Deutschland

Dax-Konzerne schreien nach ausländischen Fachkräften - und bauen hierzulande Lehrstellen ab

Seit Jahren ruft die deutsche Wirtschaft nach ausländischen Fachkräften. Im gleichen Atemzug bauen die börsennotierten Konzerne hierzulande Lehrstellen ab. Dass zudem jedes Jahr zehntausende gut ausgebildete Deutsche auswandern, interessiert offenbar niemanden.
09.02.2020 08:49
Lesezeit: 3 min
Dax-Konzerne schreien nach ausländischen Fachkräften - und bauen hierzulande Lehrstellen ab
Das Dax-Logo. (Foto: dpa) Foto: Fredrik Von Erichsen

Es vergeht keine Woche, in der nicht irgendein Wirtschaftsverband nach einer stärkeren Einwanderung ausländischer Facharbeiter ruft. Gleichzeitig haben viele börsennotierte Großkonzerne hierzulande die Zahl ihrer Lehrstellen in den vergangenen Jahren jedoch deutlich reduziert, wie aus einer aktuellen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) hervorgeht.

Demnach verringerten die untersuchten Börsen-Konzerne die Zahl ihrer Ausbildungsstellen in Deutschland zwischen 2007 und 2017 um rund 9 Prozent von 85.000 auf 78.000 Stellen. Bemerkenswert: Im selben Zeitraum steigerten die untersuchten nicht-börsennotierten Unternehmen (die meisten davon sind kleinere oder mittelständische Betriebe, aber auch die Deutsche Bahn, Bosch oder Rewe zählen dazu) die Zahl ihrer Lehrstellen um rund 17 Prozent von 26.000 auf 31.000.

Für die Jahre 2018 und 2019 liegen keine Zahlen vor. Wie sich anhand des Untersuchungszeitraums jedoch feststellen lässt, übertrifft der Abbau bei den Börsenkonzernen den Aufbau im Mittelstand, weswegen es insgesamt zu einem Rückgang der Ausbildungsplätze hierzulande gekommen sein dürfte.

Dies alles geschieht vor dem Hintergrund des sogenannten „Fachkräftemangels“, dem die Bundesregierung mit einer erleichterten Immigration von „Fachkräften“ entgegenwirken will. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte dies Mitte Dezember noch einmal deutlich gemacht:

„Wir kennen viele Handwerke und Betriebe, die händeringend Fachkräfte suchen“, wird Merkel vom Handelsblatt zitiert. „Deshalb ist es notwendig, dass wir uns um ausreichend Fachkräfte bemühen. Denn sonst müssen Unternehmen abwandern - und das wollen wir natürlich nicht.“ Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das am 1. März in Kraft tritt, solle schnell wirken. „Ohne ausreichend Fachkräfte kann ein Wirtschaftsstandort nicht erfolgreich sein. Zum einen wollen wir natürlich unser eigenes, heimisches Potenzial ausschöpfen, durch gute Ausbildung für möglichst alle Menschen.“ Zum anderen sollten aber nicht nur Fachkräfte aus der EU nach Deutschland geholt werden, sondern auch weltweit rekrutiert werden. Es arbeiteten bereits 2,5 Millionen Menschen aus EU-Ländern in Deutschland. „Aber allein das reicht nicht aus, und deshalb müssen wir uns auch um Fachkräfte von außerhalb der Europäischen Union bemühen. Aber nun heißt es natürlich auch, die Menschen auf der Welt zu finden, die bereit sind, zu uns nach Deutschland zu kommen“, sagte die Kanzlerin. Es gehe etwa darum, wie schnell Visa erteilt werden könnten. Es müsse einen „reibungslosen Informationsfluss“ geben von deutschen Firmen zu den Ländern, in denen Fachkräfte vorhanden seien.

Der Rückzug der börsennotierten Konzerne aus der Nachwuchsausbildung verweist auf ein strukturelles Problem, welches wiederum zumindest indirekt Folge der radikalen Geldpolitik der EZB ist. In Zeiten von Nullzinsen und schleppendem Wirtschaftswachstum bilden die Aktienmärkte eines der letzten verbliebenen großen Reservoirs, um Geld anzulegen und damit Rendite zu erzielen. Aus diesem Grund verfolgen viele Aktionäre heute eine kurzfristige Anlagestrategie und sind erpicht darauf, möglichst hohe Dividenden von den Unternehmen ausgezahlt zu bekommen. Die Ausbildung der heimischen Jugend – deren „Rendite“ erst in einigen Jahren für das Unternehmen und die ganze Gesellschaft sichtbar wird – interessiert die auf der ganzen Welt verteilten Aktionäre der Dax-Konzerne in aller Regel nicht.

Verschärft wird diese strukturelle Schieflage – in deren Verlauf die Aktienmärkte quasi zu Durchlauferhitzern für renditehungrige Anleger geworden sind – auch dadurch, dass der Anteil der ausländischen Investoren am deutschen Aktienuniversum seit Jahren steigt. Berechnungen des Handelsblatts zufolge lassen sich derzeit 54 Prozent aller Aktien von Dax-Unternehmen ausländischen Investoren zuordnen. Deutsche halten nur noch etwa 30 Prozent aller Aktien. Die verbliebenen 16 Prozent lassen sich geografisch nicht zuordnen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) reagierte verbittert auf die Entwicklung. „Wenn Dax-Betriebe ihren Aktionären in 2020 geschätzt rund 37 Milliarden Euro ausschütten können, erwarte ich von ihnen auch, dass sie mehr ausbilden“, zitiert das Handelsblatt DGB-Vize Elke Hannack. „Die Strategie, fertig ausgebildete Arbeitnehmer zu rekrutieren, statt auszubilden, kann langfristig keine Lösung sein“, sagt ein Autor der WZB-Studie. Denn das gehe „zulasten der kleinen und mittleren Betriebe, der volkswirtschaftlichen Beschäftigung, des generellen Bildungsniveaus und damit der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung insgesamt“. Die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen vermeide Jugendarbeitslosigkeit und habe somit eine wichtige stabilisierende Bedeutung für die Gesellschaft. „Wer die von Familienbetrieben ausgebildeten Fachkräfte lediglich über höhere Löhne vom Markt abfischt, drückt sich vor seiner gesellschaftlichen Verantwortung“, wird der Präsident des Verbands Die Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée zitiert.

Dass große, international bekannte Unternehmen Lehrstellen abbauen, ist doppelt negativ für den Standort Deutschland. Denn es sind gerade die renommierten Namen, die sehr leicht an ausreichend qualifizierte Bewerber um Lehrstellen kommen. Mittelständler, deren Niederlassungen oft abseits der Ballungszentren liegen, erfahren deutlich weniger Interesse von jungen Menschen und klagen folgerichtig auch seit Jahren nicht nur über die abnehmende Zahl der Bewerber (auch aufgrund der demografischen Entwicklung), sondern oft auch über deren schwindende Leistungsbereitschaft und geistige Kompetenz.

Das alles spielt sich vor dem Hintergrund eines bedrohlichen Exodus gut ausgebildeter und motivierter Fachkräfte aus Deutschland ab. Wie die DWN im Dezember berichteten, verlassen jedes Jahr etwa 180.000 Menschen das Land – die meisten davon sind Akademiker. Menschen ohne akademische Ausbildung sind hingegen unterrepräsentiert, wie eine Befragung ergab. Außerdem seien die Auswanderer rund 36,6 Jahre alt. Das sei rund zehn Jahre unter dem Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung. Von der Bundesregierung oder der deutschen Wirtschaft sind keine Überlegungen bekannt, wie die Abwanderung eingedämmt werden könnte.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Nach der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Trump:Standard Chartered sieht XRP als potenziell renditestärkste Kryptowährung im Jahr 2026

Vor dem Hintergrund der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Donald Trump und einer deutlich verbesserten regulatorischen Lage in den USA...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Edeka-Händler Feneberg insolvent: 3.000 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs
09.01.2026

Die Feneberg-Insolvenz trifft den Lebensmitteleinzelhandel im Süden unerwartet hart. Trotz geöffneter Märkte und gesicherter Löhne...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt burgbad Badmöbel: Acht Millionen Euro für eine neue Produktionslogik
09.01.2026

Acht Millionen Euro investierte CEO Stefan Sallandt 2025 in die Automatisierung des Badmöbelherstellers burgbad. Damit gehört das...

DWN
Technologie
Technologie Anwendung von KI-Tools im Job: Mitarbeiter sind schneller als Arbeitgeber
09.01.2026

Noch nutzt nur jeder Fünfte KI regelmäßig am Arbeitsplatz, wie eine aktuelle Studie des ifo Instituts belegt. Doch was überrascht: Zwei...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nach 25 Jahren Verhandlungen: EU macht Weg für Mercosur-Abkommen frei
09.01.2026

Nach jahrzehntelangen Verhandlungen ist der Weg für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und südamerikanischen Staaten frei. Während...

DWN
Politik
Politik Atommülltransporte durch NRW: Gericht stärkt Genehmigung – Proteste gehen weiter
09.01.2026

Seit Monaten ist der Transport von Atommüll durch Nordrhein-Westfalen genehmigt. Nun hat ein Gericht den Widerstand des Umweltverbands...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Cybergefahr für Bankkunden: Sicherheitsamt warnt vor Betrugswelle
09.01.2026

Phishing-Mails, gefälschte Webseiten und Anrufe unter falschem Namen nehmen zu – Betrüger versuchen gezielt, an das Geld von Bankkunden...

DWN
Panorama
Panorama Berliner Blackout: Wegner startet Analyse des Krisenmanagements
09.01.2026

Nach dem öffentlichen Wirbel um sein Tennismatch während des Stromausfalls will Berlins Regierungschef Wegner verlorenes Vertrauen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zwischen Pflichtgefühl und Selbstfürsorge: So entscheiden sich Beschäftigte bei Krankheit
09.01.2026

Viele Arbeitnehmer stehen täglich vor der Frage, ob sie trotz Beschwerden zur Arbeit gehen oder eine Pause einlegen. Diese Entscheidung...