Barazon vergleicht die Renten-Situation in Deutschland und Österreich. Er präsentiert seine Sicht der Dinge und...

DWN
Finanzen
Finanzen In China wird Bargeld wegen des Corona-Virus gehortet - in Deutschland wegen des EZB-Virus

Nachdem die EZB im Sommer 2016 den Negativzins von 0,2 Prozent auf 0,4 Prozent erhöht hatte, begannen deutsche Banken vermehrt damit,...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Unternehmen fallen technologisch immer weiter zurück: Militärisches Forschungszentrum soll Abhilfe schaffen

Im Software-Bereich ist Deutschland international in keiner Weise konkurrenzfähig, und auch bei der Künstlichen Intelligenz und der...

DWN
Finanzen
Finanzen Dubai: Der glitzernde Schuldenturm im Wüstensand beginnt zu wanken

Ohne die Intervention des Schwesteremirats Abu Dhabi wäre Dubai schon 2008 bankrott gewesen. Noch täuscht die glitzernde Skyline über...

DWN
Politik
Politik Bürger contra Eliten: Wie das britische Volk den Brexit gegen den Widerstand seiner Mächtigen durchsetzte

DWN-Großbritannien-Korrespondent Keith Miles analysiert, wie die britische Elite sich gegen das Volk stellte und alles tat, um den Brexit...

DWN
Panorama
Panorama Eine fast ausgestorbene Schweine-Rasse feiert ihr Comeback in Europa

Das Mangalica-Schwein hat zurückgefunden nach Europa. Es geht genetisch zurück auf eine Rasse aus dem Römischen Reich. Einem ungarischen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Preise zu hoch: Russischer Automarkt bricht ein

Die Automobilpreise in Russland steigen massiv – der Automarkt droht einzubrechen.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Corona-Virus: Was wirklich dahinter steckt

Über das Corona-Virus ist schon viel geschrieben worden - die tatsächlichen Hintergründe kennen jedoch nur wenige. DWN-Autor Michael...

DWN
Finanzen
Finanzen Nachfrage reißt nicht ab: Die Türkei produziert mehr Goldmünzen als jedes andere Land der Welt

Im vergangenen Jahr hat die staatliche Münzprägeanstalt der Türkei deutlich mehr Goldmünzen produziert als jedes andere Land.

DWN
Panorama
Panorama Die Fugger als Sinnbild des deutschen Mittelstands

Das Kaufmannsgeschlecht der Fugger hat es zu Weltruhm gebracht. Noch heute gilt es als Vorbild für den rasanten Aufstieg einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum die Aktienkurse trotz Corona-Krise weiter steigen

Die Korrektur im US-Aktienmarkt infolge des sich ausbreitenden Corona-Virus war geringfügig und schnell wieder vorbei. Und auch in den...

DWN
Deutschland
Deutschland Großauftrag von korrupter ukrainischer Staatsbahn: Die Deutsche Bahn läuft ins offene Messer

Die Deutsche Bahn wird die Ukrainischen Staatsbahnen (US) in großem Stil beraten. Dabei hat sie offenbar übersehen, dass bei der US die...

celtra_fin_Interscroller