Politik

Ehemaliger Verfassungsschützer Maaßen: In Deutschland drohen Anschläge durch den Iran

Der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, warnt vor iranischen Anschlägen in Deutschland.
11.01.2020 16:06
Aktualisiert: 11.01.2020 16:06
Lesezeit: 2 min
Ehemaliger Verfassungsschützer Maaßen: In Deutschland drohen Anschläge durch den Iran
Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Dr. Maaßen, haben die jüngsten Ereignisse im Iran Auswirkungen auf die innere Sicherheit der Bundesrepublik?

Hans-Georg Maaßen: Ja, sowohl die politische Lage im Mittleren Osten im Allgemeinen als auch die jüngsten Spannungen zwischen den USA und dem Iran im Besonderen sind für die innere Sicherheit Deutschlands in hohem Maße relevant. Die beiden Hauptfeinde des Irans, die USA und Israel, haben in Deutschland vielerlei Interessen und sind hierzulande dementsprechend mit Einrichtungen und Institutionen vertreten. Wenn der Iran versucht, diese seine Gegner zu treffen, dann kann dies auch in Deutschland geschehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Verfügt der Iran über die entsprechenden Möglichkeiten?

Hans-Georg Maßen: In der Vergangenheit sind geheime Aktivitäten der iranischen Al-Quds-Einheit (die Elite-Einheit der iranischen Revolutionsgarden – Anm. der Red.) immer wieder bekannt geworden. Sie ist nachrichtendienstlich tätig und überwacht diejenigen, die sie als die Feinde des Irans ausgemacht hat. Auch potentielle Anschlagsziele, sowohl Einrichtungen als auch exponierte Einzelpersonen, werden ausspioniert. Die Einheit ist äußerst aggressiv und offensiv. Wenn es ihr opportun erscheint, wird sie nicht zögern, Anschläge zu begehen und Angriffe auszuführen. Ich möchte an den Fall Reinhold Robbe erinnern. Der ehemalige Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) wurde im Auftrag der Al-Quds-Einheit von einem pakistanischen Staatsangehörigen ausspioniert. Ich bin sicher, dass ein Anschlag auf Robbe eine absolut realistische Möglichkeit war.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Nun ist Herr Robbe ja wegen seiner Nähe zu Israel ins Visier des Irans geraten. Wie wahrscheinlich ist es, dass Einrichtungen und Personen, die weder mit Israel noch mit den USA affiliiert sind, in Deutschland zu Anschlagszielen werden?

Hans-Georg Maaßen: Deutschland spielt im Zusammenhang mit den jüngsten Spannungen keine wichtige Rolle; die Bundesregierung hat sich einer Positionierung in dem Konflikt weitestgehend enthalten. Daher dürften derzeit primär amerikanische, aber unter Umständen auch israelische Einrichtungen und Personen als Anschlagsziele in Betracht kommen. Natürlich könnten dabei auch Deutsche zu Schaden kommen, aber das wären dann eher Unbeteiligte – in den Augen des Irans würde es sich um Kollateralschäden handeln.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ausländische Einrichtungen und Personen als Ziele terroristischer Anschläge in Deutschland – was heißt das für unsere Sicherheitsbehörden? Wie wäre der Verfassungsschutz unter Ihrer Ägide vorgegangen?

Hans-Georg Maaßen: Entscheidend sind in einer solchen Lage die Informationsgewinnung und der Informationsaustausch mit verlässlichen Partnerdiensten. Die deutschen Nachrichtendienste tauschen sich mit ihren Partnern über deren Erkenntnisse zu möglichen Gefährdungen deutscher Interessen und von ausländischen Einrichtungen und Personen in Deutschland aus. Dies wird sicherlich auch jetzt geschehen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Laut US-Präsident Donald Trump geschah die Tötung Soleimanis, um weiteren Angriffen und Terror-Aktionen seitens des Irans zuvorzukommen. Glauben Sie, dass die Welt durch den Tod des Generals sicherer geworden ist?

Hans-Georg Maaßen: Soleimani war für furchtbare Attentate in vielen Teilen der Welt verantwortlich. Er hat versucht, das, was er als iranisches Interesse definiert hat, im Ausland mit Terror durchzusetzen. Aber: Er war ein eiskalter Stratege, in vielerlei Hinsicht ein rationaler Kopf. Das hat ihn berechenbar gemacht. Durch seinen Tod hat sich die Situation im Iran stark emotionalisiert. Auf seinem Nachfolger Ismail Kaani lastet jetzt ein enormer Druck: Große Teile des Volkes erwarten, dass er den Tod seines Vorgängers rächt. Diesem Druck wird er sich kaum entziehen können. Insofern ist die Welt durch Soleimanis Tod nicht sicherer geworden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Für wie gefährlich halten Sie den iranischen Terrorismus? Über welche Möglichkeiten verfügt er?

Hans-Georg Maaßen: Ich halte ihn für sehr gefährlich. Gefährlicher als den des IS und Al-Qaidas. Terroranschläge durch die iranische Al-Quds-Einheit wären Staatsterrorismus. Ein Staat verfügt über andere Mittel als islamistische Terrororganisationen wie Al-Qaida oder der IS. Der Iran ist zwar ein islamischer Staat, aber die Ziele, die er verfolgt, sind politischer Natur, nicht religiöser.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Dr. Maaßen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wadephuls Afrika-Reise: Deutschlands Suche nach neuen Chancen
22.07.2026

Neue Märkte, kritische Rohstoffe und politische Allianzen: Deutschland setzt verstärkt auf Afrika. Außenminister Johann Wadephul...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell über 25.000 Punkten: Start der Berichtssaison im Fokus
22.07.2026

Zum Handelsstart behauptet der DAX die Marke von 25.000 Punkten und profitiert von der beginnenden Berichtssaison. Mehrere Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Monta Klebebandwerk beantragt Insolvenz: Wie es für das Traditionsunternehmen nun weitergeht
22.07.2026

Mit Kunden in mehr als 50 Ländern zählt die Monta Klebebandwerk GmbH zu den bekannten Herstellern von Verpackungs- und...

DWN
Technologie
Technologie Cyberkriminelle greifen digitale Banken an
22.07.2026

Neobanken wachsen rasant – und ziehen dabei zunehmend Betrüger an. Die FIU meldet einen Rekord bei Verdachtsfällen und enthüllt einen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europäische Aktien: Europa verschwindet aus der Börsen-Weltspitze
22.07.2026

Europas Börsenriesen verschwinden aus der Weltspitze: Nur noch drei europäische Unternehmen gehören zu den 50 wertvollsten Konzernen der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk-Aktien steigen um 14,5 Prozent, da Chip-Werte das Thema Iran-Krieg überschatten
21.07.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street aktuell antreiben und warum Anleger trotz globaler Krisen optimistisch bleiben.

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
21.07.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Politik
Politik Grönland gegen Kopenhagen: Jetzt soll die Macht neu verteilt werden
21.07.2026

Der Druck der USA auf Grönland verändert die Machtverhältnisse im hohen Norden. Plötzlich zeigt sich Dänemark offen für Forderungen,...