Finanzen

Großbrand hinter den Kulissen: 40 Prozent aller US-Firmen sind in die roten Zahlen gerutscht

40 Prozent aller börsennotierten Unternehmen in den USA haben in den vergangenen 12 Monaten Verluste erwirtschaftet. Einzig günstige Kredite halten die Zombies noch über Wasser. Derweil ist die Federal Reserve wieder in den Krisenmodus übergegangen und pumpt hunderte Milliarden in das System.
27.01.2020 12:00
Lesezeit: 3 min
Großbrand hinter den Kulissen: 40 Prozent aller US-Firmen sind in die roten Zahlen gerutscht
Einige Sitze im Friedrichstadt-Palast sind mit «VIP» gekennzeichnet. (Foto: dpa) Foto: Jens Kalaene

In den USA vollzieht sich eine bislang unsichtbare „Zombifizierung“ der Wirtschaft, in deren Verlauf immer mehr Unternehmen Verluste erwirtschaften, aber ihren Bankrott mithilfe neuer Kredite für eine begrenzte Zeit weiter hinauszögern können.

Wie das Wall Street Journal berichtet, sollen rund 40 Prozent aller börsennotierten US-Unternehmen in den vergangenen 12 Monaten keine Gewinne generiert, sondern Verluste erwirtschaftet haben. Der Wert erreicht damit den höchsten Stand seit Ende der 1990er Jahre – eine Phase, welche mit dem Platzen der sogenannten „Dotcom-Blase“ ein abruptes Ende nahm. Zu den besonders betroffenen Branchen gehören demnach der Gesundheitssektor und hier insbesondere Biotechnologiefirmen, wohingegen der Anteil der Verlustmacher im Technologiesektor bei vergleichsweise geringen 17 Prozent liegen soll.

Besonders düster sieht es bei kleineren Unternehmen aus, wie aus Daten der französischen Großbank Société Générale hervorgeht. Die Analysten der Bank beleuchteten Unternehmen, welche mindestens drei Jahre in Folge in der Verlustzone wirtschafteten. Demzufolge arbeiten etwa 38 Prozent aller kleineren Unternehmen in den USA permanent defizitär. Im Segment der größten 20 Prozent Unternehmen (gemessen am Börsenwert) erwirtschaften hingegen „nur“ etwa 11 Prozent seit mindestens drei Jahren Verluste.

Der Finanzblog Zerohedge zitiert zudem eine Untersuchung der Universität Florida, der zufolge inzwischen mehr als 80 Prozent aller neu an der Börse notierten Unternehmen Verluste erwirtschaften. Den letzten Höchststand gab es auch hier Ende der 1990er Jahre kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase.

Verhindert wird ein spürbarer Anstieg der Ausfallzahlen und in der Folge eine neue Finanzkrise in erster Linie durch die Zentralbank Federal Reserve, welche ihre Geldpolitik in den vergangenen Jahren expansiv hielt und eine im Jahr 2015 begonnene zögerliche Normalisierung der Leitzinsen schließlich Ende 2018 abrupt abbrach. Seitdem wurden die Referenzzinsen dreimal gesenkt und im laufenden Jahr könnten weitere Lockerungen anstehen. Der Abbruch der Normalisierung – offiziell begründet mit den deutlichen Einbrüchen am Aktienmarkt Ende 2018 – ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die US-Volkswirtschaft und das gesamte Finanzsystem zu schwach sind, um auf eigenen Beinen zu stehen und einer permanenten geldpolitischen Unterstützung bedürfen.

Zudem schießt die Fed seit September 2019 im Zuge einer anhaltenden Notoperation monatlich zwei- bis dreistellige Milliardensummen in den Geldmarkt, um Banken, Unternehmen und Hedgefonds mit kurzfristigem Kredit zu versorgen.

Solche Operationen hatte die Notenbank zuletzt im Jahr 2009 – noch in den Nachwehen der letzten Finanzkrise – getätigt. Für das derzeit bis mindestens Ende April laufende Programm werden von Seiten der Fed keine beziehungsweise keine überzeugenden Begründungen vorgebracht. Angesichts der aus dem Nichts gestarteten Liquiditätszuschüsse – welche die Bilanz der Notenbank innerhalb von nur 4 Monaten um 400 Milliarden Dollar ansteigen ließ, obwohl die Fed bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich einer Politik der Bilanzreduzierung folgte, muss das Schlimmste befürchtet werden: Offenbar brennt es im System gewaltig, anders ist die massive Nachfrage nach kurzfristigem Kredit nicht zu erklären.

Das das strukturelle Problem einer „Zombifizierung“ vorliegt, fällt auch dem Wall Street Journal auf. „Der Anteil dieser Verlust-Unternehmen am Gesamtmarkt stieg nach jeder der vergangenen zwei Rezessionen an und sank danach nicht mehr ab. Die Geschichte ist inzwischen bekannt: Viele kleinere Unternehmen werden von den Großkonzernen dominiert. Diese drücken sie aus den Märkten und zerstören ihre Möglichkeiten, zu investieren und zu wachsen.“

Das Gesamtvolumen der Schulden amerikanischer Unternehmen hat inzwischen die Marke von 10 Billionen Dollar erreicht, was fast 50 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes entspricht. Ein besonderes Risiko stellen dabei jene Unternehmen dar, welche über eine BBB-Bonität verfügen.

Bei der BBB-Bonität handelt es sich um die niedrigste Stufe des als „risikolos“ eingestuften Anleihesegmentes, alles darunter fällt in den Bereich riskanter Anleihen. Das Problem dabei ist, dass der Anteil mit BBB bewerteter Unternehmen in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Kommt es nun zu einer Rezession, rutschen viele dieser Unternehmen in den Ramschbereich ab. Institutionelle Anleger wie beispielsweise Pensionsfonds oder Versicherungen dürfen aus regulatorischen Gründen jedoch keine Ramschanleihen in ihren Portfolien halten, weshalb sie diese sofort abstoßen müssten. Es kommt dann zu Panikverkäufen und einer Verkaufsspirale, welche nicht nur die Schuld-Zinsen für die betroffenen Unternehmen extrem erhöht, sondern auch zu Abschreibungen in den Bilanzen jener Investoren führt, die die entsprechenden Papiere nicht mehr abstoßen können, weil es schlichtweg keine Käufer mehr dafür gibt.

„Anleihen, deren Preise ohnehin schon aufgrund des sich verschlechternden Schuldenausblicks sinken, kommen zusätzlich aufgrund der Panikverkäufe unter Druck. (…) Die Möglichkeit einer breiten Abwertung von Unternehmensanleihen stellt ein Risiko für die Finanzstabilität dar“, schreibt folglich auch die Federal Reserve Bank of New York in einer Analyse zum Thema.

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