Bestseller-Autor Jens Berger: Gegen den Willen der Finanzkonzerne geht in Deutschland gar nichts mehr

 

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15.01.2020 06:32
Die Bedeutung der großen Finanzkonzerne wächst unaufhaltsam. Wie sie auch in Deutschland immer mehr Macht an sich reißen, enthüllt Bestseller-Autor Jens Berger im großen DWN-Interview.
Bestseller-Autor Jens Berger: Gegen den Willen der Finanzkonzerne geht in Deutschland gar nichts mehr
Sitz vieler Finanzinvestoren: Die Wall Street in New York. (Foto: dpa)

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Die Bedeutung der großen Finanzkonzerne wächst ständig. Allein die drei größten verwalten weltweit ein Vermögen von rund 15 Billionen Dollar. Und mehr als die Hälfte der Aktien der DAX-Konzerne werden heute von institutionellen Investoren aus den USA, Großbritannien und Irland gehalten.

Daraus erwächst nicht nur eine gewaltige wirtschaftliche, sondern auch politische Macht. Der Journalist Jens Berger hat sich in seinem neuen Buch „Wer schützt die Welt vor den Finanzkonzernen?“ eingehend mit der Thematik befasst. Da lag es für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten nahe, mit dem Bestseller-Autoren ein ausführliches Interview zu führen. Bergers Aussichten sind in hohem Maße erhellend – und erschreckend zugleich.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ihr Werk „Wer schützt die Welt vor den Finanzkonzernen?" ist diese Woche erschienen. Wozu ein Buch über das Thema?

Jens Berger: Die drei Großen der Branche – das sind die Firmen „BlackRock“, „Vanguard“ und „State Street“ – verwalten zusammengenommen ein Vermögen von fünfzehn Billionen US-Dollar. Das sind 2.000 US-Dollar pro Erdenbewohner, vom Säugling in Tansania bis zur Greisin in Kyoto. Dieses Vermögen ist in Anleihen und Aktien investiert, und auch hier sprengen die Zahlen die Vorstellungskraft. Bei 88 Prozent aller im S&P-500-Index vertretenen Unternehmen, also den 500 größten Aktienkonzernen der USA, ist einer dieser drei Finanzkonzerne der größte Einzelaktionär. Allein „BlackRock“ hält mehr Aktien an Google als Unternehmensgründer Sergej Brin und zusammen mit „Vanguard“ auch mehr Aktien an Amazon als Jeff Bezos. International ist „BlackRock“ an über 7.000 Konzernen mit mehr als drei Prozent beteiligt. Auch in Deutschland ist „BlackRock“ bei jedem zweiten Dax-Konzern der größte Anteilseigner. Dennoch kommt „BlackRock“ in den Medien nur sehr selten vor und „Vanguard“ sowie „State Street“ sind nahezu gänzlich unbekannt. Ein guter Ansatz für ein Buch, wie ich finde.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Der Untertitel Ihres Buches lautet „Die heimlichen Herrscher und ihre Gehilfen." Wer sind diese Gehilfen?

Jens Berger: Das ist die Politik. Vor allem in Folge der Finanzkrise hat die Politik diesen Finanzkonzernen Tür und

Tor geöffnet. Ein großer Teil des verwalteten Vermögens dieser Konzerne stammt aus den Geldern, die allmonatlich weltweit in die private Vorsorge eingezahlt werden. Das fängt bei Lebensversicherungen und der betrieblichen Altersvorsorge an, geht über die Rückstellungen und den Kapitalstock der privaten Krankenversicherungen bis hin zur eigenverantwortlichen Investition in Indexfonds und ETFs, die ja zurzeit sehr populär ist. Gleichzeitig wurden die Regulierungen für diese Konzerne geschliffen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ein Phänomen gerade in den angelsächsischen Ländern ist, dass immer mehr Pensionsfonds ihre Gelder Vermögensverwaltern wie „BlackRock“ oder „Vanguard“ anvertrauen. Diese legen sie zu großen Teilen in Aktien an. Was sind die Chancen und Risiken einer solchen Strategie?

Jens Berger: Der wohl größte Vorteil ist, dass man über dieses Outsourcing Kosten spart, da die Produkte und Lösungen dieser Finanzkonzerne in der Tat sehr kostengünstig sind. Ein wichtiger Nebenaspekt ist jedoch auch, dass man sich so bequem aus der Verantwortung stehlen kann. Und die ist ja nicht eben gering, wenn man bedenkt, dass es dabei zum Teil um die kompletten Alterseinkünfte von Krankenschwestern, Lehrern oder Polizisten geht. Da schläft es sich ruhiger, wenn man nicht selbst, sondern ein in der Branche anerkannter Risiko-Spezialist wie „BlackRock“ die Verantwortung trägt. Doch diese Sicherheit ist trügerisch, da „BlackRock“ und Co. diese Verantwortung natürlich nicht wirklich tragen und mit keinem Cent für Verluste haften. Was passiert denn, wenn die Aktienmärkte sich nicht immer nach oben bewegen, sondern es zu einer längeren Finanzkrise kommt? Dann sitzen die Krankenschwestern, Lehrer und Polizisten nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz real auf der Straße, weil die gesamten Alters-Rücklagen plötzlich weg sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihrem Buch kommen Sie auch auf eine Wohnanlage in New York namens „Stuyvesant Town“ zu sprechen. Dort sind die Mieten explodiert, nachdem ihn ein Fonds übernommen hatte. Ist es möglich, dass Menschen, deren Pensionsansprüche von einem solchen Fond gemanagt werden, nun ihre Miete nicht mehr zahlen können, damit die Rendite des Fonds stimmt? Mit anderen Worten: Sind viele der Profiteure eines solchen Systems gleichzeitig seine Opfer?

Jens Berger: Im gesamtwirtschaftlichen Sinn ist das genau so. Die Profite der Konzerne, an denen „BlackRock“ und Co. beteiligt sind, werden ja schlussendlich nicht nur vom Bürger erwirtschaftet, sondern auch bezahlt. Die Mieten sind dafür ein sehr plastisches Beispiel, aber das gilt indirekt für alle Preise. Aber auch direkt gibt es dabei einen Interessenkonflikt. Das kann man an einem Beispiel auf einzelwirtschaftlicher Ebene schön verdeutlichen. Wenn beispielsweise ein Arbeiter für seine private Altersvorsorge direkt oder indirekt monatlich Geld in ein Finanzprodukt von „BlackRock“ einzahlt, vertritt „BlackRock“ ja treuhänderisch seine Interessen auf der Kapitalseite der Unternehmen, in die man mit dem Geld investiert. Doch sind dies wirklich die Interessen des Arbeiters? Sicher sind sie es nicht, wenn „BlackRock“ sich nun als Großaktionär seines eigenen Arbeitgebers für Kosteneinsparungen beim Personal einsetzt und er (der Arbeiter) vor die Tür gesetzt wird. Gesamtwirtschaftlich kommen da die alten Klasseninteressen wieder aufs Tableau. Die Arbeitnehmer geben der Kapitalseite mit ihren Ersparnissen die Macht, gegen die Interessen der Arbeitnehmerschaft zu agieren. Das ist schon ziemlich perfide.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird sich die Altersvorsorge in Deutschland zunehmend am amerikanischen Modell ausrichten?

Jens Berger: Wir sind leider auf den besten Weg dorthin. In den USA gibt es über das staatliche Sozialsystem bestenfalls eine Basisrente. Alles was darüber liegt, muss über private Modelle an den Finanzmärkten erwirtschaftet werden. Dies ist jedoch eine Illusion, da jeder Sozialaufwand stets aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt wird. Gesamtwirtschaftlich gibt es kein „Sparen“ im einzelwirtschaftlichen Sinn. Die einzigen Drehschrauben, die man hat, sind die Bemessung der Ansprüche und die Lenkung der Finanzströme.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sollte die Politik gegensteuern? Sollten die Renten etwa über Steuern finanziert werden?

Jens Berger: Die Politik sollte auf jeden Fall gegensteuern. Es gibt ja ein System, das nicht von der Laune der Finanzmärkte abhängig und dabei im Kern auch sehr gerecht ist. Und das ist das gute alte Umlagesystem, bei dem die laufenden Ansprüche in der gleichen Periode durch die laufenden Einzahlungen gedeckt werden. Ob dies nun über Beiträge oder komplett über Steuern finanziert wird, ist erst einmal zweitrangig. Wichtiger ist die Frage, wie und von wem diese Beiträge erhoben werden. Ein Fehler des jetzigen Umlagesystems ist, dass nur die sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer – und auch die nur bis zu einer Beitragsbemessungsgrenze – in das System einzahlen müssen. Einkünfte aus Sach- und Kapitalvermögen bleiben dabei außen vor. Das ist unverständlich, ist die Altersvorsorge der Bevölkerung doch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Die großen Vermögensverwalter wie „BlackRock“ haben die Altersvorsorge in asiatischen Ländern wie China als neues Geschäftsfeld ausgemacht. Wüchse damit auch die politische Macht dieser Finanzkonzerne in Asien?

Jens Berger: Auf jeden Fall. Allen voran China ist die letzte Bastion, die von diesen Vermögensverwaltern noch geknackt werden muss. Hierzu gibt es widersprüchliche Meldungen. Auf der einen Seite ist „BlackRock“ mit einem Joint Venture mit einem chinesischen Finanzkonzern jetzt frisch in den Markt eingestiegen, aber auf der anderen Seite hat China im Inland nach wie vor sehr strenge Richtlinien, die ausländischen Finanzkonzerne eine maßgebliche Beteiligung an Konzernen oder auch Immobilienprojekten untersagen. Für mich sieht es eher so aus, als erlaube China seinen Bürgern nun zwar in einem beschränkten Rahmen die Beteiligung an indirekten Investitionen im Ausland, lässt aber ausländische Konzerne umgekehrt nicht die Renditen aus dem heimischen Markt abschöpfen. Diese Strategie ist nicht eben dumm.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: BlackRock“ & Co. haben sich auch in fast alle DAX-Konzerne eingekauft. In Ihrem Buch beschreiben Sie den fiktiven Rücktritt Joe Kaesers als Vorstandsvorsitzender der Siemens AG. In dem von Ihnen entworfenen Szenario habe der sich nicht an die Russlandsanktionen gehalten. „BlackRock“ werde bald einen Nachfolger für Kaeser vorstellen. Wie groß ist denn die Macht der amerikanischen Finanzkonzerne in der deutschen Wirtschaft?

Jens Berger: Sehr groß. Mehr als die Hälfte der Aktien der DAX-Konzerne werden heute von institutionellen Investoren aus den USA und Großbritannien sowie Irland gehalten. Dort sind die meisten Finanz-Vehikel der Finanzkonzerne registriert. Gegen den Willen dieser Konzerne geht in Deutschland schon lange nichts mehr, und es wird deshalb ja auch gar nicht versucht. Nur deshalb ist das Beispiel mit Joe Kaeser fiktiv; möglich wäre das schon heute.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Und was sollte „BlackRock“ dagegen haben, wenn Siemens in Russland gute Geschäfte macht?

Jens Berger: „BlackRock“ hätte da sicherlich aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt nichts gegen. „BlackRock“ ist jedoch ein US-Konzern, der unter die US-Jurisdiktion fällt und nebenbei auch noch von der FED und der US-Wertpapieraufsicht SEC abhängig ist. Wenn die USA also unilateral Sanktionen gegen Iran oder Russland verhängen, ist „BlackRock“ an diese Sanktionen gebunden und müsste, wenn es hart auf hart kommen sollte, seine Macht auf der Kapitalseite deutscher Aktiengesellschaften spielen lassen, um einen Vorstand auszutauschen, der gegen diese US-Gesetze verstößt. Vorstände werden schließlich von der Kapitalseite ernannt, und wenn die Kapitalseite mehrheitlich angloamerikanische Finanzkonzerne sind, dann können sie de facto auch nach freiem Belieben die Vorstände deutscher Aktiengesellschaften entlassen und bestellen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Werden die Finanzkonzerne in naher Zukunft über das Wohl und Wehe ganzer Nationen bestimmen können?

Jens Berger: Von dieser Dystopie weltweit agierender Megakonzerne sind wir zumindest nicht mehr allzu weit entfernt. Die Voraussetzungen dafür sind ja bereits da. Man sollte sich wohl eher die Frage stellen, ob die Finanzkonzerne nicht indirekt bereits heute zumindest mitentscheiden. Auf dem Gebiet der Finanzmarkt-Regulierung ist es bereits soweit und selbst bei der angeblich so unabhängigen Notenbankpolitik spielen die Interessen der Finanzkonzerne mit rein. Wahrscheinlich wird die Forcierung der privaten Altersvorsorge die nächste Nagelprobe sein. Da laufen momentan auf EU-Ebene bereits entsprechende Prozesse.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Möglichkeiten gäbe es, dieser Entwicklung gegenzusteuern? Und wie wahrscheinlich ist es, dass diese ergriffen werden?

Jens Berger: Da ist leider kein Licht am Ende des Tunnels. Möglichkeiten gäbe es. Zum einen könnte man den Konzernen die Zuflüsse abschneiden, indem man die gesetzlichen Renten stärkt und die private Altersvorsorge damit beschneidet. Man könnte „BlackRock“ und Co. auch als Anbieter von Finanzprodukten zur Altersvorsorge zwingen, selbst Rücklagen zu bilden, um im Verlustfall zumindest die einbezahlten Beiträge zu garantieren. Das würde das komplette Geschäftsmodell dieser Konzerne auf den Kopf stellen. Auch das Kartellrecht würde Möglichkeiten bieten – wenn ein Finanzkonzern maßgeblich an einer gesamten Branche beteiligt ist, ist dies ein kartellrechtliches Problem aus dem Lehrbuch. Aber wahrscheinlich wäre die radikalste Lösung ohnehin die Zerschlagung dieser Konzerne, die längst zu groß und zu mächtig sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Chile, im Libanon, in Frankreich gibt es Proteste, die oft von der unteren Mittelschicht ausgehen. Bedrohen die zunehmenden sozialen Gegensätze dort die Stabilität des politischen Systems?

Jens Berger: Ja, wobei in Chile ja genau das Experiment gescheitert ist, das in Frankreich und anderswo jetzt wieder einmal als Lösung des Problems verkauft wird. Dort haben sich die privaten Altersvorsorgemodelle als Flop herausgestellt und breite Schichten von chilenischen Rentnern stehen nun auf Sozialhilfeniveau da. Leider wird über das Scheitern des chilenischen Modells, das ja das direkte Vorbild aller anderen privaten Altersvorsorgemodelle ist, kaum hingewiesen. Stattdessen streut man den Menschen weiter Sand in die Augen. Die Finanzkonzerne freut´s.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was passiert, sollte es in den nächsten Jahren zu einem größeren Wirtschafts-Crash kommen?

Jens Berger: Dann werden die Aktienkurse in den Keller gehen und mit ihnen lösen sich die Versprechen an die privaten Altersvorsorgemodelle in Luft auf. Die Folgen wären dramatisch, vor allem für die Länder, die massiv auf private Altersvorsorge gesetzt haben; allen voran die USA, aber auch Länder wie Australien und Neuseeland. Vielleicht wird man dann ja nach Deutschland und Österreich schauen und die Segnungen des Umlagesystems verstehen.

Info zur Person: Jens Berger ist Journalist, politischer Blogger und Redakteur der NachDenkSeiten. Er befasst sich mit und kommentiert sozial-, wirtschafts- und finanzpolitische Themen. Berger ist Autor mehrerer Sachbücher, etwa des Spiegel- Bestsellers "Wem gehört Deutschland?" (2014) sowie des in dieser Woche erschienenen „Wer schützt die Welt vor den Finanzkonzernen?"


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