Die Angst lähmt und löst Panik aus: Finanzkrise, Klimawandel und nun Corona-Virus

 

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16.03.2020 15:08
Der Mensch braucht die Angst - sie ist ein bestimmendes Element des menschlichen Verhaltens. Doch wir nutzen sie nicht, um geeignete Gegenmaßnahmen gegen das drohende Unheil zu treffen. Stattdessen verfallen wir in Panik - so wie während der Finanzkrise 2008, beim drohenden Klimawandel und jetzt in der Corona-Krise.
Die Angst lähmt und löst Panik aus: Finanzkrise, Klimawandel und nun Corona-Virus
Der Wolf löst im Menschen Urängste aus. (Foto: dpa)

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Angst ist ein bestimmendes Element des menschlichen Verhaltens. Entscheidend geprägt wurde dieses Gefühl in der Urzeit, als man den übermächtigen Naturgewalten hilflos ausgesetzt war. Später trugen Religionsführer, die einen rächenden, strafenden Gott zur ständigen Bedrohung hochstilisierten, dazu bei, im Bereich des Unbewussten ein hohes Angstpotenzial aufzubauen.

Was die Naturgewalten angeht: Sie wurden durch die Technik entschärft. Und was die Angst vor dem strafenden Gott angeht: Die Aufklärung hat den Menschen einen Weg für den Umgang mit solchen Fragestellungen an die Hand gegeben.

Die daraus resultierende Konsequenz sollte eigentlich sein, dass wir in einer Gesellschaft ohne kolossale Ängste leben könnten, doch da macht das Unbewusste nicht mit: Die Angst ist ein ständiger Begleiter des Menschen – und sie muss befriedigt werden, das Unterbewusstsein kann nicht ohne sie. Doch der Alltag in hoch entwickelten westlichen Gesellschaften verläuft in aller Regel ziemlich harmlos – darum nutzt das Unterbewusstsein konkret fassbare Bedrohungen, um sein Bedürfnis nach Angst zu befriedigen.

Die Reaktion auf das Corona-Virus entspricht der Lähmung in gefährlichen Situationen

Die Folge sind Erscheinungen wie jetzt die Reaktionen auf das Corona-Virus, die in gleicher Weise nach der Finanzkrise 2008 und im Zusammenhang mit dem Klimawandel auftraten beziehungsweise auftreten: Es besteht eine tatsächliche Gefahr, die aber nicht genau definiert wird und auf die man daher auch nicht überlegt reagiert. Vielmehr lässt man der Angst freien Lauf und bemüht sich nicht um eine Analyse und um mögliche Antworten. Das Prinzip, es gibt Blitze, sie sind gefährlich, und deshalb errichten wir einen Blitzableiter, wird nicht angewendet.

In diesen Stunden wird die Welt zum totalen Stillstand verurteilt, um vermeintlich eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Dieses Verhalten entspricht der Lähmung, die auch einzelne in gefährlichen Situationen erleben, in denen sie „sich nicht rühren“ können. Für das Gebot der Stunde, „kühl und überlegt“ zu reagieren, sind die Betroffenen nicht mehr empfänglich.

Die Politiker betreiben aktuell einen spektakulären Aktionismus, um zu zeigen, dass „man alles unternehme, um die Bürger zu schützen“ – was jedoch die Unsicherheit der Menschen noch vergrößert.

Die Konzentration auf die wesentlichen Gefahren durch das Virus fehlt

Die Widersprüche seien an einigen Beispielen demonstriert:

Das neue Virus ist vor allem eine Gefahr für die Lunge:

  • Also wäre es naheliegend, alle Menschen mit Lungenkrankheiten oder einer generellen Immunschwäche durch sonstige Krankheiten wie Diabetes oder Krebs vorsorglich in Heimquarantäne zu senden. Tatsächlich werden derzeit tausende Gesunde isoliert, die nur der üblichen Gefahr ausgesetzt sind, ein oder zwei Wochen grippekrank im Bett zu liegen.
  • Wenn es um die Lunge geht, wäre wohl ein globales Rauchverbot für die Gefahrenperiode von vier oder sechs Wochen zu verhängen. Davon ist keine Rede. Am Rande angemerkt sei, dass 44 Prozent des Welttabakkonsums in China, dem Ursprung des neuen Virus, stattfindet.
  • Fahrzeuge (vom PKW bis zum Flugzeug), die überdurchschnittlich viele Abgase produzieren, wären zu verbieten und das möglichst auf Dauer.
  • Statt die gesamte Wirtschaft lahmzulegen, sollte man sich auf jene Fabriken konzentrieren, die die Umweltauflagen nicht erfüllen: Würden diese mit einem Produktionsverbot belegt, so könnte man sicher sein, dass die Betreiber prompt reagieren und die erforderlichen Maßnahmen umsetzen. Auch die Verweigerung der Abnahme von Produkten aus diesen Anlagen wäre hilfreich. Eine Vorgangsweise, die global erfolgen müsste, statt der derzeit stattfinden globalen Panikmache.

Eine besondere Groteske bildet die Schließung der Schulen. Kinder sind nicht gefährdet, können aber Träger des Virus sein und die Infektion weitergeben. Und wohin kommen Kinder, die nicht in die Schule gehen können? Zu den Großeltern! Also zur eigentlichen Risikogruppe, zu den Älteren, die meist weniger widerstandsfähig sind.

Geradezu skurril ist die plötzliche Entdeckung der Bedeutung des Händewaschens. Man weiß seit der 1848 (!) fertig gestellten Studie des Wiener Mediziners Ignaz Semmelweis, dass regelmäßiges und gründliches Händewaschen zu den wichtigsten Hygiene-Maßnahmen gehört. Vielleicht bringt das Corona-Virus nun, 2020, den Durchbruch.

Die Finanzkrise im Herbst 2008 löste einen weltweiten, aber unbegründeten Schock aus

Die Finanzkrise erweist sich bei näherer Betrachtung als Parallelfall.

Im Herbst 2008 kam es zur Pleite der US-Bank „Lehman“ und in der Folge zum Stillstand des globalen Finanzwesens. Keine Bank traute sich noch, mit einer anderen zusammenzuarbeiten, aus Angst, auch diese könnte untergehen und das überwiesene Geld wäre verloren. Der Zusammenbruch des Geldkreislaufs war der vermeintlich offenkundige Nachweis, dass die Weltwirtschaft in die Krise geraten sei. Unter dem Schock kam der Großteil des Wirtschaftslebens zum Erliegen und die Börsenkurse fielen dramatisch. Was war geschehen, und wie sahen die Maßnahmen aus?

Das Bank Lehman war nicht unrettbar pleite. Die nach dem Krach erfolgte Abwicklung brachte Milliarden an Vermögenswerten für die Gläubiger. Das Problem bildete vielmehr eine Liquiditätsenge. Das Finanzministerium und die Notenbank hätten helfen können. Der damals tätige Finanzminister war aber der frühere Generaldirektor des schärfsten Konkurrenten von Lehman und half nicht. Der Auslöse war also eine banale Intrige. Dass ein derartiges Ereignis so überbewertet wurde, hatte allerdings weitere Ursachen. Im Finanzwesen waren in den Jahren bis 2008 große Risiken aufgebaut worden, die in der Schocksituation nicht zu managen waren:

  • Viele Banken betrieben enorme Spekulationen mit Milliardenbeträgen. Wenn mit Milliarden gewagte Transaktionen unternommen werden, dann gehen im Falle des Scheiterns auch Milliarden verloren.
  • In größeren Umfang wurden durchschnittliche Kredite gebündelt und mit einem Abschlag an Investoren verkauft. Die jeweilige Bank war das Risiko los, der Investor rechnete mit den Zinsen und hoffte, dass die gesamten Kredite zurückgezahlt würden, sodass der Abschlag zu einem Gewinn werden würden.

Tatsächlich ging die Rechnung nicht auf. Die Kredite wurden von Computern verwaltet, die bei Unregelmäßigkeiten den Kredit automatisch fällig stellten. In der Krise fand dies unzählige Male statt – und letztlich wurden diese Kreditpakete zu einem riesigen Verlustgeschäft. Bei tausenden von Fällen stellte sich allerdings heraus, dass bei einer normalen Betreuung durch die Bank die Kredite leicht zu sanieren gewesen wären. Als Folge mussten Milliarden Schadenersatz-Zahlungen an Betroffene bezahlt werden, die ihre Häuser, Wohnungen oder Geschäfte verloren hatten.

Einen weiteren Krisenherd bildete der Handel mit Risiken. Der mögliche Ausfall eines Kredits, einer Anleihe oder einer sonstigen Schuld wird gegen eine Risiko-Prämie von einem Anleger übernommen. Bei normalem Geschäftsverlauf sind die Verluste, die auf diese Weise abgesichert werden, überschaubar. In der Krise sind die Übernehmer des Risikos überfordert.

Außerdem wurde keine Gelegenheit ausgelassen, um kunstvolle Sonderkonstruktionen zu erfinden. Ein Beispiel: Der Risiko-Übernehmer musste nicht nur zahlen, wenn etwa die komplette, abgesicherte Anleihe ausfiel, sondern schon bei einem Kursverlust von – beispielsweise – zehn Prozent. Eine derartige Bedingung war besonders gefährlich, löste aber naturgemäß eine höhere Prämie aus.

Die Reaktion war übertrieben, die folgenden Maßnahmen in Europa erwiesen sich als schädlich

Mit dieser für den Außenstehenden kaum durchschaubaren Welt hatte die Realwirtschaft der Produktion und des Handels nichts zu tun. Das Spekulations-Virus war ein Problem der Finanzwelt. Es dauerte aber Monate, bis der Schock abebbte und allgemein realisiert wurde, dass die globale Aufregung unbegründet gewesen war. Allerdings blieb der Einbruch nicht ohne Folgen und manche Auswirkungen sind bis heute, fast zwölf Jahre später, immer noch spürbar. Nicht zuletzt, weil die Politik vor allem in Europa falsch reagiert hat.

  • Eine der wichtigsten Maßnahmen wäre die drastische Einschränkung der Spekulation gewesen. Dies ist den USA mit dem Dodd-Frank-Act geschehen und hatte zur Folge, dass die US-Banken heute in einer sehr guten Position sind.
  • In Europa wurde die Spekulation nicht unterbunden, sodass diese weiterhin mit gigantischen Beträgen erfolgt. Mit dem Regelwerk Basel III und zahlreichen anderen Maßnahmen schränkte die Politik hingegen die Kreditfinanzierung ein. Die Folge ist ein schwächeres Wachstum der Gesamtwirtschaft und ein Rückzug der Banken, die tausende Mitarbeiter abbauen und reihenweise Filialen schließen.
  • Die europäische Regulierung verstieg sich sogar zu der Groteske, den Banken die Bündelung und den Verkauf von Krediten zur Verringerung des Gesamtrisikos zu empfehlen. Eine der Krisenursachen 2008 ist heute eine Vorgabe der europäischen Bankenaufsicht. Dass die Übernahme und das Managen von Risiken als Partner von Unternehmen und Privathaushalten die zentrale Aufgabe einer Bank ist, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Der Irrglaube, die Propaganda gegen CO2 würde den Klimawandel korrigieren

Der Klimawandel löst ähnliche Fehlentwicklungen aus.

Seit den 1980-Jahren wird vor den Folgen einer Zunahme des CO2-Gehalts in der Luft gewarnt. Mittlerweile ist dieses Thema weltweit bekannt und wird in allen Bereichen berücksichtigt. Das geht mittlerweile so weit, dass vielfach die Meinung vertreten wird, die Reduktion von C02 allein würde bereits den Klimawandel korrigieren. Und auch hier kommt es zu Forderungen, die darauf abzielen, das gewohnte Leben zu korrigieren und die Wirtschaft entscheidend zu verändern. Besonders absurd: So mancher Klimaaktivist beschwert sich in diesen Tagen lautstark, dass wegen des Corona-Virus enorme Eingriffe in den Alltag vorgenommen werden, vergleichbare Maßnahmen aber zur Bekämpfung des Klimawandels nicht erfolgen.

  • Es ist kaum realistisch, dass eine Änderung bei der CO2-Entwicklung allein das Problem des Klimawandels lösen kann. Der Anteil an der Luft beträgt 0,04 Prozent und könnte auf 0,05 Prozent steigen. Nicht zufällig wird der Wert stets mit 400 und 500 ppm (ppm = ein Prozent von einem Prozent von einem Prozent) angegeben, weil die Zahl eindrucksvoller klingt.
  • Zur Orientierung: Unter 0,02 Prozent funktioniert die Photosynthese nicht und das Atmen auf der Erde wird unmöglich.
  • Dennoch: Das Thema ist relevant. Die entscheidende Gegenmaßnahme wäre eine umfassende Aufforstung weltweit, die nachgewiesen möglich ist ohne die Besiedlung, die Landwirtschaft und die Produktion zu behindern. Die Aufforstung geschieht nicht – in Südamerika erfolgt sogar das Gegenteil.
  • Eifrig werden aber Kongresse veranstaltet und neuerdings gilt sogar das Schule-Schwänzen am Freitag um an Greta Thunbergs “Fridays for Future“ teilzunehmen als Beitrag gegen den Klimawandel. In der Politik beliebt sind unrealistische Ankündigungen, die möglichst oft wiederholt werden.
  • Auch hier, wie beim Corona-Virus, fehlen die Analysen und die konkreten Maßnahmen. Bei der Aufforstung gibt es zwar die Analyse, aber die Umsetzung findet nicht statt. Zudem: Welche genauen Ursachen und Auswirkungen haben die Hitzeperioden, die Stürme, die Veränderung der Meere, die Starkregen, etc.?
  • Meist sind Wetter-Entwicklungen nicht korrigierbar, also müssen, genauer müssten die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden: Hochwasserschutz nicht nur bei den Flüssen, auch bei den Meeren, Klimaanlagen, strengere Bauordnungen etc. wären erforderlich.

In der Öffentlichkeit wird gerne der Eindruck erweckt, es genügt das Kohlenstoffdioxid in den Griff zu bekommen und davon würden sich alle Umwelt-Probleme von selbst lösen. Der Vergleich drängt sich auf: Man müsse nur das öffentliche Leben lahmlegen, dann verschwindet das Corona-Virus. Oder: Wenn man das Risiko aus den Banken vertreibt, dann gibt es keine Wirtschaftskrisen mehr. Derart simple Antworten passen zum Phänomen der panischen Angst vor enormen, unbekannten Gefahren – aber als Problemlöser sind sie unbrauchbar.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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