Finanzen

Apple war erst der Anfang: In den globalen Lieferketten bricht Chaos aus

Die wegen des Coronavirus veröffentlichte Gewinnwarnung Apples dürfte nur die Spitze des Eisberges sein. In den mit China verbundenen Lieferketten zahlreicher Branchen zeigen sich inzwischen immer deutlicher Verwerfungen.
19.02.2020 16:00
Lesezeit: 4 min
Apple war erst der Anfang: In den globalen Lieferketten bricht Chaos aus
Ein Blick in den Hamburger Hafen. (Foto: dpa) Foto: Christian Charisius

Am Montag gab der US-Technologiekonzern Apple bekannt, dass der fürs erste Quartal 2020 anvisierte Umsatz von 63 bis 67 Milliarden Dollar aufgrund der durch das Coronavirus in China ausgelösten Schwierigkeiten in den Lieferketten nicht einzuhalten sei. Eine neue Prognose bezüglich der erwarteten Umsätze veröffentlichte Apple nicht. Und bei iPhones gebe es Lieferengpässe, weil die Produktion in China langsamer hochgefahren wurde als geplant. Überhaupt war der Absatz von Apple-Geräten dort zuletzt zurückgegangen, da infolge der Quarantäne zahlreicher Städte – von denen Schätzungen zufolge bis zu 400 Millionen Chinesen betroffen sein sollen – viele Geschäfte zeitweise geschlossen blieben oder sehr schlecht besucht waren. Nikkei Asian Review berichtet, dass sich die Probleme Apples in China noch bis in den April hinziehen und eventuell sogar verschlimmern dürften.

Apples Probleme dürften mehr oder weniger jene Herausforderungen skizzieren, vor denen alle Unternehmen der Technologie- und Halbleiterbranche weltweit stehen: praktisch alle bedeutenden Hersteller lassen heutzutage in großem Umfang in China produzieren oder aber China stellt für die meisten einen ihrer weltweit wichtigsten Absatzmärkte dar oder beides. Als Symbol für den Status Chinas als Werkbank für Technologie-Unternehmen dient das Beispiel des taiwanesischen Zulieferers Foxconn. In dessen Fabriken in China werden – teilweise unter sklavenähnlichen Zuständen – zu Billiglöhnen jene iPhones und iPads hergestellt, auf denen der Konzern aus dem Silicon Valley seinen Aufstieg zur Billionen-Firma gründete.

Folglich gerieten nach der Gewinnwarnung von Apple am amerikanischen Aktienmarkt auch Anteilsscheine von anderen Technologie-Unternehmen wie Broadcom, Qualcomm und Intel oder von Ausrüstern wie Applied Materials unter Druck – ebenso wie jene von Infineon, Dialog Semiconductor, Aixtron oder Siltronic im deutschen Markt.

Der von der dpa befragte Analyst Sandeep Deshpande von JPMorgan sprach nach der von Apple kassierten Quartalsprognose von der „ersten Warnung eines schwergewichtigen Techkonzerns wegen der Coronavirus-Epidemie“. Er hält es für wahrscheinlich, dass auch Unternehmen aus der Lieferkette von Apple und zuvorderst Chiphersteller folgen werden. Unternehmen wie STMicro, Infineon, AMS dürften demnach zu den ersten zählen, die ein schwächelndes Geschäft signalisieren könnten, da die Lagerbestände von Chips wegen der Produktionsunterbrechungen in China stiegen, sagte Deshpande. Spätestens jetzt dürften auch andere Tech-Unternehmen damit beginnen, die Auswirkungen des Corona-Virus auf ihr laufendes Quartal zu quantifizieren. Dem Marktanalysten Stephen Innes vom Broker Axicorp zufolge könnte die „Party“ an den Börsen nun sogar zu Ende gehen: „Apple ist eine der ganz großen Wachstumsaktien, die die Märkte in der Vergangenheit nach oben getrieben hat“.

Doch nicht nur der Technologiebereich ist vom Coronavirus betroffen, praktisch alle anderen Branchen auf der Welt mit starkem China-Bezug erfahren derzeit von Problemen in ihren Lieferketten – etwa wie der Pharma- und Medikamentenmarkt.

So könnten die Produktionsausfälle in China nach Ansicht von Beobachtern schlimmstenfalls zu Antibiotika-Engpässen in Deutschland führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, würden derzeit die Lagervorräte für die Weiterverarbeitung schwinden, sagte ein Analyst der Beratungsgesellschaft Roland Berger. Kurzfristig reichten die Antibiotika-Lagerbestände zwar aus, um die Produktion aufrecht zu erhalten, doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken drohten Lieferengpässe. Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig von China, da die Herstellung in Europa nicht lohne. So würden etwa Vorstufen der Penicilline stark in der Volksrepublik produziert. Zwar sei die Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan nicht der einzige, aber ein maßgeblicher Standort für die Wirkstofferstellung, sagte der Experte der dpa. „Wenn sich die Situation in den chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird sich die Lage in Europa zuspitzen.“ Erschwerend komme dazu, dass mit dem chinesischen Neujahrsfest die Produktion ohnehin geruht habe.

In Deutschland werde etwa nötige Vorstufen von Antibiotika seit dem Produktionsende am Pharmastandort Frankfurt Höchst 2017 gar nicht mehr hergestellt, so eine Studie von Roland Berger. Lieferprobleme bei Arzneien wie Schilddrüsenmitteln oder Schmerztabletten in Deutschland sorgen unabhängig vom Coronavirus immer wieder für Kritik. So konzentriert sich die Produktion vieler Wirkstoffe auf wenige Betriebe in Asien. Seit dem Ende der 1980er Jahre beschaffen Pharmakonzerne viele Wirkstoffe immer stärker aus China, wo mit staatlichen Subventionen Produktionskapazitäten aufgebaut wurden. Die Folge: Steht die Produktion zeitweilig still oder kommt es wegen Verunreinigungen zu Arznei-Rückrufen, hakt es in der Lieferkette. Eine größere Herstellung von Antibiotika-Wirkstoffen in Europa würde aber höhere Preise und steigende Kosten im Gesundheitssystem bedeuten.

Dass Lieferketten derzeit gestört oder gar zerschlagen werden, ist nicht zuletzt auch Folge einer stark verminderten Aktivität der Häfen in China. Wie Bloomberg berichtet, sollen wichtige Häfen den Betrieb teilweise eingestellt haben. Als Folge davon türmen sich derzeit in den Häfen von Tianjin, Schanghai und Ningbo nicht abgewickelte Container mit gefrorenem Fleisch aus Südamerika, Europa und den USA, weil die Transportsysteme nicht mehr funktionierten. „Den Häfen in China geht schnell der Raum aus, um die Container zu lagern und sie haben nicht genügend Elektrizitätsanschlüsse, um die Container zu kühlen. Dies hat dazu geführt, dass viele Frachter an andere Häfen verwiesen werden mussten“, schreibt Bloomberg.

Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd sagte den Deutschen Wirtschaftsnachrichten, dass sie die Zahl ihrer Fahrten nach China derzeit reduziert. Berichten zufolge soll sich vor Singapur zudem derzeit eine riesige Wartezone mit Ölfrachtern gebildet haben, welche nicht mehr nach China weiterfahren können, weil dort die Nachfrage nach Rohöl aufgrund der Quarantänen stark zurückgegangen ist.

Da etwa 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in China erzeugt werden, dürfte der Stillstand dort je länger er dauert einen signifikanten Effekt auf den Welthandel und damit auch auf das Wachstum der Weltwirtschaft im laufenden Jahr haben. Es ist deshalb kein Wunder, dass ein Analyst des chinesischen Technologiekonzerns Alibaba den Coronavirus-Ausbruch kürzlich als „Schwarzen Schwan“ für die Weltwirtschaft bezeichnet hatte, wie der Finanzblog Zerohedge berichtet. Insbesondere die deutsche Wirtschaft mit ihrer starken Fokussierung auf Export und industriellen Erzeugnissen wie Automobilen dürfte davon betroffen sein.

Deutschlands größter Seehafen in Hamburg rechnet wegen der Krise mit einem schrumpfenden Chinahandel. Je nachdem wie lange die Einschränkungen dauerten, könne es zu einem deutlichen Rückgang im Außenhandel mit der Volksrepublik kommen, teilte der Verein Hafen Hamburg Marketing am Mittwoch mit. Dies werde Hamburg zeitversetzt an seinen Kaimauern zu spüren bekommen. Absehbar werde dies frühestens zum Ende des ersten Quartals.

Hamburg ist Europas wichtigster Umschlagplatz für Güter von und nach China. Im vergangenen Jahr wurden im Verkehr mit dem Reich der Mitte 2,6 Millionen Standardcontainer (TEU) bewegt, was ein Plus von 1,7 Prozent bedeutete. Die Menge entspricht fast einem Drittel des gesamten Containerumschlags. Insgesamt stieg dieser in Hamburg um 6,1 Prozent auf 9,3 Millionen Stahlboxen. Für das starke Wachstum sorgten vier neue Transatlantik-Linien der Reedereien mit den USA und Mexiko sowie ein neuer Asien- und ein Indiendienst. Die Menge der im Hafen insgesamt bewegten Fracht stieg um ein Prozent auf 136,6 Millionen Tonnen. Der in Hamburg dominierende Stückgutumschlag legte um 4,8 Prozent zu, während Massengut wie Kohle und Erz um 6,4 Prozent schrumpfte.

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