Corona-Virus ist ein Weckruf: Nur Widerstandsfähige sind Viren gewachsen

 

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02.02.2020 09:46  Aktualisiert: 02.02.2020 09:46
Der Ausbruch und die rasche Verbreitung des Corona-Virus rufen eine meist nicht beachtete Tatsache in Erinnerung: Die Entstehung der Viren ist unbekannt, die Heilung der von Viren ausgelösten Krankheiten schwierig bis unmöglich. Eine Virus-Infektion kann jede und jeden treffen. Um die Krankheit gut überstehen zu können, muss der oder die Betroffene widerstandsfähig sein. Das ist bei einem Großteil der Weltbevölkerung nicht der Fall und so steht der Gesundheitszustand von Milliarden auf dem Prüfstand.
Corona-Virus ist ein Weckruf: Nur Widerstandsfähige sind Viren gewachsen
Das 2019 Novel Coronavirus (2019-nCoV). (Foto: dpa)

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Das einzige Mittel gegen Viren sind frühzeitige Impfungen, die bewirken, dass der Körper Abwehrmechanismen entwickelt, die eine Krankheit verhindern oder zumindest abschwächen. Nur: Bei neuen Viren wie dem chinesischen Corona-Virus gibt es beim Auftreten naturgemäß noch keinen Impfstoff und so entscheidet über das Schicksal der Betroffenen ihr Gesundheitszustand. Die drohende Epidemie ist auch ein Weckruf für jene, die neuerdings ihre Kinder nicht impfen lassen und damit bewirken, dass bereits besiegte Krankheiten wie Masern wieder aktuell sind, wodurch die Widerstandsfähigkeit zusätzlich belastet wird.

Die Quarantäne-Maßnahmen können nicht lückenlos wirken

Die derzeit getroffenen Maßnahmen gegen das Corona-Virus sind als Erstreaktion sicher angebracht: Die Abriegelung der Provinz Hunan ist ohne Zweifel notwendig, doch muss man beachten, dass es sich um ein Gebiet von 211.000 Quadratkilometern mit 70 Millionen Einwohnern handelt. Hunan ist somit nicht viel kleiner als Deutschland und kann daher nicht wie eine Quarantäne-Station in einem Spital funktionieren. Auch die Einstellung des Flugverkehrs mit China ist nachvollziehbar, ebenso das Herausfliegen der Ausländer. Derartige Maßnahmen sind nie lückenlos durchzuführen, auch wenn auf den Flughäfen die Ankommenden einem Gesundheitstest unterzogen werden.

Eine Schwachstelle des Systems ergibt sich zudem aus der Tatsache, dass China große Agrarflächen in Afrika besitzt und dort auch Betriebe hat. Wenn chinesische Mitarbeiter das Corona-Virus nach Afrika bringen, so trifft es auf eine Bevölkerung mit schwacher Gesundheit, die in den vergangenen Jahren bereits tausende Todesopfer durch das Ebola-Virus hinnehmen musste.

Die Weltbevölkerung befindet sich überwiegend in einem schlechten Gesundheitszustand

Die Weltbevölkerung befindet sich in einem überwiegend kritischen Zustand und dies gilt nicht nur für die Hungergebiete.

  • In den Industriestaaten spielen Übergewicht und Fettleibigkeit eine entscheidende Rolle.
  • Der Anteil der Älteren ist bereits hoch und wächst ständig.
  • In den Krisenstaaten herrscht nach wie vor Hunger.
  • Aber auch der Schluss, dass die Jüngeren in den Wohlstandsregionen ausreichend gesund und kräftig sind, ist nicht zulässig: Zu wenig Bewegung und eine falsche Ernährung sorgen auch in dieser Gruppe für Mängel.

Trotz aller Appelle dominieren in der modernen Ernährung weiterhin Produkte mit einem hohen Fett und Zuckergehalt. Auch Salz wird extrem viel konsumiert. Die Vorliebe für Zucker und Fett entstand in frühen Phasen der Menschheitsgeschichte: Große körperliche Anstrengungen, lange Kälteperioden bei schlechten Heizungen, keine verlässliche Versorgung mit Nahrungsmitteln zwangen zum Aufbau von Reserven. In der aktuellen Komfortwelt ist das urzeitliche Essverhalten jedoch gefährlich: Die OECD meldet, dass in 34 der 36 Mitgliedstaaten die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig ist, fast 25 Prozent sind bereits adipös. Man muss also von einer Adipositas-Epidemie sprechen. Und hier ist die Rede von den USA, von Großbritannien oder Kanada. Und nicht zuletzt von Deutschland: Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig, also adipös.

Diese Daten bedeuten, dass die Hälfte der Bevölkerung gefährdet ist, einen Herzinfarkt zu erleiden, an Krebs, an Diabetes zu erkranken oder, um das aktuelle Thema abzusprechen, schlecht gerüstet ist, um ein Virus abzuwehren.

In China nimmt der Anteil der übergewichtigen Personen rasant zu

Erschreckenderweise ist das Phänomen aber nicht auf die westliche Welt beschränkt. Anfang der achtziger Jahre hat die Welternährungsorganisation FAO noch fast 90 Prozent der Chinesen als unzureichend ernährt ausgewiesen. Jetzt, vierzig Jahre später, wird, getrieben vom wirtschaftlichen Erfolg des Landes, das Gegenteil zum Problem. In China nimmt der Anteil der übergewichtigen und adipösen Personen rasant zu. Die Medizin geht davon aus, dass die Menschen aus genetischen Gründen früher und in größerer Zahl zuckerkrank werden als die ebenfalls übergewichtigen Europäer.

Dies wird mit der „thrifty geno pipe“-Hypothese erklärt:

Der Mangel an Nahrungsmitteln in den vergangenen Jahrhunderten hatte eine dramatische Selektion zur Folge. Überleben konnten nur Menschen, die mit 600 Kilokalorien pro Tag das Auslangen fanden, waren also gezwungen „thrifty“ zu sein. (Das englische Wort hat keine passende Übersetzung im Deutschen, „sparsam“ entspricht nur annähernd.) Zum Vergleich: Durchschnittliche Europäer verbrauchen derzeit 2000 bis 3000 Kalorien täglich. Die heutigen Chinesen sind als Nachfahren der „thrifty“ Menschen geprägt, bekommen aber jetzt die üppige und fette Nahrung aus dem Westen und geraten in die Adipositas-Falle.

Viren-Attacken wie die SARS-Epidemie 2003/2003 und nun der Ausbruch der Corona-Epidemie bedeuten eine fundamentale Bedrohung. In den wohlhabenden Ländern wären die Probleme leicht lösbar: Eine Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung, das regelmäßige Fitness-Training bis ins hohe Alter könnten den Gesundheitszustand der Bevölkerung rasch und nachhaltig verbessern. Allerdings ist die Bereitschaft zur Korrektur des Lebensstils zu wenig verbreitet, überwiegend verlässt man sich auf die Medizin als Reparaturwerkstatt, die die Konsequenzen der Fettleibigkeit korrigieren soll. Das funktioniert bei den üblichen ernährungsbedingten Erkrankungen recht gut, einem aggressiven Virus ist man nur bei entsprechender Kondition gewachsen. Und nicht einmal eine optimale Fitness bedeutet eine 100-prozentige Überlebensgarantie.

Zwei Milliarden Menschen sind nicht ausreichend ernährt, jeder Zwölfte auch in Nordamerika und in Europa

Am anderen Ende der Ernährungsskala sind die dramatischen Krisenerscheinungen nicht mit regelmäßigen Besuchen im Fitness-Studio zu lösen. Die Welternährungsorganisation FAO weist aus, dass zwei Milliarden Menschen nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden und über 820 Millionen hungern müssen.

Die Weltbevölkerung zählt derzeit 7,8 Milliarden Menschen, somit hat jeder Vierte Ernährungsprobleme, jeder Neunte hungert. Diese Daten werden vielfach als Problem allein der schwach entwickelten Länder in Afrika und auch in Südostasien und der Flüchtlinge in Kriegsgebiete wie etwa in Syrien und angesehen. Doch irrt man in den Wohlstandsregionen. Die FAO hat erhoben, dass aktuell in Nordamerika und in Europa 8 Prozent ebenfalls Schwierigkeiten haben sich zu ernähren. Jeder zwölfte oder dreizehnte hat nicht genug zu essen, das sind die Nachbarn der Übergewichtigen, das sind in Europa 40 Millionen Menschen.

1918 bis 1920 forderte die „Spanische Grippe“ mindestens 25 Millionen Tote

Somit befindet sich die Welt in der Situation sich an die Pandemie der Jahre 1918 bis 2020 erinnern zu müssen. Die damals wütende „Spanische Grippe“ hat weltweit mindestens 25 Millionen Tote gefordert, neueste Forschungen schätzen die Opferzahl sogar bei 50 Millionen. Das damalige Virus war, wie auch jetzt das Corona-Virus, eine besonders aggressive Abart des Influenza-Virus, also ein mit dem Grippe-Virus verwandter Schädling.

Die Charakteristika der damaligen Katastrophe sind zu beachten:

  • Die Verbreitung erfolgte besonders rasch in den Armeen, die bei Ausbruch der Pandemie noch im Ersten Weltkrieg im Einsatz waren: Die Unterbringung in engen Lagern begünstigte die Ansteckung, der Gesundheitszustand nach vier Kriegsjahren war schlecht. Eine vergleichbare Situation ist in den zahlreichen Krisen- und Kriegsgebieten heute gegeben, wobei hier nur auf die hunderttausenden Flüchtlinge in Lagern verwiesen sei.
  • In der Zivilbevölkerung hatten die lange Kriegsdauer und die ständigen Versorgungsprobleme ebenfalls die Menschen geschwächt. Paradoxerweise sind die Menschen in Wohlstandsregionen heute schwach.
  • Während üblicherweise Grippe-Wellen vor allem Kinder und Alte hart treffen, erwies sich die „Spanische Grippe“ besonders gefährlich für 25- bis 50-Jährige.
  • Auffällig war, dass auch die Schweiz und Spanien stark betroffen waren, obwohl diese Länder im Ersten Weltkrieg neutral waren und daher eine bessere Versorgunglag hatten. Letztlich ist also niemand gefeit.

Die Bezeichnung „Spanische“ hat sich durchgesetzt, weil aus Spanien die ersten Berichte über Erkrankungen kamen. Den Ausbruch vermuten Forscher heute in US-amerikanischen Kasernen.

Was kann, darf und soll die internationale Politik tun?

Die Bilanz 2020 ist dramatisch: In den Wohlstandsländern sind über 50 Prozent übergewichtig und 8 Prozent nicht ausreichend ernährt. Dies ergibt 58 Prozent, die nicht entsprechend widerstandsfähig sind, um eine Viren-Attacke zu überstehen. In den armen Ländern sind die Quoten unterschiedlich, in manchen Regionen sind sogar bis zu 90 Prozent der Bevölkerung unterernährt. Tritt ein neues Virus auf, kann die Wissenschaft nicht sofort den entsprechenden Impfstoff entwickeln. Unmittelbar gibt es kein rasch wirkendes Medikament, da Antibiotika gegen Viren wirkungslos sind.

Zu erwarten ist, dass nun die Gesundheitspolitiker weltweit hoffen werden, dass das Corona-Virus wie schon das SARS-Virus keine globale Katastrophe auslösen werde. Die SARS-Pandemie 2002/2003 nahm ihren Ausgang in der chinesischen Provinz Guandong und verlief letztlich „glimpflich“, weil „nur“ 1.000 Todesopfer zu beklagen waren. SARS gehört zur selben Viren-Familie wie das Grippe-Virus und das neue Corona-Virus. Der Stand am 31. Jänner 2020: Weltweit wurden bisher 9.800 Fälle gemeldet, 213 Menschen sind bereits gestorben.

Hoffen ist nicht genug, die Konsequenz aus der aktuellen Situation muss eine umfassende Überarbeitung der Gesundheitspolitik sein, die naturgemäß nur langfristig wirken kann. Gefordert sind allerdings alle, zu einer Verbesserung des Gesundheitszustands der Weltbevölkerung beizutragen. In den Wohlstandsländern kann und muss jede und jeder seinen Beitrag durch ein entsprechendes Verhalten leisten. Die Krisenländer in Afrika und Südostasien sind offenbar nicht in der Lage, ihre Situation zu verbessern. In der entwickelten Welt herrscht die Meinung vor, dass man nicht eingreifen soll und auch nicht könne, schließlich handelt es sich um unabhängige Staaten. Es ist fraglich, ob diese Position aufrechterhalten werden kann, wenn die Armut Pandemien begünstigt, die alle bedrohen. Vermutlich wird statt der gescheiterten „Entwicklungshilfe“ nicht zuletzt im Interesse der reichen Länder eine intelligente Politik notwendig sein, die zum Aufbau der Volkswirtschaften, zur Bekämpfung der Armut und zur Beruhigung der Krisen beitragen kann.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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