Russland und Serbien proben im Kosovo den militärischen Ernstfall

 

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12.03.2020 15:00
Unbemerkt von der Öffentlichkeit, proben Russland, Weißrussland und Serbien seit geraumer Zeit den militärischen Ernstfall auf dem Balkan. Im Fokus der drei Länder befindet sich das Kosovo.
Russland und Serbien proben im Kosovo den militärischen Ernstfall
Russische Einflusszonen auf dem Balkan. (Grafik: Stratfor)

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Russland hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Serbien und Weißrussland mehrmals Manöver unter dem Namen “Slavic Brotherhood” durchgeführt. Im vergangenen Jahr fand das Manöver der Streitkräfte der drei Länder in der nordserbischen Stadt Pancevo statt. Ungefähr 600 Soldaten, darunter mehr als 200 Personen der russischen Luftstreitkräfte, etwa 300 Personen der serbischen Streitkräfte und bis zu 60 Soldaten aus Weißrussland sowie mehr als 50 Kampffahrzeuge nahmen an dem Manöver teil. Der serbische Militärexperte Nikola Lunic sagte dem Blatt Balkan Insight, dass sich “Slavic Brotherhood” auf den Anti-Terror-Kampf fokussiere.

Die Legende des Manövers “Slavic Brotherhood 2018” sah vor, dass eine Gruppe von Terroristen gleichzeitig eine Stadt und eine Kolonne von Koalitionskräften angreift. Die gemeinsamen taktischen Gruppen, bestehend aus russischen, weißrussischen und serbischen Streitkräften (insgesamt acht Einheiten, die von der russischen Luftfahrt zum Einsatzort gebracht wurden), sollten die Gegner eliminieren. Die am Manöver beteiligten Anti-Terror-Einheiten sollten einen sofortigen Angriff gegen die Terroristengruppen starten. Während ein Teil der Truppen eine Verteidigungsfunktionen ausüben sollte, um den Rückzug der Gegner zu verhindern, sollten die Haupttruppen gegen die Rückseite der simulierten extremistischen Formationen vorstoßen, berichtet die Zeitung Zvezda. “Slavic Brotherhood 2018” fand in der russischen Hafenstadt Noworossijsk statt.

Das Manöver hatte deutlich gezeigt, dass Moskau einen besonderen Schwerpunkt auf die Entwicklung und den Einsatz von Fähigkeiten der elektronischen Kriegsführung legt. Abgesehen von dem multifunktionalen Infauna-Nachrichtenkomplex, der Kommunikations-Gegenmaßnahmen erleichtert und die Empfänger feindlicher funkgesteuerter Sprengkörper blockiert, wurde während des Manövers ein Aistyonok-Gegenbatterie-Radarsystem verwendet.

Das Aistyonok kann Berichten zufolge die Position von Feuerwaffen erfassen, die Flugbahn eingehender Granaten berechnen und unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) kontrollieren. Diese Ausrüstung wurde zusammen mit Orlan-10-UAVs, die zuvor von Russland in Syrien und der Ukraine getestet wurden, verwendet, um Informationen über den Aufenthaltsort des simulierten Feindes zu sammeln. Darüber hinaus verwendeten die serbischen Spezialeinheiten im Rahmen des Manövers das russische zukünftige Infanterie-Kampfanzug Ratnik, das aus modernisierten Körperpanzern, einem Helm mit einem speziellen Augenmonitor, fortschrittlichen Kommunikationssystemen und speziellen Kopfhörern besteht.

“Slavic Brotherhood” gewinnt vor dem Hintergrund der Beteiligung Russlands an verschiedenen Auslandskonflikten in seiner größeren Nachbarschaft, insbesondere in Syrien, eine viel breitere militärstrategische Bedeutung, so Rusvesna. In den vergangenen Jahren forderten viele der führenden Militärstrategen Russlands die russischen Streitkräfte zunehmend auf, ihre “syrischen Erfahrungen” zu nutzen, um sich besser auf zukünftige Konflikte vorzubereiten und ihre Ausbildungsmethoden zu verbessern.

Russland sieht das Kosovo als Bestandteil Serbiens

Russische Einheiten haben in den vergangenen Jahren in mehreren Konflikt-Regionen Erfahrungen sammeln können. Besonders hervorzuheben ist die Rolle der russischen Luftlandetruppen in verschiedenen regionalen Kriegen in Transnistrien, im Südkaukasus und insbesondere auf dem Balkan. Der sogenannte “Pristina-Marsch” (“Brosok na Prishtinu”) der Luftlandetruppen im Juni 1999 wird in Moskau nach wie vor weithin als angeblicher Beweis für die hohe Moral und militärische Überlegenheit Russlands im Vergleich zum Westen angesehen.

Dem russischen Militärexperten Generalleutnant Juri Netkatschow zufolge können die Taktiken, die im Rahmen von “Slavic Brotherhood” trainiert werden, “in der Donbass-Region und auf dem Balkan, nämlich im Kosovo, angewendet werden”. Schließlich müsse das Kosovo als ein “integraler Bestandteil Serbiens” angesehen werden. Allerdings werde die Anwendung nicht sofort, sondern in Zukunft erfolgen. Bis dahin bleibe das Kosovo unter der Kontrolle der Nato, zitiert die Zeitung Nezavisimaya Gazeta Netkatschow.

Russland will seinen Einfluss auf dem Balkan erweitern. Wie wichtig in diesem Zusammenhang die Verzahnung der Streitkräfte Russlands, Weißrussland und Serbiens ist, hat eine kürzliche Entwicklung gezeigt.

Ende Dezember 2019 unterzeichneten die Verteidigungsministerien Weißrusslands und Serbiens 2020 einen bilateralen militärische Kooperationsplan. Darüber hinaus werden 2020 zum ersten Mal in der Geschichte der bilateralen Beziehungen weißrussisch-serbische Militärübungen mit dem vorläufigen Titel “A Joint Strike” abgehalten. Im aktuellen Jahr soll auch das trilaterale Manöver “Slavic Brotherhood 2020” stattfinden.

Warum der Balkan wichtig ist für Russland

Das Russian Council mit Sitz in Moskau führt im Zusammenhang mit dem Balkan aus: “Die Außenpolitik Russlands auf dem Balkan hat sich in den letzten drei Jahrzehnten stark verändert. Dies geschah hauptsächlich unter dem Einfluss externer Faktoren. In den neunziger Jahren befand sich der Balkan an der Peripherie der außenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen Russlands - Russland rechnete mit dem Aufbau von Beziehungen zur Europäischen Union und zu den USA. In den Jahren der ,pragmatischen Zusammenarbeit’ mit der Europäischen Union (erste Hälfte der 2000er Jahre) war Russland durch Wirtschaftsdiplomatie auf dem Balkan präsent. Als sich (ab der zweiten Hälfte der 2000er Jahre) Widersprüche zwischen Moskau und Brüssel häuften, rückten militärische und politische Fragen in den Vordergrund. Dies machte das Problem eines Interessenkonflikts in den Bereichen des unmittelbaren Kontakts - wie dem Baltikum, Mitteleuropa, Südosteuropa und dem Balkan - besonders relevant.”

Russland hat sehr enge historische, kulturelle und religiöse Verbindungen zum Balkan. Das Atlantic Council mit Sitz in Washington D.C. berichtet: “Die geostrategische Lage der Region zwischen Schwarzem und Mittelmeer sowie die Nähe zum Nahen Osten sind für Moskau ebenfalls wichtig. Das Schwarze Meer bietet Russland Zugang zu Warmwasserhäfen, wobei die Suche nach ihnen ein historischer Treiber der diplomatischen und militärischen Aktivitäten Russlands in Südosteuropa war. Und als eine der letzten Regionen Europas, die noch nicht vollständig in die euro-atlantischen Strukturen integriert wurde, stellt der Balkan ein offensichtliches Ziel für Operationen mit russischem Einfluss dar, die darauf abzielen, die EU auszubremsen und sogar die Nato-Erweiterung zu verhindern.”

Die Einfluss-Kampagne des Kremls auf dem Balkan soll möglicherweise auch dazu beitragen, dass sich der Westen mit den dortigen Geschehnissen befasst - und die Ereignisse, die sich in anderen Ländern abspielen, sozusagen "vergisst". Dazu gehören die Militarisierung des Asowschen Meeres, die sich verschlechternden Kriegsbedingungen in der Ostukraine, die sich bewegenden Grenzlinie Südossetiens sowie Moskaus subtile Einflussoperationen gegen Armenien nach der Samtenen Revolution. “Für Russland ist der Balkan ein Instrument, um die Aufmerksamkeit von anderen Aktivitäten abzulenken und die allgemeinen europäischen Sicherheits- und Wirtschaftsinstitutionen zu beeinflussen”, so das Atlantic Council.

Das International Institute for Strategic Studies (IISS) wörtlich: “Russlands erklärtes politisches Ziel ist es, die Integration des westlichen Balkans in die EU oder die Nato zu verhindern. Moskau versucht, nach Möglichkeit Zwietracht zu säen, da diese Störung teilweise ein Gegengewicht zum westlichen Engagement in der Ukraine darstellt.”

Serbien will das Kosovo haben

Das Kosovo ist für Russland und Serbien der politische Dreh- und Angelpunkt, um sich auf dem Balkan behaupten zu können. Am 10. März 2020 sagte die Direktorin des "Zentrums für geostrategische Forschung" in Belgrad, Dragana Trifkovic, bei einem Besuch in Moskau, dass das Kosovo bisher nicht imstande gewesen sei, seine eigenständig proklamierte Unabhängigkeit umzusetzen. “Das einzige rechtsgültige Dokument über das Kosovo und Metochien ist die aktuelle UN-Resolution 1244, die international die Souveränität Serbiens über dieses Gebiet bestätigt. Der Westen versucht, das Völkerrecht zu ändern und dieses Problem zum Nachteil der staatlichen und nationalen Interessen Serbiens zu lösen”, zitiert Regnum Trifkovic. Belgrad setzt sich deshalb dafür ein, dass das Kosovo-Problem unter der Schirmherrschaft der UN gelöst wird, zumal Russland im UN-Sicherheitsrat als Vetomacht einen enormen Einfluss hat. “Stattdessen wird die Kosovo-Frage heute unter direkter Beteiligung der USA diskutiert, die diese separatistische Einheit gebildet haben”, meint Trifkovic. Serbien könne kein Abkommen unterzeichnen, das sich nicht auf die UN-Resolution 1244 stütze.

Trifkovic sagt, dass Russland ein Interesse an der Verhinderung der Unabhängigkeit des Kosovo habe, weil im Anschluss nicht nur das Kosovo, sondern auch Serbien und Bosnien-Herzegowina der Nato beitreten müssten, um ihre eigene Sicherheit gewährleistet zu sehen. Es würde also eine Kettenreaktion eintreten. Zudem könnte sich Trifkovic zufolge die russophile Haltung der Serben ins Gegenteil umschlagen.

Eine diplomatische Einigung um den Status des Kosovo wird in absehbarer Zeit nicht möglich sein. Viel wahrscheinlicher ist angesichts der Vorbereitungen Russlands, Weißrusslands und Serbiens im Rahmen des Manövers “Slavic Brotherhood”, dass im Grenzgebiet zwischen Serbien und dem Kosovo ein Konflikt niedriger Intensität in Verbindung mit Pogromen und Unruhen eintritt.


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